Deutschrap & Goldalben: »Sellout und kommerzieller Erfolg war für mich nie gleichbedeutend.« // Feature

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Gold ist Geld ist Erfolg ist Respekt. Und Respekt ist eine Währung, die seit jeher in keinem Genre so stabil ist wie im HipHop. Rezession, Wertverlust, schlechter Wechselkurs, all das kennt diese Währung nicht – und das macht sie so kostbar. (Status-)Symbol und Lohn dieses Erfolgs:
Die Goldene Schallplatte.

Bei deutschen Rappern sind Goldene Schallplatten deswegen stets ein Thema – und zwar ganz gleich, welcher stilistischen Ecke die Rapper zuzuordnen sind: Chakuza (»Für mich sind Goldplatten ein Muss« aus »Junglestadt«), Farid Bang (»Die Goldplatte kam« aus »Creed«), die Orsons (»An den Wänden hängen sämtliche Goldplatten« aus »Salamifunghizwiebelpartypizza«). Allen war das Sujet offenbar wichtig genug, um es nicht nur zum anvisierten Karriereziel, sondern auch zum inhaltlichen Bestandteil ihrer Kunst zu machen. Auch auf aktuellen Deutschrap-Releases wird darüber gesprochen. So stellt AON-Signing Kalim auf dem Opener seines »Odyssee 579«-Albums fest: »Schutzgeld zahlende Gangstarapper gehen Gold.« Titelheld Sido konstatiert in seiner Single »Ganz unten« einmal mehr: »Goldene Platten: Das will ich auch!« Und ausgerechnet Fler stellt in seinem Song »C.R.E.A.M.« die alles entscheidende Frage: »Warum wollen die ganzen Rapper Gold­platten?«

Elvir Omerbegovic, Geschäftsführer von Selfmade Records, kennt die Antwort darauf – natürlich. Immerhin ist er einer der erfolgreichsten Rap-Label-Betreiber des Landes und hat gleich fünf Goldene in den Räumlichkeiten seines Düsseldorfer Büros hängen – inklusive der Dreifach-Gold-Auszeichnung für »King« von Kollegah. »Im HipHop ging es immer schon darum, es von unten nach oben zu schaffen: From nothing to something«, erzählt er und blickt auf die Trophäen an seiner Wand. »Die Goldene Schallplatte ist ein Symbol dafür. Sie steht für Erfolg.«

Definiert wird dieser Erfolg von der International Federation Of The Phonographic Industry (IFPI), in Deutschland vertreten durch den Bundesverband Musikindustrie (BVMI). Letzterer beauftragt über Media Control nicht nur die Erstellung der offiziellen Charts, sondern hat im Zuge dessen auch einen genauen Überblick über die Verkaufszahlen. 100.000 Einheiten müssen von einem Album derzeit abgesetzt werden, um den begehrten Edelmetall-Award zu erhalten. Jährlich schaffen das im Schnitt etwa 120 Acts, weiß Florian Drücke, Geschäftsführer des BVMI. »In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden bereits 84 Platten mit Gold ausgezeichnet, davon neun Rapalben.« Zu den bisherigen Preisträgern gehören die Beginner, Kollegah, KC Rebell und K.I.Z. Letztere sind mit ihrem aktuellen Album »Hurra die Welt geht unter« zwar bereits 2015 Gold gegangen, konnten sich in diesem Jahr aber endlich auch über 100.000 verkaufte »Urlaub fürs Gehirn«-Platten freuen – fünf Jahre nach der Veröffentlichung.

 
Aber was heißt das eigentlich genau: Gold für 100.000 verkaufte Alben? Und wie wird das gezählt? Ein Kritikpunkt, der in Diskussionen über die Goldalbenvergabe regelmäßig aufkommt: Es würden nicht die Plattenverkäufe an den Endverbraucher gezählt, sondern lediglich die vom Handel georderten Einheiten. »Das ist nicht ganz richtig«, sagt Drücke. »Gezählt werden die Einheiten, die definitiv nicht mehr aus dem Handel an die Industrie zurückgehen – und demnach an die Endverbraucher verkauft wurden.« Auch die Kritik an der unzureichenden Berücksichtigung von Streamings relativiert er: »Hier zählt das Premium-Streaming, also Audio-Streams, für die der Konsument bezahlt. Gerechnet wird im Verhältnis 100:1«, führt er aus. Gemeint ist: Hundert Songs, die über einen Premium-Zugang mindestens 30 Sekunden gestreamt werden, gelten als Kauf. »Dieses Verhältnis finden wir sinnvoll, und es hält auch internationalen Vergleichen stand.« Allerdings: Diese Zählweise, über deren Zweckmäßigkeit sich zweifellos streiten lässt, gilt lediglich für Singles. Bei Alben werden nach wie vor keine Streamings gewertet, sondern lediglich der Verkauf physischer Tonträger und (legale) Downloads.

Interessanterweise war das Thematisieren von Plattenverkäufen, das Brüsten mit Nummer-eins-Platzierungen und das Erhalten Goldener Schallplatten in der hiesigen HipHop-Szene lange Zeit verpönt. Der Vorwurf: Sellout. Darüber spricht auch Sido in der aktuellen Titelgeschichte und bringt dabei das schöne Beispiel von Fettes Brot, die ihre »Nordisch By Nature«-Single damals aus den Regalen haben nehmen lassen, weil sie drohte, zu erfolgreich zu werden (und die Band nicht allein auf diesen Song reduziert werden wollte). Ein solcher Move wäre heutzutage undenkbar. »Verändert hat sich das mit Aggro, Bushido & Co.«, meint Omerbegovic. »Da hat ein Umdenken stattgefunden. Zwar haben vorher auch schon vereinzelt Rapper ihre Erfolge thematisiert, aber nie so laut. Plötzlich hat man das wahrgenommen.« Michael Stockum, ehemals Director A&R von Four Music, heute deren Geschäftsführer, sieht das ähnlich: »Die Szene geht seit einigen Jahren selbstbewusster mit kommerziellem Erfolg um«, erklärt er, betont aber: »Sellout und kommerzieller Erfolg, das war für mich nie gleichbedeutend.«

 
Auf die Frage, welche Bedeutung die Verleihung einer Goldenen Schallplatte für die HipHop-Szene heute hat, sagt Stockum: »Gerade bei Rapalben war mir das immer besonders wichtig, weil das ein Beleg ist für die Relevanz des Genres. Meine Hoffnung war immer, dass Rap durch den größer werdenden kommerziellen Erfolg auch mehr Akzeptanz in den Mainstream-Medien wie Radio und TV bekommt – das ist allerdings nach wie vor nicht der Fall«, erklärt er. »Rapsongs haben es zudem immer noch schwer, es auf die Playlisten der Radiosender zu schaffen. Das finde ich schade – und einfach falsch.«

Gibt es eigentlich strategische Maßnahmen, die man labelseitig ergreifen kann, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, mit einem Album Gold zu gehen? »Natürlich gibt es die«, meint Omerbegovic, »aber die sind bei jedem Künstler anders. Der richtige Sound, das Treffen des Zeitgeists, eine schlüssige Kampagne – das alles kann helfen. Aber eine Garantie gibt es nicht.« Stockum sieht das ähnlich, weiß aber auch: »Musik wird heute anders konsumiert als früher. Statt CD-Käufe bestimmen heute zunehmend Abo-Modelle und Playlists den Markt. Der Markt wird digitaler. Vielleicht reden wir bald eher von goldenen Streaming-Alben.« Die Goldene Schallplatte, ein Auslaufmodell?

Apropos: Wie wird die eigentlich hergestellt? Und wie hoch ist ihr Warenwert? Die Vermutung, die betreffende Platte würde einfach in Gold getaucht und dann getrocknet, ist jedenfalls falsch. Für die Vergoldung wird die Galvanotechnik verwendet, bei der Elektronenströme dafür sorgen, dass sich Goldpartikel auf der Platte absetzen. Verwendet wird dafür 24-Karat-Gold. Die Herstellungskosten: etwa 200 Euro. Der ideelle Wert, besonders bei der ersten Goldenen, ist allerdings sehr viel höher. Omerbegovics erste Goldene war die für »Jung, brutal, gutaussehend 2« von Kollegah und Farid Bang, bei Stockum, der mittlerweile knapp 30 sein eigen nennen kann, darunter Caspers »XOXO« und Marterias »Zum Glück in die Zukunft«, war es »So sehr dabei« von Clueso. Die schickte er damals nach Hause zu seinen Eltern. »Dort hängt sie immer noch im Wohnzimmer an der Wand.«

Bleibt die Beantwortung der eingangs zitierten Gretchen- beziehungsweise Fler-Frage: »Warum wollen die ganzen Rapper Goldplatten?« Florian Drückes ist der Meinung: »Für den einzelnen Künstler ist es nach wie vor eine große Auszeichnung, die etwas Magisches hat – auch und gerade im Zeitalter des Like-Buttons.« Diese Einschätzung teilen auch Stockum und Omerbegovic. Nur Flers Antwort, wie sollte es auch anders sein, ist eine andere. So heißt es in »C.R.E.A.M.«: »Warum wollen die ganzen Rapper Goldplatten?/Weil sie noch nie ne Rolex Day-Date in Gold hatten.« Na dann. ◘

Dieses Feature ist erschienen in JUICE #177. Die aktuelle Ausgabe gibt’s jetzt im Handel oder hier versandkostenfrei im Shop.
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