Interview: Danny Brown

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Das bestgehütete Geheimnis der Industrie ist Danny Brown seit beinahe zehn Jahren. J Dilla liebte seinen Style, Jay-Z wollte ihn bei Roc-A-Fella signen, 50 Cent ihn gar zu einem festen Mitglied der G Unit machen. Der Über-MC aus Detroit wollte aber immer schon sein ganz eigenes Ding durchziehen. Als er nun bei A-Traks progressivem ElectroHop-Label Fool’s Gold signte und dort das völlig wahnsinnige Drogen-Mixtape »XXX« veröffentlichte, schien der Vollblut-Rap-Nerd endlich angekommen. Ja, der Kerl trägt die engsten Skinnyjeans seit Menschengedenken und macht mit seiner Frisur der exotischen Vogelwelt ordentlich Konkurrenz. Doch wenn es darauf ankommt, rappt er Kreise um seine Gegner und dich und deine Mutter mit links an die Wand. Man sollte ein Buch eben niemals nach seinem Umschlag bewerten.

 

 

»XXX« steht für dein Alter: Du bist 30 Jahre alt. Hast du dir als junger Rapper vorstellen können, mit 30 überhaupt noch zu rappen?
Ja. Nur hätte ich mir damals ausgemalt, zu diesem Zeitpunkt längst ein Platin-Album, ein paar Grammys und solche Scheiße vorweisen zu können. Inzwischen versuche ich gar nicht mehr, einen Hit zu landen. Ich will einfach nur Musik machen, die man nicht ignorieren kann. Jeder will mit seiner Musik in die Geschichte eingehen. Ich habe im Underground alles erreicht. Der nächste logische Schritt wäre ein Hit. Aber ich will nicht den typischen Radio-Song machen. Ich komme aus Detroit, genau wie Eminem – auch er hat Hits gemacht, die keine konventionellen Radio-Songs waren. Das ist jetzt meine Mission. Hits zu schreiben, ohne meine Integrität zu opfern. Erfolg zu erlangen, ohne kommerzielle Scheiße zu machen.

 

Du stammst aus dem Detroiter Stadtteil Linwood. Wie war es, dort ­aufzuwachsen?
It was fucked up! Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Eigentlich ist ganz Detroit im Arsch. Keiner hat einen Job, alle haben ihre Häuser verloren, die Gangs regieren die Viertel. Ich bin aus Detroit rausgezogen und versuche, die Stadt weitgehend zu meiden.

 

War Eminem eine Person, zu der du früher aufgeschaut hast?
Natürlich. Ich tue das immer noch. Aber nicht nur, weil er aus Detroit stammt. Ich bin Riesen-Fan von seiner Musik und habe sie studiert, aber ich habe es nie so gesehen: »Wenn er es schaffen kann, dann kann ich es auch.« Denn am Ende des Tages ist er ein weißer Rapper. Natürlich ist er auch supertalentiert, aber das ist einfach seine Nische.

 

In Detroit spielte Ghettotech immer eine große Rolle neben HipHop.
Für mich auch. Als ich aufwuchs, war Ghettotech riesig, es lief im Radio und in den Clubs. Es war tanzbar und lustig, aber auch dreckig und böse. All diese Elemente spielen auch in meiner Musik eine Rolle. Viele Kids kennen den Sound gar nicht mehr, sondern tanzen in den Clubs zu demselben Scheiß wie im Rest des Landes. Wir haben es nicht geschafft, diese Szene am Leben zu erhalten. Ich denke, wir hätten das Ganze mit Rap verbinden und auf die nächste Ebene bringen sollen: Ghettotech-Rap.

 

Wie bist du überhaupt zum HipHop gekommen?
Mein Vater war DJ, er stand auf Ghettotech, House und HipHop. Ich wurde geboren, als er 16 Jahre alt war, also noch sehr jung. Als ich 15 wurde, kaufte er mir das erste Wu-Tang-Album. Das hat meinen Verstand weggeblasen. Mein Vater war ein trendbewusster Mensch, das habe ich von ihm übernommen. Es ist mir auch nicht peinlich das zuzugeben. Deswegen auch meine Klamotten. Mein Vater war immer schon einen Schritt weiter als die Hipster und schwamm dadurch gegen den Strom. Er wollte immer schon auf der übernächsten Ebene sein – so hat er mich erzogen.

 

Du bist ein Trendsetter wie er, denn du gibst über Twitter Props an junge Acts wie Main Attrakionz und Mr. Muthafuckin eXquire, die dadurch viel Aufmerksamkeit auf den Blogs bekommen.
Ich verlasse den Computer eigentlich nie. Meistens sitze ich den ganzen Tag am Rechner und höre Musik. Und ich spüre einfach, wenn etwas gut ist – lange bevor mir andere davon erzählen können. (grinst) Weißt du, momentan geht es in der Musik wieder um das echte Leben. Die künstlichen Strategien der großen Labels funktionieren nicht mehr. Deswegen mag ich Künstler wie Main Attrakionz oder eXquire. Sie haben kein Label, keine bezahlten Songwriter, kein Rick Ross-Feature, keine Mietwagen im Video, keine halbnackten Schlampen… Diese ganze Scheiße stinkt. Stattdessen höre ich lieber echte Künstler wie Kendrick Lamar, Sufjan Stevens, The Weeknd oder Curren$y.

 

 

Curren$y und dich eint die Vorliebe für Drogen.
Nun, ich rauche viel Weed. Wenn ich nüchtern bin, fühle ich mich seltsam. Ich kann nichts essen und bin der deprimierteste Mensch auf der Welt. Vor mir liegt gerade eine große Packung Adderall [ein Amphetamin, Anm. d. Verf.]. Ich nehme das Zeug, wenn ich Musik mache, aber auch wenn ich auf eine Party gehe – dann werde ich nicht müde. Aber versteh mich nicht falsch: Ich nehme Drogen nicht, weil ich denke, dass man das in dieser Industrie tun muss oder weil es cool ist. Ich war schon vorher drogensüchtig.

 

Du hast Drogen verkauft, wurdest aber auch selbst abhängig. Dabei hat doch schon Biggie gesagt: »Never get high on your own supply.«
Das habe ich leider nicht beherzigt. Ich wollte Weed verkaufen, habe aber alles selbst geraucht. Ich war kein besonders guter Dealer. Ich habe hin und wieder ein wenig Geld gemacht, dann habe ich alles auf den Kopf gehauen, wurde festgenommen und musste meine Mutter anrufen, damit sie meine Kaution bezahlt. (lacht)

 

»XXX« hat mich an einen Soundtrack zu einem Gaspar Noé-Film wie »Enter The Void« erinnert.
Ja. Ich mag allerdings »Irréversible« mehr – den Film, wo das Mädchen vergewaltigt wird. Ich habe ihn mit meiner Freundin angeschaut. Sie musste kotzen. (lacht) Mein Engineer sagte auch, dass ihn mein Song »Die Like A Rockstar« an diese Eröffnungsszene erinnert. Das trifft es ganz gut. Ich habe den Song nicht gemacht, um den Drogen-Lifestyle zu glorifizieren. Der Song sollte dir so viel Angst vor dieser Scheiße machen, dass du niemals damit anfängst.

 

Wegen deines Looks und deiner ­Themen giltst du als »Weirdo-Rapper«.
Ich nehme das als Kompliment. Es gibt eine gesellschaftliche Norm. Sobald man davon abweicht, ist man »weird«. Aber »normal« hat mich nie interessiert. Ich meine, wenn du eine Schlampe gefickt hast und sie danach fragst, wie du warst, sollte sie dann sagen: »Oh, es war ziemlich normal.« Was soll die Scheiße heißen? (lacht) Ich wollte nie normal sein. Ich werde mich auch nie anpassen, ob es nun um die Kleidung oder die Musik geht.

 

Odd Future und Lil B werden als Speerspitze dieser »Bewegung« angesehen.
Wenn die Jungs nicht da draußen wären, dann bekäme ich auch weniger Aufmerksamkeit. Ich bin mit vielem, was Odd Future tun, nicht einverstanden. Aber letztlich promote ich sie und Lil B, weil mir diese Künstler die Tür öffnen. Alle Typen, die auf sie stehen, merken irgendwann: »Scheiße! Dieser Danny Brown ist genauso cool, rappt aber viel besser!«

 

Wieso hast du bei A-Traks Label Fool’s Gold gesignt?
Ich mag die meisten Labels einfach nicht. Wenn die Musikindustrie wie die High School wäre, dann wären Fool’s Gold die lässigen Kids, die sich am besten anziehen und die besten Partys machen, wo die wacken Leute nicht reinkommen. Eines Nachts traf mein Manager Nick Catchdubs [Co-Inhaber von Fool’s Gold, Anm. d. Verf.] in einem Burrito-Laden und fragte ihn, ob er Danny Brown signen will. Zwei Tage später sagte A-Trak, er wolle es machen. Der Papierkram war binnen einer Woche erledigt.

 

Hattest du vorher auch schon mal an Rücktritt gedacht?
Nein, niemals. So lange ich lebe und atme, werde ich rappen. Wie Frank Sinatra. Im Rap ist Jay-Z mein Vorbild. Wenn 50 Cent heute noch darüber rappt, dass er in der Hood mit Drogen dealt und Menschen umbringt, dann wissen wir, wie weit das von der Wirklichkeit entfernt ist. Ja, er hat diesen Lifestyle mal geführt, aber heute? Komm schon. Jay-Z hingegen ist schon lange aus der Hood weg, aber er ist immer noch hungrig und versohlt allen jungen Rappern den Arsch. Ich hätte wirklich Angst davor, mit ihm auf einen Track zu gehen. Auf »Watch The Throne« hat er alles gekillt, egal was die Foren sagen. Meine größten Inspirationen für »XXX« waren sein Buch »Decoded« und die Musik von Joy Division.

 

 

Text: Amaury »Ammo« Feron