Disarstar – Minus X Minus = Plus // Review

(Warner Music)

 
Auch wenn Minus mal Minus in der Welt der Zahlen Plus ergibt: In der Realität hebt sich Leid längst nicht so leicht auf. »Arm wird ärmer, reich wird reicher/Der Chef verdient das Fünffache wie der Abteilungsleiter/Und der Abteilungs­leiter verdient das Fünffache wie du/Und greift durch, damit du die Leistung steigerst«, rechnete Disarstar auf dem letztjährigen Mixtape »Sturm und Drang« vor. Auf seinem zweiten Album »Minus x Minus = Plus« klingt die ­Rechnung ähnlich, wenn der Hamburger im Track »Glücksrad« mit denselben ­Zahlenspielen das Märchen von der Chancengleichheit zerpflückt. Für solche Gegensätze zwischen Armen und Reichen, Oben und Unten interessierte sich Disarstar schon vor zwei Jahren auf seinem Debüt. Als überzeugter Antifaschist und Antikapitalist wollte der damals erst 21-Jährige globale wie persönliche Kontraste ­beleuchten, übernahm sich mit diesem ambitionierten Projekt jedoch und lieferte ein durchwachsenes Album zwischen Kitsch und echter Kapitalis­muskritik. Die persönlichen Widersprüche machen Disarstar auch auf seinem zweiten Album angreifbar, wenn er mit Major im Rücken das kapitalistische System beklagt oder über die Konsumkultur herzieht, dann aber im Video zum brachialen Track »Death Metal« mit goldener Armbanduhr vorm Benzer posiert. Man kann genau das allerdings auch als Stärke von »Minus x Minus = Plus« ansehen, weil Disarstar nicht nur mit dem Finger auf andere zeigt, sondern sich selbst als Teil des Problems erkennt – wenn er sich beispielsweise mit Tua in »Konsum« selbst als Konsumopfer entlarvt. Schon auf »Kontraste« war die Systemkritik nie wirklich subtil, die Konzepte der Tracks dagegen häufig überladen. Auf »Minus x Minus = Plus« findet er nun zu einer Einfachheit, die besser zur sehr direkten Message passt und dem Album daher gut tut. Das erkennt man bereits an den Tracks, die nicht mehr »Capitis Deminutio Maxima« oder »Anno 2300«, sondern »Konsum« oder »Kapitalismus« heißen. In eben diesem rechnet Disarstar dann noch mal vor, warum Menschen weltweit im Minus leben und stellt die Systemfrage. Simple Mathematik?

Text: Daniel Welsch

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