Das Streben nach Bestätigung: Wale – Summer On Sunset // Mixtape

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Schon immer zieht die Musikindustrie Exzentriker und Leuten mit großen Egos magnetisch an. Gefühlt jeder hat von sich selber den Anspruch, der größte, beste und bedeutendste Musiker auf dem Planeten zu sein. Künstler wie beispielsweise Kanye West oder Drake, die in der Suchtbefriedigung nach der Erfüllung des enormen Selbstanspruches stetig durch positive Resonanzen und vor allem unendliche Aufmerksamkeit bestätigt werden, erscheinen als Paradebeispiele für sämtliche stolze Besitzer eines der besagten Egos.

Eine Position, nach der auch Wale, sehr zur eigenen Frustration, seit Jahren strebt, denn bei dem aus Washington D.C. stammenden Rapper trifft grenzenloser Selbstanspruch auf harsche Realität. Seit Jahren kreiert Wale gleichermaßen eingängige Hits-Singles und gefeierte poetische Rap-Perlen zugleich. Diese bedeuten jedoch wenig, wenn der eigene Kopf alles andere als die maximale Anerkennung als Beleidigung beurteilt.

Der Backpacker mit starkem Hang zum Extravaganten mausterte sich zum Kritiker- und Fanliebling, als er zu Beginn seiner Karriere die Mixtapeszene eroberte. Auf Tapes wie »100 Miles & Running« oder »Hate Is The New Love« war zwar schon früh die besondere Persönlichkeit hörbar, wurde aber deutlich von seinem Cocktail aus lyrischer Finesse und charismatischer Übermittelung überdeckt. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an sein erstes Album im Jahr 2009, das passenderweise »Attention Deficit« betitelt wurde. Erneut hatte er zwar die Kritiker auf seiner Seite, die US-Verkaufszahlen von 28.000 Einheiten in der ersten Woche entsprachen aber nicht den Vorstellungen, die man an das Majordebüt hatte.

»Came through with Ross, writing bangers for y’all but I ain’t lose my content«

Kommerziell größeren Erfolg brachte der Labelwechel zu Rick Ross‘ Maybach Music Group 2011. Wales folgende drei Alben charteten mindestens auf Position zwei, zwei der Alben gingen Gold. Wale verstand es endlich, seine poetischen Bars mit einer Varietät im Sound gekonnt zu kombinieren. Eine Aufgabe, die ihm bei seinem Erstling noch zum Scheitern gebracht hatte. Doch was bringen all die Chartehrungen im Zeitalter der kostenfreien Musik, wenn die bösen Zungen noch immer nicht verstummen?

Neben zahlreichen Twitter Auseinandersetzungen mit Usern, die ihm fälschlicherweise den Verkauf seiner lyrischen Qualitäten für eine Adaption des Rick Ross typischen Stils vorwarfen, war wohl Wales persönlicher Anruf beim amerikanischen Complex Magazine seine legendärste öffentliche Auseinandersetzung. Complex hatte sich doch tatsächlich erlaubt, in Ihrer Liste zu den Top-50-Alben des Jahres 2013 Wales »The Gifted« nicht zu berücksichtigen – eine Hoheitsbeleidigung vor dem Herren! In bester Birdman-Manier wurden den Complex Mitarbeitern telefonisch sogar körperliche Gewalt angedroht. Mehr als heiße Luft und ein schmunzelndes Kopfschütteln kam am Ende jedoch nicht raus. Ein Jahr später nahm Wale die Episode mit vorbildlichem Humor.

Eine zentrale Figur in seiner Karriere und mentalem Wohlbefinden spielte schon früh der Comedian Jerry Seinfeld. Wale schaffte es dabei tatsächlich vom Fanboy, der das Grundgerüst der gleichnamigen Sitcom Seinfeld als durchgängiges Thema für sein »The Mixtape About Nothing« benutzte, zum Featurepartner auf dem letzten Langspieler »The Album About Nothing«. Seinfeld wurde dabei nicht nur zu einem engen Freund, sondern auch zur Buzz-erzeugenden Karte in seinem Promo-Deck. So auch diesmal: bei der Ankündigung des neuesten Mixtapes, »Summer On Sunset«, das er am vergangenen Wochenende veröffentlichte.

Das als Überbrückung für das auf den Herbst angekündigte neue Album »S.H.I.N.E. (Still Here Ignoring Negative Energy)« dienende Projekt zeigt dabei, dass genau dort weitergerannt wird, wo das »Album About Nothing« seinen letzten Schritt gemacht hat. So finden sich neben Jerry Seinfeld weitere Größen des Showbusiness auf dem Tape, wie die Schauspieler Amy Schumer, Mark Wahlberg und sogar WWE-Legende Tripple H wieder, der amtierende Hook-König Ty Dolla $ign Cam’ron und ganz oldschoolig Tha Dogg Pound.

Thematisch dreht sich das Tape um Wales Umzug nach Los Angeles und dem damit einhergehenden veränderten Lebenswechsel: Slow-Jams, Club-Banger und Sommerhymnen wechseln sich ab, nach jedem Lied sorgen die Skits der erwähnten neuen V.I.P.-Nachbarn für Auflockerungen. Die Tatsache, dass jeder der 17 Tracks einen anderen Produzenten bereit hält, steht stellvertretend für die Synopsis des Projekts: Wale stellt erneut seine Vielseitigkeit in Songkonzepten, Reimschemen und allgemeiner Vielseitigkeit unter Beweis – Es soll natürlich der Geschmack jedes Doubters bekehrt werden.

Dieses Vorhaben gelingt größtenteils ziemlich gut. Es vergeht allerdings nicht das Gefühl, das Ihn allmählich das Streben nach Bestätigung zu sehr einnimmt und dafür die Quintessenz seines Erfolges auf der Strecke bleibt. Textlich hat man Wale nämlich schon in deutlich besserer Form erlebt, zu selten wecken die selbstreflektierenden Zeilen ein wirkliches Interesse oder bleiben im Gedächtnis. Dem verbitterten Streben nach Akzeptanz hin oder her, Kanye-Komplex mal ganz beiseite, eines kann man Wale nicht aberkennen: der Mann brennt für seine Leidenschaft, koste es, was es wolle. Eine Tugend, die sich der eine oder andere durchaus als Inspiration abgucken sollte.