Dardan: »Wir sind Leute, die keine halben Sachen machen« // Interview

Und dann war da Dardan. Wer die letzten Monate durchs hiesige (T)Rap-Moor watete, kam unweigerlich am 19-jährigen Amigo mit dem »10 Euro Samsung« vorbei. Auch wenn niemand wirklich wusste, aus welcher Ecke sich Dardan in Spotify-Playlists und Deutschrap-Medien geschlichen hatte – irgendwie war er eben da. Mittlerweile 12 Millionen Klicks auf »Wer macht Para?« untermauern Dardys Daseinsberechtigung – Co-Signs von Olexesh und den Azzlackz sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Wir trafen den Stuttgarter in seiner Zuffenhausener Hood, um über seine musikalische Anfänge, die Abneigung gegen Gang-Beweihräucherung und die Nachteile von Namensschildern zu plaudern.

Durch »Wer macht Para« sind viele Leute auf dich aufmerksam geworden, das Video hat mittlerweile 12 Millionen Klicks auf YouTube. Wie erlebst du das, wenn sich deine Musik, wie du selbst auf »Walking Dead« sagst, »wie ein Waldbrand« verbreitet?
Das ist eine krasse Umstellung. Davor habe ich aus Spaß gerappt, um irgendwie von der Straße wegzukommen. Die Resonanz ist krass. Auf einmal kommen Leute zu mir und sprechen mich an. An manche Orte kann ich deshalb nicht mehr hingehen. Man verliert definitiv an Privatsphäre.

Deiner Technik, vor allem deinem Flow merkt man an, dass du das alles nicht seit gestern machst. Wo liegen deine Anfänge?
Ich habe immer viel Musik gehört, von Michael Jackson bis zu jazzigen Sachen. Natürlich auch viel Rap. Irgendwann meinte ein Kollege, ich solle auch mal rappen. So habe ich aus Spaß mit dem Freestylen und Texteschreiben angefangen. Meine Freunde fanden das geil, aber ich dachte, die sagen das nur, weil wir eben befreundet sind. Als ich 2015 zum ersten Mal im Studio war, war ich selber überrascht, wie gut es direkt klang. Dann bin ich immer öfter ins Studio gegangen. Am Anfang habe ich einfach gemacht. Irgendwann merkte ich, dass meine Aussprache und der Druck in der Stimme besser werden müssen. Auch jetzt noch überlege ich ständig, was ich verbessern kann.

Auf »Walking Dead« sagst du, dass du »nur aus Hobby rappst«. Siehst du das noch immer so?
Gerade passiert der Wandel, das Hobby wird zum Beruf. Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben durch Rap so verändert. Ich dachte, es würde immer bei einer 40-Stunden-Woche bleiben. Besonders in den letzten Monaten habe ich bemerkt, dass wir immer professioneller werden. Mein Management, mein Kamerateam und ich gehen das alles sehr ernsthaft an. Wir sind Leute, die keine halben Sachen machen.

Wie sah die 40-Stunden-Woche davor aus?
Ich war Bäcker am Hauptbahnhof. Ich wusste nach meinem Realschulabschluss nicht, was ich machen soll, also habe ich dort angefangen zu arbeiten. Der Schnitt war auch nicht so prickelnd. Eine Woche vor »Wer macht Para?« habe ich gekündigt, weil mich da schon Leute auf der Arbeit angesprochen haben. Ich habe dann gesagt: »Ich bin nicht Dardan, ich bin sein kleiner Bruder.« Blöd, dass ich ein Namensschild hatte.

Im Raum Stuttgart passiert viel gerade. Rin, Bausa, Nimo und natürlich Shindy. Wie ist allgemein dein Blick auf die derzeitige Szene? 
Hier in Stuttgart geht’s natürlich ab gerade: Bausa, Rin, ich. In letzter Zeit war es hier ein bisschen tot, aber das entwickelt sich gerade zum Positiven. Es freut mich, dass die Stadt nach vorne kommt und ich ein Teil davon sein darf, die Fahne hochhalten kann. 

A propos »Fahne hochhalten«: Im Deutschrap ist die »Kleiner Kreis«-Thematik sehr plakativ zurzeit, bei dir nicht. Verzichtest du gewollt auf diese »Meine Jungs«-Beweihräucherung?
»Nur meine Gang, der Rest kann sich ficken« – so bin ich einfach nicht. Wenn jemand korrekt zu mir ist, bin ich auch korrekt. Nur weil du nicht aus Stuttgart kommst, bist du kein Fisch. Man kann auch mit Leuten aus anderen Städten befreundet sein. Ich mag diese Gang-Filme nicht. Ich bin offen.

Auch wenn die Tracks auf »Hallo Deutschrap« größtenteils nach vorne gehen, aggressiv klingen, hat das Mixtape eine gewisse Schwere. Einsamkeit, Hilflosigkeit, das alles findet man bei genauerem Hinhören.
Ich kann nicht auf Knopfdruck schreiben. Zum Beispiel jetzt, wenn wir hier sitzen und chillen, könnte ich keinen Text schreiben. Es muss immer etwas passieren, ich muss dann meine Wut ablassen. Auf dem Tape ist meine ganze Wut drauf. (lacht) Probleme, Enttäuschungen, Hass, natürliche auch positive Vibes zeigen sich alle auf meinen Songs. »Boulevard« habe ich in fünfzehn Minuten aufgenommen. Ich gebe dann Gas und danach geht’s mir besser.

Auf »Boulevard« sagst du »Fick die Welt, du kannst sie nicht ändern«. War das auch »nur« eine Momentaufnahme oder ist deine Einstellung grundsätzlich eher resigniert?
Eigentlich schon. Es war nicht immer leicht, hier aufzuwachsen. Als Ausländer wurdest du schon im Kindergarten immer benachteiligt, sei es von deinen Freunden und auch von den Erziehern. In meinem Leben waren viele Sachen unfair. Deswegen habe ich diese Einstellung wahrscheinlich noch immer.

Ändert sich das mit dem vorhin angesprochenen Wandel?
Auf jeden Fall. Im Gegensatz zu früher werde ich viel mehr toleriert. Es passieren gute Dinge in meinem Leben. Meine Eltern feiern es, dass ich Musik mache, ich bringe Geld nach Hause. Diese Resignation kommt von früher. Wenn man auf der Straße aufwächst, hat man einfach diese Einstellung. Ich bin auch jemand, der sich Kommentare durchliest und sich alles zu Herzen nimmt. Das fickt übel meinen Kopf und manipuliert mich richtig. Es sei denn, es sind Beleidigungen. Das juckt mich nicht.

Wessen Kritik juckt denn am meisten?
Richtige Freunde sagen dir immer die ehrliche Meinung. Ich will nicht von allen hören »Bruder, krass, Bruder, krass«. Manche Freunde sagen das andauernd. Wenn mir jemand sagt: »Hey, das fand ich nicht so cool«, nehme ich das ernst und höre drauf. Ich bin sehr pingelig mit Beats. Auf »Hallo Deutschrap« sind alle Beats krass und eigen. Alle sind bedacht ausgewählt.

Wie läuft das ab?
Wenn ich einen guten Beat höre, fange ich direkt an zu schreiben. Manchmal mit dem Part, manchmal mit der Hook. Wir waren auf dem Savas-Konzert und Omeljian hat mir an dem Abend einen Beat von Omega Beats gezeigt. Zuerst ist mir überhaupt nichts eingefallen. Am nächsten Tag  bin ich ins Studio gegangen und habe den Text zu »Miami Vibes« auf den Pizza-Lieferschein geschrieben. Eigentlich sollte ich den behalten.