CunninLynguists – Nothing but Strangeness // Interview

CL Hi Res
 
»Strange« ist nicht nur der Bandname, der auf gleichermaßen blöde wie geniale Weise mit dem Fachterminus für orale Sexualpraktik spielt. Nein, »strange« ist die komplette CunninLynguists-Galaxie. »Strange« ist die Mischung aus gedichtgleichen Chiffren und bäuerlichem Country-Slang der Kentucky-MCs Deacon the Villain und Natti. »Strange« ist es, wenn Producer Kno die gesamte Musikwelt der Sechziger und Siebziger durch den Chipmunk-Filter zieht, um seinen Trademark-Sound zu errichten. Und »strange« war vor drei Jahren auch die Veröffentlichung der letzten Studio-LP »Oneirology«, eine Art tiefenpsychologischer Tonträger über Schlafforschung. Die drei Südstaatler sind Aliens im Spiel. Wenn sie etwas können, dann anders sein. Und mit dem dritten Teil ihrer »Strange Journey«-Compilation sind sie damit sogar Pioniere: Zum ersten Mal in der Musikbranche durften Fans Produktmanager einer Platte spielen. Kno, das ­Sprachrohr der Bande, im Einzelgespräch über die Details.

Euer neues Album »Strange Journey 3« ist in ­Zusammenarbeit mit euren Fans ­entstanden. Die konnten unter ­anderem über Facebook Ideen für Songkonzepte einbringen. Welche ­Vorschläge haben es am Ende auf die Platte ­geschafft?
Das gesamte Konzept kommt von den Fans. »Strange Journey 3« handelt deshalb von ­Außerirdischen, weil die Fans das wollten. Was die einzelnen Songs angeht, dürfte ­ungefähr die Hälfte von Fan-Ideen inspiriert sein. Das fällt deswegen nicht so auf, weil wir kaum eine Idee eins zu eins ­übernommen ­haben. Viele der Fan-Ideen waren sehr ­konkret. Aber wenn du bereits ein festes ­Konzept für ein Album hast, ist es sehr schwer, auch noch total konkrete Song-­Konzepte umzusetzen. So etwas kriegen nur sehr wenige Leute hin. Masta Ace hat das mal geschafft, damals mit »Disposable Arts«.

Wie habt ihr die einzelnen Songs in das Konzept integriert?
Das Album erzählt von ­Weltraumreisenden, die auf der Erde nach intelligentem ­Leben ­suchen. Wir nehmen die Rolle ­dieser ­Reisenden ein und beobachten die ­Eigenheiten der Menschen von außen. Am Anfang des Albums landen die Aliens auf der Erde, um sich auf dem Song »In The City« in einer Großstadt umzusehen, wo sie ein wildes Wochenende mit ein paar Erdlingen ­verbringen. Einer von ihnen kann sein Handy nicht aus der Hand legen, wenn er mal wieder zu viel getrunken hat – davon handelt »Drunk Dial«. Der Song steht dafür, was für einen dummen Scheiß wir Menschen Tag für Tag machen. »The Morning« dreht sich um einen One Night Stand, zu dem der Suff geführt hat. Nach dem sündhaften Wochenende ist dann auf »Innerspace« Zeit für ­Selbstreflexion. Der Song zeigt typische Gedanken von uns ­Menschen: Lebe ich richtig? Mache ich zu viele Fehler? Auf »Kings«, »Castles« und »The Format« durchleuchten wir dann die ­menschliche Geschichte. Die ­Außerirdischen führen den Menschen vor Augen, wie weit sie kommen würden, wenn sie von ihrer ­Geschichte lernen und nicht immer die gleichen Fehler machen würden. Diesen ­Gedanken nehmen auch »Beyond The Sun« und »Makes You Wanna Cry« auf. Die Tracks sind geballte Kritik an der Menschheit. Am Ende ist klar: Die Suche nach intelligentem Leben auf der Erde ist gescheitert. Danach nehmen Tonedeff und Natti auf »Urutora Kaiju« in der Rolle von zwei riesigen Monstern noch den ganzen Planeten auseinander.


 
Ein unerwartetes Ende. Wo kommen die Monster plötzlich her?
Keine Ahnung, Natti rappt ja auch »I don’t know where the fuck I’m coming from«. (lacht)

Die Fans durften für »Strange Journey 3« auch über ihre Wunsch-­Features ­abstimmen; und die Gäste sind auf ­sehr erwartbaren Songs zu hören. Wäre es nicht ein noch spannenderes Experiment gewesen, hätte man die Gast-MCs auf für sie unübliche Songs gebracht?
Wenn du ein so aufwändiges Projekt wie »Strange Journey 3« fertigbekommen ­möchtest, kannst du nicht auch noch Zeit dafür aufwenden, einzelne Künstler davon zu überzeugen, etwas Neues ­auszuprobieren. Rund zwanzig Gast-Rapper auf ein Album zu ­bringen und das Ganze flüssig klingen zu lassen, ist ohnehin schwer genug.

Gab es auch Features, die ihr canceln musstet?
Ja, Tonedeff hat versucht, Tech N9ne, ­Pharoahe Monch und R.A. the Rugged Man auf den Beat von »Urutora Kaiju« zu bekommen. Leider war das in der Zeit nicht zu machen. Auch das Feature mit Brother Ali hat nicht rechtzeitig geklappt.

»Strange Journey 3« ist ein Pilotprojekt für die gesamte Musikindustrie. Glaubt ihr, dass andere Künstler in eure Fußstapfen treten werden?
Es wird sicher Nachahmer geben, aber ich glaube, dass es nur wenige so machen können wie wir. Und das sage ich nicht, weil ich uns in den Himmel loben will, sondern weil es wenige Künstler gibt, die ebenso so gute Connections in den Indie-Rap-Kreisen haben wie wir und gleichzeitig auch von keinem Label in ihrer Autonomie eingeschränkt sind. Wir haben die Crowd, die Connections und die künstlerische Freiheit.

Es ist recht ungewöhnlich, dass ihr als Trio regelmäßig Compilations mit zahlreichen Features herausbringt. Man würde solche Projekte eher von Solo-Künstlern erwarten.
Das liegt wohl daran, dass Deacon und ich uns in erster Linie als Produzenten verstehen. Als Teil der CunninLynguists rappt Deacon zwar hauptsächlich, aber eigentlich ist er mit dem Beatmaking zur Musik gekommen. Wir beide gehen unsere Musik deswegen mit einer Producer-Mentalität an. Das heißt: Wir wollen mit möglichst vielen Leuten arbeiten. Wenn wir alle solche Vollblut-Rapper wie Natti wären, dann könnten wir solche Projekte wohl nicht machen. Too much rapper ego involved.


 
Auf »Strange Journey 3« hört man euren Trademark-Sound, gleichzeitig probiert ihr soundtechnisch Neues aus.
Ja, wir wollen uns weiterentwickeln, aber ­unsere Fans auch nicht erschrecken. Ich denke, dass wir die Balance gut ­hinbekommen haben. Vor einigen Jahren hätte man Gesangsparts von mir noch schräg gefunden. Auf der neuen Platte singe ich gleich zwei Hooks.

Und du scheinst so zu singen, dass die Leute es gar nicht erkennen. Eine Review zur Compilation hat von einem »Beatles-ähnlichen Sample« auf »Drunk Dial« geschwärmt.
(lacht) Ja. Ich bin kein virtuoser Sänger, aber ich kann sehr gut verschiedene Gesangsstile nachahmen. Deswegen klingt mein Gesang oft, als wäre es ein Sample.
Eine gute Voraussetzung für ein Album ohne Samples. Wenn ihr bekannter wärt, wäre das mit dem Sampeln schließlich schwierig. Dann würdet ihr mehr Zeit im Gerichtssaal als im Studio verbringen.
Es sei denn, wir wären stinkreich und könnten alle Samples klären. Aber ja, wir könnten es inzwischen schaffen, ein Album wie die Roots zu machen. Wir bräuchten also nicht auf Techno-Beats umsteigen, wenn wir ohne Samples auskommen müssten. (lacht)


 
Wenn man so viel sampelt, ist es besser im Underground zu verweilen. Nervt es da nicht, sich selbst vor dem ­nächsten Karriereschritt zurückhalten zu ­müssen?
Nein, denn mit dem Sampeln ist es wie mit Graffiti. Graffiti ist illegale Kunst und von vielen Menschen unerwünscht. Wenn du die Kunst weiterbringen willst, musst du eben ­unerkannt bleiben. Und Kohle kannst du mit dem ­eigentlichen Graffito sowieso nicht machen, sondern mit den Nachhall-Effekten – wenn du zum Beispiel Bildbände veröffentlichst. Auch beim Sampeln kannst du mit dem ­eigentlichen Produkt kaum Geld verdienen, weil das Klären der Samples so teuer ist oder zu viele geldgierige ­Privatkläger auf dich ­aufmerksam werden, wenn du im Radio läufst. Aber unser Geld machen wir eh nicht mit Plattenverkäufen, sondern mit dem Verkauf von ­Merchandise und Konzerten. Deswegen haben wir »Strange Journey 3« auch als kostenlosen Download angeboten.

Vor »Strange Journey 3« hast du dein Side-Project »Built to Fade« releast – ein Kollabo-Album mit den Sängern Dane Ferguson, Zoe Wick und Anna Wise. Hast du bei der Arbeit an diesem Album etwas gelernt, das dir für »Strange ­Journey 3« weitergeholfen hat?
Ich habe gelernt, dass es viel ­einfacher ist, ein Rap-Album zu mixen als ein ­Gesangsalbum. Das hat mir geholfen, weniger verkopft an »Strange Journey 3« ­heranzugehen. Rap muss nicht komplex sein.◘

Text: Gordon Wüllner
Foto: Presse