Dexter vs. The Beats: »Scheiß drauf, wenn die Line nicht so sitzt. Ich darf das.« // Feature

Vom diggenden Doktor zum Produzenten mit Punchlines: »Dexy ist jetzt offiziell ein Rapper«. Was Audio88 vor zwei Jahren nach dem gemeinsamen Sommerhit »Gib ihn einfach (Dies Das 2)« flapsig festhielt, entpuppt sich 2017 als wahrhaftige Prophezeiung. Denn nach einer knappen Dekade genreprägender Rumpelbeats hat der Platinjunge nicht nur neue Hi-Hats aus der 808 in die MPC geladen, sondern versucht sich erstmals auch mit mehr als einer Strophe am Mic. Warum er mit dem gut gelaunten »Haare nice, Socken fly« nun gefühlt sein Debüt gibt, erklärt uns Dexter, als wir ihn mit Nu-Metal-Gejohle und Fashion-Rap vom Soundcheck der restlos ausverkauften Fatoni-Show in Berlin abhalten.


Dom Kennedy
T P O (2016)
Dom Kennedy, neues Album – »The 76« ist mein Lieblingssong. Ging ja ganz gut unter das Ding, wie das Album davor auch schon. Ich meine, der hat auch keine krassen Skills, rappt relativ unaufgeregt etwas daher, mit schlechten Reimen und schlechten Vergleichen. Keiner würde sagen, Dom Kennedy sei sein Lieblings-MC, und so weit würde ich auch nicht gehen. Aber: Der Vibe ist genau meiner! Den transportiert er auch in seinen Videos gut, der Typ ist mir sympathisch. Und dieses angenehm unaufgeregte Rappen, das man auch von Curren$y kennt – Vibe-mäßig war das schon eine wichtige Inspirationsquelle für meine Alben. Sobald die Sonne rauskommt, muss ich an Dom Kennedy denken. (lacht)


Clipse
Got Caught Dealin feat. Pharrell (2002)
Clipse – geil! Waren ihrer Zeit voll voraus. Der Track ist von dem unveröffentlichten Debütalbum »Exclusive Audio Footage«, oder? Ich habe das mal als Bootleg auf Platte bekommen. Damals konnte ich die Brüder nicht so recht auseinanderhalten, weil die eine ähnliche Stimmlage haben. Das hier ist der Neptunes-Beat schlechthin: immer die gleiche Snare, die gleiche Bassdrum und ganz ähnliche Synth-Sounds – egal ob für Clipse, Kelis oder Justin Timberlake. Wie die damit so viele Hits produzieren konnten, ist mir bis heute ein Rätsel – aber das macht die Neptunes vielleicht auch so genial. Zu der Zeit, als das rauskam, habe ich ganz viel abstrusen Underground-Scheiß gehört, aber Clipse haben für mich im Mainstream etwas geöffnet. Der Sound war tanzbar, aber trotzdem richtig rough. An Pharrell kommt man natürlich auch heute nicht vorbei, aber so richtig liefern Neptunes nicht mehr die Nummer-Eins-Hits, oder? Und ist der eine von Clipse nicht auch so komisch abgerutscht? Ich habe da nur mal ein Video mit sehr vielen Kerzenständern und so gesehen.

Malice hieß später No Malice und hat ein sehr religiöses Album rausgebracht, das er als »inspirational« beschrieben hat. Weshalb ich dir aber den Track vorspiele: Pharrell wurde in den Folgejahren zu einem Prototyp des rappenden Produzenten, oder?
Ja. Ich fand das auch immer cool, wenn seine Stimme reinkam. Du hast sofort gehört, dass der nicht den krassen Rap-Anspruch hat, aber hinter seinen Hooks und Gesangs-Adlibs steckte immer eine Vision. Ich habe den erst als Produzenten wahrgenommen, der jedesmal ein paar Vocals als Trademark hinterlässt – so wie Timbaland. Aber bei Pharrell wurde das immer mehr und war auch cooler. Ich glaube, früher hat der oft auch nur mal was gestreut, um anzudeuten, dass das mal richtig abgehen wird. Ist ja dann mit »Happy« auch passiert. Ich nehme den aber immer noch als Produzenten wahr, der auch mal Vocals macht. Also so wie ich – auch genauso gut. (lacht)

Aber mal im Ernst: In welcher Position siehst du dich selbst?
Angefangen habe ich mit dem Rappen, am Anfang auf fremde Instrumentals. Irgendwann wollte ich dann wissen, wie man Beats macht. Und dann habe ich gemerkt, dass mir das mehr Spaß macht. Deutschrap gefiel mir zu der Zeit nicht so gut, dann kamen die ganzen Stones-Throw-Sachen mit Dilla und Madlib, und das Beat-Ding war plötzlich so präsent, dass ich dachte: Scheiß auf Rap! Das habe ich ein paar Jahre durchgezogen, bis »Palmen & Freunde« eher zufällig entstand. Das waren vor allem Session-Tracks, die passiert sind, als Leute bei mir zum Aufnehmen waren. Mir war dabei öfter langweilig, also habe ich mich auch auf den Tracks platziert. »Haare nice, Socken fly« ist dagegen ein gewolltes Rap-Album. So gesehen ist das auch mein Debütalbum mit vielen Solotracks. Und gleichzeitig denke ich mir: Scheiß drauf, wenn die Line nicht so sitzt. Ich darf das, weil ich mich noch immer so verkaufe, als sei ich gar kein richtiger Rapper. Ich bin eher der Produzent, das Album habe ich weitgehend selbst produziert. Ich habe auch die Arrangements gemacht und alles gemischt – das war mehr Arbeit als das Gerappe. Ich habe schon darauf geachtet, dass man hier und dort schmunzeln kann, aber vor allem ging es darum, dass es nicht anstrengend klingt. Der Rap sollte nicht stören. (lacht) Geil, was für ein kleines Rapper-Ego ich habe. Nicht so Deutschrap.


Oddisee
Like Really (2017)
Auch jemand, den man eher als Beatmaker kennengelernt hat. Der hat eine krasse Entwicklung hinter sich – und ist noch immer underrated. Früher habe ich total gerne Beat-Tapes von dem gehört, bis mich sein Sound ein bisschen gelangweilt hat. Aber als ich den zuletzt bei einer Session mit Band gesehen habe, fand ich das wieder richtig krass. Der hat sich vom Produzenten-Rapper zum richtigen Artist gemausert. Das Spiel mit der Band schlägt in die Kerbe von Black Milk: Leftfield, aber trotzdem noch cool. Diese Nische findet immer mehr Zuhörer. Oddisee orientiert sich ja auch an aktuellen Halftime-Geschichten und Trap-Geschwindigkeiten – das finde ich total geil in Kombination mit der Wärme, die weggeht vom immer gleichen Bass und 0815-Drums.


Lil Peep & Lil Tracey
White Wine (2016)
$uicideboy$? Oder Lil Tracey?
Letzterer. Mit seinem Partner Lil Peep.
Ja, ich muss sagen, das geht mir eine Spur zu weit. Die Ästhetik ist schon cool, aber die Themen, das Suizidale dahinter … Ich versuche immer, nicht zu alt zu sein für Sachen, aber auch meine Teenagerzeit war nicht besonders von Gothic geprägt. Wenn man das da überhaupt so einordnen kann.

Ich assoziiere damit Nu-Metal-Gruppen wie Papa Roach und Linkin Park.
Genau, das kommt schon richtig White-Ami-Kid-mäßig rüber. Hat wahrscheinlich auch damit zu tun, wie die aufgewachsen sind. Der Sound ist rough, die Videos haben auch eine ganz coole DIY-Ästhetik, aber so richtig berührt mich das nicht. Auf Youtube gibt es tausende solcher Tracks mit zwei Parts und schnellem Video – und ich kann kaum einen davon benennen.

Dieser Track heißt »White Wine«. Auch du widmest dem Traubensaft auf ­deinem Album einen Track.
Mit suizidalem Hintergrund Weißwein zu trinken, ist aber ein anderer Flavor als wenn die Sonne scheint und man sich gut fühlt. (lacht) Ich bin kein Trinker, der sich oft besäuft, mag aber den Zustand, in dem man sich ein bisschen sediert fühlt. Und das geht mit einem Glas Rotwein einfach am besten. Hat vielleicht auch was mit dem Alter zu tun. Man kennt ja anfangs nur Tetrapak-Weine wie »Le Patron«, echt eklig. Heute trinke ich auch gern beim Produzieren ein Glas, und so fiel mir auf, dass ich keinen Rapsong kannte, der sich dem Wein widmet – jetzt gibt es »Vino«.


Kuno And The Marihuana Brass
Lass uns doch mal haschen (1970)
Ah, die A-Seite! Eine deutsche Obskurität. Ich liebe den Track!

Fatoni hat mir verraten, dass das für dich ein Hit ist.
Ja, das ist geiler Psychrock mit schlimmen Schlager-Schunkel-Parts zwischendurch. Dumme 7-Inches auszugraben, macht total Spaß. Wenn du auf dem Flohmarkt eine Platte mit einem Hippie drauf in die Hand bekommst, auf der »Lass uns doch mal haschen« steht, dann musst du die halt ungehört mitnehmen. Das hier war ein richtiger Zufallsfund. Auf der Rückseite ist ein sogenanntes Term-Diktionär, das dem älteren Publikum den damaligen Slang erklärt. Die Platte kam 1971, da wird dann erläutert, was ein Joint ist. Einen Joint anmachen hieß damals übrigens »anjazzen«. Eigentlich peinlich, aber auch sauwitzig.


Isaiah Rashad
I Shot You Down (2014)
Megageil! Da wird das Nachleben von Dilla eingefangen und ins Moderne überführt. Das Sample kann man auch nicht verkacken. Ich finde die ganzen Isaiah-Sachen echt gut, und habe die während der Entstehung meines Albums viel gehört. Isaiah kombiniert die trappigen Rhythmen geil mit Samples – das hat etwas ganz Entspanntes und bounct trotzdem. Guck dir mal »Meal Ticket« live an: Die Leute gehen richtig ab und brüllen alles mit, obwohl der Beat total ruhig ist – genau das wünsche ich mir auch bei meinen Tracks. Ich finde übrigens überhaupt nicht, dass das der TDE-Abklatsch ist, wie manche behaupten. »The Sun’s Tirade« war für mich ein stärkeres Albums als das letzte von Schoolboy Q.


Kendrick Lamar
FEAR. (2017)
Die 9th-Wonder-Produktion? Ah nee, Alchemist! Richtig geil! Der Loop hätte auf einer Beat-Platte sein können, aber was Kendrick damit macht, ist nur krass! Der weiß genau, was jemand wie Alchemist zu seinem eigenen Sound beitragen kann, und hebt das Ding ganz woanders hin. »To Pimp A Butterfly« war ja vielen zu anstrengend, ich fand das einfach nur brutal gut. »DAMN.« ist ein bisschen die abgespeckte Version davon. Der Hype um Kendrick ist so groß und so schlimm, dass mich das eigentlich nur noch nerven müsste, aber die Musik ist einfach zu perfekt. Ich hoffe auch, dass es in Zukunft ein paar mehr Kendrick-Nachahmer gibt. In Deutschland könnte es mehr Leute geben, die den Top-Dawg-Sound einfangen, anstatt Standard-Trap tausendmal neu aufzulegen. Die Thematiken müssten hier natürlich andere sein, auf Deutsch wird sowas ganz schnell pathetisch. Ein ganz anderes Beispiel, aber: Was Goldroger mit seinem Produktionsteam Dienst & Schulter macht, finde ich krass – auch wenn ich dem manchmal inhaltlich nicht richtig folgen kann. Es braucht mehr solcher Leute, die sich was trauen.


Kulturerbe Achim
110 Prozent feat. Vira Lata (2017)
(lacht) Ah, ja. Wie viele Klicks? 3.000? Mein Homie Sumo, ein DJ aus Stuttgart, mit dem ich viel rumhänge und ab und zu auflege, hat das hart gefeiert. Wir haben den Track direkt ins Set aufgenommen, und der geht jedes Mal brutal ab. Keiner kennt den Song, aber jeder muss mit. Ich frage mich dann immer wieder, warum das kein Hit geworden ist so wie »WKMSNSHG«. Die Jungs machen schon auch auf hart, und ich feiere jetzt nicht alle Drogen-Interludes von denen. Aber witzig sind die auch, und der Sound ist einfach hart. MRJAH hat den Beat gemacht, den kenne ich überhaupt nicht [Produzentenduo aus Berlin; Anm. d. Verf.] – aber guter Job!


Rin
Doverstreet (2017)
Der Minhtendo-Beat von Rin, oder? »Dizzee Rascal Type Beat« war schon richtig geil. Minhtendo kenne ich schon länger, der hat im Freund + Kupferstecher in Stuttgart gearbeitet. Auf meinem Album haben wir einen Beat zusammen gemacht, bei dem die Skizze von ihm kommt. Der Typ ist total bescheiden, legt aber so gut auf. Mittlerweile hat der Rin-Hype den auch mitgenommen, und die Partys mit ihm sind immer voll. Seine Produktionen sind geil simpel und transportieren irgendwas. Ich bin ganz großer Fan. Das Liebeslied von Rin war nicht so meins, aber sonst fand ich jetzt auch die ganzen Tracks von dem super. Minhtendo hat mir mal erzählt, was der sich dabei alles für Gedanken macht. Das klingt so hingerotzt, dabei weiß der genau, an welcher Stelle die Stimme übersteuern soll.


Juicy Gay
2 Uhren (2017)
Juicy ist für mich eine Ausnahme. Ich habe ja sein Album gemastert und kenne ihn mittlerweile; total sympathischer Typ, richtig guter Humor. So jemanden kann ich mehr feiern als Leute, die sich zu ernstnehmen. In seinem JUICE-Interview stand, dass ich bei »2 Uhren« versehentlich Verses rausgerendert habe. Für mich hätte das aber auch gepasst. Die Strophen sind eh nicht lang, dann kurze Instrumental-Blöcke dazwischen – wäre auch geil.

An welchem Punkt hast du dich eigent­lich für deutsche Trap-Adaptionen begeistern können?
Meiner Meinung nach hat Crack Ignaz das als Allererster richtig übersetzt. Der hat schon Hustensaft-mäßig seine Stimme runtergepitcht, da hat das hier noch keine Sau geahnt. Und der hat das nicht nur schnell adaptiert, sondern auch noch sein eigenes Ding draus gemacht. In Deutschland denke ich mir oft, dass der Flow schon stimmt und der Beat auch gut wummst, aber am Ende braucht es irgendwas Besonderes, das mich catcht. »Für die Gang« von Ufo361 ist ein Beispiel, wo das unglaublich gut funktioniert – das ist einfach ein Hit.

Das »Aurora«-Tape von Ignaz & Goony hast du auch gemastert.
Ja, Mastern ist nicht mein Hauptjob, aber ich würde das gerne noch besser können. Ich habe da auch meinen eigenen Kopf, mache die Sachen nicht so krass laut, sondern gucke, dass alles schön durchkommt und der Bass gut drückt. Manche Leute wollen das Ganze aber richtig an die Wand gefahren haben, das kommt dann meinem Geschmack in die Quere. Ich bin kein guter Dienstleister. (lacht) Die Beats von Asadjohn [Produzent von Juicy Gays »HWG«-Album; Anm. d. Verf.] waren aber eh schon so geil gemischt, dass ich gar nicht mehr viel eingreifen wollte. Es ging dann eher darum, dass alle Stimmen gleich laut sind und mit dem Beat gut funktionieren. Eigentlich ist das geiler, wenn man schrottiges Material bekommt und dann noch richtig was rausholt. ◘

Foto: Saaed Kakavand

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #181. Hier versandkostenfrei nachbestellen.