Die 20 besten Instrumental HipHop Alben 3

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11 RJD2 – Deadringer
(Def Jux, 2002)

Columbus, Ohio, 2002. Der Millenium Bug ist ausgeblieben, die Welt ist immer noch da, und dennoch beschäftigen sich RJD2s Def-Jux-Labelkollegen weiter damit, jedes Moll noch bedrohlicher, jeden Backbeat noch vertrackter zu gestalten. RJD2, seit kurzer Zeit Neuling auf dem Imprint, ist da deutlich entspannter und schreibt Songs, auf deren Beipackzettel steht: Kann Spuren von Beatles enthalten. Und jetzt bitte mal alle mitsummen. Der üblichen Sound-Dekonstruktion setzt »Deadringer« Popsongs entgegen, bedient sich an Brian Eno und Steppenwolf und pflanzt so ein gelassenes Stück Sample-Freude auf den kargen Hügel der Rap-Avantgarde. RJD2 ist die Popsau des Def-Jux-Stalls und zeitgleich der Beweis, dass El-P nicht nur Dekonstruktion im Sinn, sondern auch einen exquisiten A&R-Riecher hat. Klar, Vergleiche mit DJ Shadow sind so berechtigt wie ungerecht – wie bei jedem Instrumental-Album nach 1996. Doch seit »Endtroducing« hat keines eine größere Bandbreite an Samples zu hör- und genießbaren Songs verwurstet. Natürlich ist das manchmal cheesy oder pathetisch. Aber verdammt will ich sein, wenn nicht auch die härteste Untergrundkatze mal Damenbesuch bekommt, die vielleicht sogar zum Frühstück bleibt. Und dann kommste mit Cannibal Ox halt nicht weiter. Verstehste? Eben. So funktioniert Popmusik: Gefühl schlägt Inhalt. Das einzige und doch völlig unpeinliche Pop-Album der Def-Jux-Labelhistorie geschrieben zu haben, ist RJD2s große Leistung auf »Deadringer«.
Daniel Köhler

12 Madlib – Shades Of Blue
(Blue Note, 2003)

Es ist eine weit verbreitete Annahme unter HipHop-Ahnungslosen, dass der ­gemeine Sample-Heini so gar keinen Plan von Musik hat. Denn er hat ja nicht die passende Ausbildung als Konzertpianist und spielt keine eigenen Melodien ein, sondern verwendet nur Samples, sprich: schon fertige Musik. Wenn man sich nun Madlibs »Shades Of Blue« anhört, stellt man fest, dass diese These ausgemachter Blödsinn ist. Die Macher des Kult-Jazzlabels Blue Note gewährten dem Beat Konducta hierfür uneingeschränkten Zugang zu ihrem Archiv, doch das Entscheidende waren nicht nur die exquisiten Sample-Quellen von Donald Byrd bis Horace Silver, sondern eben auch ­Madlibs intuitive Herangehensweise. Wer sich ein wenig mit Jazz auskennt, der weiß, wie schwierig es ist, die komplexe Rhythmik auf ein 4/4-HipHop-Schema herunterzubrechen. Dabei eine Symbiose zu kreieren, die auch noch den Komponisten der Originalstücke gefällt, ist eine glatte Meisterleistung. Madlib macht aus alten Samples neue, zeitlose Musik, die weder irgendwelchen Trends folgt noch an veralteten Dogmen festhält. Madlib ist Madlib. Und für eine weiterführende Analyse der Herangehensweise des Oxnard’schen Beat Genius bräuchte es vermutlich wirklich einen ausgebildeten Konzertpianisten.
Julian Gupta

13 Blockhead – Music By Cavelight 
(Ninja Tune, 2004)

Blockhead kannte schon vor seinem Debüt jeder aufrechte Rucksack-Rap-Freund von seinen Produktionen für Aesop Rock. Bevor »Music By Cavelight« erschien, war das Interesse der Industrie entsprechend groß, u.a. bekundeten Labels wie Warp ihr Interesse, die Platte zu veröffentlichen. »Music By Cavelight« erschien schließlich über Ninja Tune und passte auch perfekt in den damaligen Klangkosmos der Instrumental-Schmiede. Blockheads Debüt war nicht nur eine Ansammlung von einfachen Beats, sondern es waren Sound-Collagen, die vom ersten Ton an auf Atmosphäre ausgelegt zu sein schienen. Was heute eher über flächige Sounds und zurückgenommene Instrumentierung zu funktionieren scheint, gelang ihm hier durch sein Gespür für Harmonien. Trotz Beatwechsel war der Opener so etwas wie der Eingang in ein Klanguniversum, in dem vor allem melancholische Zwischentöne dominierten. Doch auch wenn auf seinem Debütalbum eher diese Seite seines Schaffens dominierte, war »Music By Cavelight« mehr als nur ein weiteres verträumtes Instrumental-Album, was Tracks wie »Carnivores Unite«oder »Road Rage Breakdown« belegten, die Blockhead auf die Playlist jeder anständigen Untergrund-Party brachten.
Julian Gupta

14 J Dilla – Donuts
(Stones Throw, 2006)

Wenn »Donuts« ein Beat-Tape ist, dann sind die Beatles eine Rockband. Keine HipHop-Platte der letzten zehn Jahre hat mehr Menschen inspiriert als dieses knapp dreiviertelstündige Sammelsurium aus Skizzen, Rap-Songs ohne Rap und kleinen Geniestreichen eines Beat-Gotts auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Zwischen Santo Domingo und Köln-Ehrenfeld findet sich wohl kein Kaff mehr, in dem nicht zumindest einer Mucke macht. Weil er »Donuts« gehört hat und seitdem weiß, dass er nicht alleine ist mit dieser Sucht nach Loops, Snares und Kicks. Dass er nicht verrückt ist, nur weil sein Vater es ihm jeden Tag beim Abendessen sagt. Dass es zwischen Puffy-Yacht-Ruhm und der ewigen Reue, es nicht geschafft oder zumindest versucht zu haben, noch andere Wege gibt, mit sich und dem Traum von einem Leben mit der Musik ins Reine zu kommen. Die Geschichte vom todkranken James Yancey im Krankenbett, rundum glücklich mit der MPC in seinen vom Lupus geschwächten Armen, ist zu kitschig, um wahr zu sein. Die Karriere des stets etwas unterschätzten Genies, das drei Tage vor seinem Tod sein wichtigstes Album veröffentlicht, ohne es zu wissen, und damit zur Ikone wird, ist zu unwahrscheinlich, als dass sie je hätte passieren können. Aber sie ist wahr, sie ist passiert und sie ist noch viel mehr als das. Man könnte sagen, in »Donuts« steckt die Quintessenz aus 15 Jahren Musikschaffen, das ­Beste aus ­Detroit, Native Tongues, Ummah, Soulquarians und Stones Throw. Aber das stimmt nicht. In »Donuts« steckt etwas viel Wichtigeres: Herz, ­Leidenschaft, Selbstachtung, Wille und grenzenlose Liebe. Es gibt gestandene Männer, die dieses Album nicht hören können, ohne dass ihnen die Tränen in die Augen schießen. Ich bin dankbar, einer davon zu sein.
Davide Bortot

15 Onra – Chinoiseries
(Favorite, 2007)

Gerade bei Sammlern wird in fremden Gefilden der Jagdinstinkt geweckt. So auch jener von Arnaud Bertrand, als er sich im Sommer 2006 auf einem Urlaubstrip durch das ­vietnamesische Geburtsland seines Vaters befand. Er brachte einen reichhaltigen Fundus an lokaler Popmusik mit. »Jedes Mal, wenn ich ein neues Genre für mich entdecke, gehe ich völlig darin auf und grabe und grabe.« Onra – so sein Spitzname Arno rückwärts – extrahierte aus den vietnamesischen Platten unzählige Samples und verwob sie mit der klassischen Boombap-Ästhetik zu einem Instrumental-Album mit 32 ein- bis zweiminütigen Beat-Skizzen. Die Kürze der Tracks lässt dabei keine Langeweile aufkommen. »Chinoiseries« kommt natürlich nicht ohne tiefe Verbeugungen vor J Dilla aus. Onras Stücke changieren irgendwo zwischen bekannten Bumm­tschack-Routinen als Unterbau und lokalen vietnamesischen Klängen, die dem per Soul-Sample sozialisierten HipHop-Fan bis dato unbekannt waren. So bietet sich dem Hörer ein ambivalentes Klangerlebnis, das zugleich vertraut und ungewohnt daherkommt. Ein Widerspruch, der das Album äußerst frisch wirken ließ. Die ungewohnten vietnamesischen Samples erinnern an mystische asiatische Kampfkunstfilme, die Beats gleichzeitig an New Yorker Straßenschluchten und ins Gesicht gezogene Kapuzen – JuZe-Jam Ho-Chi-Minh-Stadt-Style. Ihr wisst Bescheid.
Johannes Desta

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