Der Täubling – Der Täubling // Review

(Sichtexot)

Zahlreiche Täublinge sind gute Speisepilze, aber schmeckt der Pilz scharf, handelt es sich um eine ungenießbare oder giftige Art. Dieser Täubling schmeckt bitter-süß und ist möglicherweise Deutschraps Young Thug. Krächzend und schreiend hetzt er über seine Beats, kichernd und schluchzend lässt er Assoziations­ketten ins Leere laufen. Witze enden ohne Pointe, er rappt von Überraschungseiern, Tieren und Liebe. Von Hass, von Politikern, von Xavier Naidoo am Kreuz und vor allem von sich selbst. Am langweiligsten ist der Täubling, wenn er provozieren will: »Doch ich fahr dir mit 120 Sachen hinten drauf/Tom und Lisa sind an Bord, Kindersärge sind nicht teuer« und dabei nichts rüberkommt, als der Wunsch, nun ja, zu provozieren. Am aufregendsten ist der Täubling, wenn es nichts zu verstehen gibt, jeder Sinn vage bleibt und dabei umso realer wird. Wenn es nicht um das geht, was gesagt wird, sondern um das, was passiert, wenn es gesagt wird. Die Assoziationen, die in Gang gebracht werden und sich bei jedem Hören verändern. Täubling singt, und sogar echte Hits blitzen auf, die zeigen, was er sonst noch machen könnte. Aber lieber nicht möchte. »Für Jean Baptiste« ist das größte Deutschrap-Liebeslied seit Yung Hurns »Diamant«, und zum Abschluss möchte ich ein Rap­Genius-Verbot für die Texte des Täubling aussprechen. Ob irgendetwas des Behaupteten wahr sein könnte, scheint zum Ende des Albums hin eh irrelevant. »I lost my truth between two blinks, now chaos is my everything« – Salz in dein Auge, du gottverdammter Penner.

Text: Gregor Kieseritzky