Dat Adam: »Viele Rapper sind eher Youtuber als wir« // Interview

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Wenn Dat Adam kommen, dann wird gekreischt. Verantwortlich dafür sind die Youtuber-Karrieren von Ardy und Taddl, die 2015 ein abruptes Ende fanden, nachdem die beiden sich mit dem Produzenten Mary kurz vorher zu einer Rap-Crew zusammengeschlossen hatten. Die Fans allerdings, die haben sie mitgezogen in eine visuell an J-Pop und das Streetwear-Game des A$AP Mob angelehnte Realität, in der der Flanger-Effekt, Autotune und langgezogene Synth-Pads eine große Rolle spielen. Jetzt, nachdem ihre »Chrome« EP von 2015 und das neue Album »Hydra 3D« erschienen sind, nicken nicht mehr nur die Teenies auf den Videodays, sondern auch Rapfans anerkennend mit dem Kopf. Heimlich in der Ecke teilweise – man könnte sich ja blamieren.

Doch woher kommt eigentlich diese Aversion gegen Youtuber seitens der Rapszene, die ihre musikalischen Vorlieben ausleben wollen und sich deswegen einer der Subkulturen annähern, in der man am meisten ausprobieren darf? Dat Adam versuchen das Problem im Interview einzuordnen und erklären, wie ein erfolgreicher Mittelweg zwischen Youtuber-Dasein und Rapkarriere funktionieren kann, der nicht auf die bloße Ausbeutung einer kaufkräftigen, sehr jungen Fanbase aufbaut. Gerade sind Dat Adam auf Radiotour durch Deutschland und melden sich früh zum Skype-Gespräch, während sie parallel Frühstücken. Ein wenig Jet-Set-Leben mit Anfang 20. Die Haare von Taddl leuchten bunt durch den Bildschirm, Ardy hat seinen Mundschutz jedoch abgelegt. Kauende Münder liefern Antworten.

Haltet ihr eure Musik eigentlich für radiotauglich?
Taddl: Tracks wie »Lennon 2« oder »Party In The Clouds« schon. Den Rest eher nicht. (lacht) Es ist ein utopischer Gedanke, dass diese Lieder gespielt werden. Viele Leute würden nicht darauf klarkommen.

Haben euch denn schon Leute gesagt, dass sie auf die Dissonanz bestimmter Songs nicht klarkommen?
Taddl: Es gibt richtig gutes Feedback auf solche Songs. Aber einige Leute schreiben einfach: Die Hälfte vom Album gefällt mir wegen des Geschreis überhaupt nicht.
Mary: Aber ein Song wie »Sanageyama«, der schon richtig hart und untypisch für die allgemeinen Hörgewohnheiten ist, und auf dem die Jungs fast ausschließlich rumschreien, ist sehr beliebt. Dass Leute den so hart fühlen, hätten wir nie gedacht.

Der Sound hat sich im Gegensatz zur »Chrome«-EP verändert. »Resetting me« heißt es auf »OWL«. Wann habt ihr euch denn geresettet?
Ardy: Kurz nach »Chrome«, also im Sommer letzten Jahres. Es ist viel um uns herum passiert und wir haben viel über Gott und die Welt nachgedacht.

Könnt ihr das konkretisieren: Was ging euch durch den Kopf?
Taddl: Es ist schwer, das zusammenzufassen. Wir haben uns schon immer mit unserer Umwelt und Gesellschaft beschäftigt und gesehen, was passiert. Irgendwann kam der Moment, an dem wir Zusammenhänge begriffen haben. Wir haben gespürt, wie wichtig alles ist, was um uns herum geschieht und welche Konsequenzen ein bestimmtes Auftreten haben kann. Das Empathie-Gefühl ist stark gewachsen.
Ardy: Am Anfang waren wir schon auch auf Erfolg und Geld aus. Nach dem Motto: »Yo, wir sind cool und verdienen jetzt Geld mit Mucke: Wir sind die Krassesten.« Das hat sich dann geändert, weil wir uns selbst reflektiert haben. Wir sind auf den Boden gekommen, wollten einfach wieder based sein und die wichtigen Dinge in den Vordergrund rücken, die eben nicht primär Geld oder Erfolg sind.

Was dann?
Mary: Freundschaft, Familie, Liebe. Und, dass man anderen Menschen gegenüber empathisch auftritt. Wir wollen versuchen, die Welt ein Stück besser zu machen – sie positiv zu beeinflussen, anstatt sie zu zerstören.

»Am Anfang waren wir schon auch auf Erfolg und Geld aus.«

Das sind Grundwerte, die durch den starken Wunsch nach Individualität und die andauernde Selbstausbeutung verlorengehen können. Ihr habt in den letzten Jahren in zwei großen Subkulturen stattgefunden: Im Youtube-Business und jetzt in der HipHop-Szene. Wo sind diese Werte präsenter?
Ardy: Wir haben beide Subkulturen als sehr oberflächlich und materialistisch wahrgenommen. Vieles bezieht sich auf Hypes um Personen und gute Zahlen. Das hat uns auf Dauer gegen den Kopf gestoßen.
Mary: Ich finde auch, dass sich da beide Szenen nicht viel nehmen. Aber das ist doch in allen rentablen Branchen so. Dieser Fakt hat bei uns für ein Umdenken gesorgt. Alles entwickelt sich in eine Richtung, die wir nicht so abfeiern können.
Taddl: Durch diese Youtube-Geschichte haben wir ja schon länger Aufmerksamkeit und eine große Reichweite im Netz gehabt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt, ob das eigentlich das ist, worauf wir weiter hinarbeiten wollen. Und das wollen wir eben nicht. Das ist voll bescheuert.

Taddl, du machst trotzdem wieder Videos. Hast du einen zufriedenstellenden Mittelweg gefunden?
Taddl: Wir sind ja damals von der Plattform weggegangen, weil wir so krass dieser Youtube-Routine verfallen waren. Die hat das klassische Klischee sehr gut bedient. Wir waren zwar nicht die manipulativsten Menschen – das ist bei aktuellen Youtube-Sachen noch krasser. Aber wir waren schon in diesem Youtube-Wahn: Immer die Leute versorgen und jeden Tag am besten zwei Videos rausballern wollen. Davor sind wir dann sehr abrupt abgehauen. Unsere persönliche Entwicklung, die sich auch auf dem Album widerspiegelt, hat ein Umdenken ausgelöst. Gerade in unserer Situation sollten wir das machen, worauf wir Bock haben. Da gehören Videos dazu. Und damit meine ich Videos im ursprünglichen Sinne. Als 15-Jähriger saß ich mit Kamera in meinem Zimmer und habe einfach was gefilmt, weil ich Bock hatte. Das war noch vollkommen cool. Der plötzliche Erfolg hat es uncool werden lassen.
Ardy: Das Problem ist nicht die Plattform an sich, sondern die Art, wie Leute sie nutzen, seitdem man viel Geld damit verdienen kann.

Bei vielen Rappern, die sich über Youtube vermarkten, ist das mittlerweile nicht anders. Man könnte Künstler wie Farid Bang oder Kollegah auch als Youtuber bezeichnen.
Mary: Viele Rapper sind eher Youtuber als wir. Ich sehe da oft keinen Unterschied mehr.

Warum reagieren Teile der HipHop-Szene trotzdem so allergisch auf rappende Youtuber, obwohl sie sich gleichzeitig an deren Darstellungsformen bedienen?
Mary: Bei vielen Youtubern merkt man, dass sie nur Musik machen, um das auch noch im Repertoire zu haben.
Ardy: Es gibt Leute, die genau wissen, dass man unheimlich viel Geld mit Musik verdienen kann. Wenn man eine große Reichweite hat, dann werden deine Platten ohnehin gekauft. Aber es gibt mit Sicherheit auch Leute, die einfach diesem typischen Musiker-Lifestyle nacheifern: Rapper sein, Touren, ein Star-Dasein pflegen. Man merkt schnell, dass es nicht aus Leidenschaft passiert. Deswegen kann ich die Abneigung von Rappern gegenüber diesen Leuten verstehen. Aber es gibt auch genügend Rapper, die mit derselben Intention an ihre Musik herangehen und nicht aus einem inneren künstlerischen Drang heraus. Das finde ich weird.

»Wenn wir übermorgen Lust auf ein Country-Album haben, dann sind wir eben Country-Sänger.«

Seht ihr euch denn als rappende Youtuber, youtubende Rapper oder als Hybrid aus beidem?
Mary: Wir machen mal das, mal das. Wir vereinen alle Rollen in unseren jeweiligen Projekten. Wir leben uns gerne vielfältig kreativ aus und wollen uns einfach nicht festlegen.

Taddl: Das ist auch der Fehler, den wir gemacht haben, als mit Youtube für uns Schluss war. Wir haben alles gelöscht, weil wir »Die Rapper« sein wollten. Jetzt wissen wir, dass man sich nicht blockieren sollte. Wenn wir übermorgen Lust auf ein Country-Album haben, dann sind wir eben Country-Sänger. (alle lachen)

»Hydra 3D« ist ja ohnehin schon gespickt mit Einflüssen, die Genregrenzen ignorieren. Das reicht von Boards Of Canada-artigen Ambient-Parts, über 80s-Syntpop bis hin zu zeitgemäßem (Cloud)-(T)rap.
Mary: Wir arbeiten und produzieren zu dritt im Studio und hören währenddessen auch viel verschiedene Musik zusammen. Jeder hat dazu noch seine eigenen Stuff, den nur er persönlich abfeiert. Bei »Nextlevelshit« war die Idee zum Beispiel, auf einen 4-to-the-Floor-Beat zu rappen. Die Drum-Struktur war gegeben, alles andere passiert spontan im Studio. Daher kommen die verschiedenen Einflüsse. Wir sind offen für alles.

Welche Musik lief denn während des Albumprozesses hauptsächlich?
Mary: Die Jungs hören oft Tracks von unbekannten Künstlern auf Soundcloud. Das kann man auf unserem Account sehr gut verfolgen. Die Likes dort spiegeln wieder, was wir feiern.
Taddl: Die Featureparts auf dem Album sind auch Soundcloud-Leute, die gleichzeitig eine krasse Inspiration gewesen sind. Jemand wie Dylan Brady zum Beispiel.
Mary: Dylan wurde wahrscheinlich während des Prozesses am meisten gehört.
Taddl: Aber es ist nicht so, dass wir auf einem Album oder einem Song kleben bleiben.

 

Wenn ihr Musik vor allem so konsumiert, warum sollte eure Hörerschaft sich dann auf 16 Tracks einlassen, ohne vorher die Konzentration zu verlieren?
Taddl: Es ist ja nicht so, dass wir Musik auf Soundcloud hören, weil wir keine Alben mögen. Wenn Alben kommen, dann nehmen wir das eher wie einen Film wahr. Zum Beispiel »Mount Ninji And Da Nice Time Kid«, das letzte Die Antwoord-Album, haben wird durchgehört. Aber auf Soundcloud laden die meisten Künstler nun mal nur einzelne Tracks hoch.

Im Gegensatz zu diesen Soundcloud-Artists habt ihr bei Groove Attack einen der bestbezahltesten Deals unterschrieben, der je Indie-Künstlern in Deutschland angeboten wurde. Das Geld finanziert jetzt eure antikapitalistischen Texte und euer Produkt. Ist das nicht eine Doppelmoral?
Ardy: Kapitalismus ist eben die derzeitige Realität. Daran muss man sich natürlich anpassen und sehen, wo man bleibt. Der Deal hat uns die Möglichkeit gegeben, zu existieren, und von unserer Leidenschaft leben zu können.
Mary: Es ist ja nicht so, dass wir uns Ferraris davon gekauft haben. Wir haben ein neues Studio gebaut. Dort können wir jede Idee, die in unserem Kopf herumschwirrt, umsetzen. Das ist eine der besten langfristigen Investitionen überhaupt. Wir haben alles reinvestiert und versucht, ein möglichst hochwertiges Gesamtpaket zu schnüren. Unsere Boxen und CDs sind nachhaltig, mit so wenig Kunststoff wie möglich produziert. Natürlich würden wir das alles gerne verschenken, aber wir wollen auch überleben.
Taddl: Wobei es das Album ja auch auf Soundcloud als kostenlosen Stream gibt. Jeder kann es hören, und jeder darf uns unterstützen. Geld bedeutet eben Möglichkeiten. Viele behaupten von sich wahrscheinlich, dass sie Geld hassen. Gleichzeitig brauchen sie es.

Foto: Vitali Gelwich