Cro – La Dolce Vita [Titelstory]

Cro
 
Carlo Waibel hat einen der besten, aber zugleich auch anstrengendsten Jobs der Welt. Er ist Cro, der ­erfolgreichste, aber auch am meisten polarisierende ­Rapper des Landes. Seit »Easy« lief sein ­Leben völlig aus dem Ruder. Er ­verkaufte ­Millionen von Singles und über eine ­halbe Million Alben, er gewann Preise, warb für Großkonzerne und ­bespielte beinahe jede Bühne des Landes (von der Hanns-Martin-Schleyer-Halle bis zur »Wetten, dass..?«-Bühne). Die ­gefühlte ­Omnipräsenz der Pandamaske hielt von Anfang 2012 bis Ende 2013 an. ­Abgefahren fast, dass das »Easy«-Mixtape nun bald schon ­zweieinhalb Jahre auf dem Buckel hat. Seitdem war Cro immer irgendwie da. Fraglich, ob Carlo Waibel in der Zwischen­zeit überhaupt die Ruhe hatte, den ganzen Wahnsinn zu verarbeiten. ­Schließlich steht nun, Mitte 2014, bereits sein zweites Album »Melodie« an. Und nein, die Pandamaske wird Cro auch ­diesmal nicht ­absetzen – denn auf öffentlichen Fame gibt ­Carlo nach wie vor keinen Fick. Er ­möchte ­einfach weiter unbeschwerte Songs schreiben – und so leben wie zuvor.
 

 
Als Carlo den Raum betritt, sind die ­Donuts fast alle. Dabei hatte sein Manager ­Kodimey gleich eine ganze Kiste aus der gerade ­eröffneten Stuttgarter Filiale von Dunkin’ ­Donuts mitgebracht. Aber Carlo ist ein ­bisschen spät dran, wie so oft – ein ­Umstand, den er auch auf einem seiner neuen Songs thematisiert, die ich an diesem Märztag im Chimperator-Büro im Herzen von 0711 zum ersten Mal gehört habe. Doch ­Carlo hat das Glück, zu jener Sorte Mensch zu gehören, der man nicht mal eine einstündige Verspätung richtig übelnehmen kann. Und als er nun gut gelaunt in den Konferenzsaal schlurft, in dem ich gerade sein neues Album gehört habe, greift er sich erst mal einen der letzten Donuts mit einem knallgelben Smiley drauf, und Carlo sagt zu Kodi: »Die Dinger sind wie ­Chimperator. Eigentlich schmecken die so wie bei jedem anderen Bäcker, sind aber viel bunter.« Die Anwesenden lachen. Danach fragt er mich, ob ich mittlerweile sein Album gehört hätte. »Und wie fandest du’s?« Gut fand ich es. Aber dazu später.
 
Das verflixte zweite Album
 
Landläufig sagt man, das zweite ­Album sei für jeden Musiker die größte ­Herausforderung. Mit der ersten Platte hat man sich zwar eine Fanbase erspielt, aber eben auch Erwartungen geweckt. Die Fans wollen weder von ihrem Helden durch einen zweiten Aufguss des Erstlings gelangweilt, noch durch etwas komplett Neues vor den Kopf gestoßen werden. Und die antizipierte Reaktion der Fans spukt in jedem Künstlerkopf herum – ganz egal, ob dieser nun Kanye West oder Cro heißt. Allerdings erwartet man von Ersterem in erster Linie Regelbruch und narzisstischen Wahnsinn, während der Großteil der Panda-Gang eher nach einem neuen Soundtrack für die Sommerferien giert. Nicht zu vergessen die Erwartungen des Labels – ­schließlich liegt auf der Cash Cow Cro die Last, auch jene ­Chimperator-Veröffentlichungen ­mitzufinanzieren, die keine Kohle ­einspielen. Und die Kritiker? Die haben ihn eh auf dem Kieker. Aber auch die Kids, die im ­Sommer 2012 Cro-Fans wurden, sind nun zwei Jahre älter. Eine Zeitspanne, die bei Teenagern häufig mit einer ­existenziellen ­Verschiebung der Sicht auf die Welt ­einhergeht. Wie geht man mit diesem ­Problem um? Wie setzt man dieses Pop-­Naturgesetz außer Kraft? Wie bringt man die Leute zum Schweigen, die behaupten, man hätte das Phänomen Cro ohnehin so doll ausgeschlachtet, dass es keinen dritten Sommer überstehen wird?
 
Ein Hit ist ein Hit
 
Vielleicht ist es das Beste, man macht genau da weiter, wo man aufgehört hat. Deshalb beginnt »Melodie« mit viel Tempo. Wie schon bei »Raop« soll das Intro ­anscheinend zunächst die hatenden Rap-Heads zum Schweigen bringen. Heißt: Eier auf den Tisch, Flows auspacken und representen. Das bisschen »ballen«, es steht Cro, der für einen Rapper vergleichsweise bescheiden unterwegs ist, gut zu Gesicht. Insgesamt ist ­»Melodie« dennoch recht zweckmäßig ­geraten. Heißt im Klartext: Ein Album voller Hits, aber ohne Widerhaken. Auf den ersten Blick hätte dieser Platte etwas mehr offensive Zurschaustellung der eigenen Geschmackssicherheit und der eigenen Gedankenwelt gut zu Gesicht gestanden. Aber vielleicht spricht da auch der Nerd aus mir. Und für Nerds war diese Musik einfach noch nie gemacht.
 
Als Musikjournalist sucht man in Musik nach irgendetwas Klugem; etwas, das im Idealfall im Subtext passiert. Aber eine zweite Ebene sucht man bei Cro auch mit der Lupe ­vergebens. Dennoch ist »Melodie« ein stärkeres HipHop-Album als »Raop«, und über das sagen nach anfänglichem Hate heute immerhin immer mehr: »Für das, was es ist, ist das eigentlich eine 10 von 10.« Das Grundkonzept (eingängige Hooks und prägnante Verse treffen auf skelettartige, mit sparsamen Mitteln arrangierte Beats) ist heute wieder dasselbe. Allerdings klingen viele Instrumentale in den Tiefen ein gutes Stück druckvoller. Eine Eigenschaft, die dem manchmal zu dünn klingenden Vorgänger abging. Dennoch hat Cro erneut kein Album nur mit Rap-Beats aufgenommen, sondern auch wieder Songs geschrieben, die deutlich vom Tanzflur-Indie von Bands wie Two Door Cinema Club oder The Wombats beeinflusst sind. Darauf angesprochen wird Carlo später sagen: »Das ist für mich der beste Beweis dafür, dass es Quatsch ist, wenn die Leute behaupten, sie wüssten, woher ich meine Inspiration habe. Den einen erinnert so ein Stück an diesen, den anderen an jenen Song. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.«
 

 
Völlig offen liegt hingegen die Inspirationsquelle des Stücks »Bad Chick«. Freimütig ­erklärt Carlo, er habe sich dafür an »What’s The Difference« von Dr. Dre orientiert. Auf dem Song erzählt Cro, naja, wie »bad« sein Mädel ist. Flach, aber effektiv. ­Interessant ist es trotzdem, dass Cro sich gerade diesen knapp 15 Jahre alten Gassenhauer des ­Doktors für eine liebevolle Hommage ausgesucht hat. Als wir während unseres Gesprächs im Chimperator-Büro darauf zu ­sprechen kommen, erklärt Carlo, es sei ­genug Zeit ins Land gegangen; man müsse sich so langsam ja wohl mal an die ­Klassiker der späten Neunziger heranwagen dürfen. »Ich war ja bereits saufrüh am Start, mit sechs oder sieben. Mein älterer Bruder sorgte dafür, dass ich HipHop damals schon mitbekam und Snoop, Dre und wenig später Eminem die Größten waren.« Genannte ­Interpreten dürften die großen, verbindenden Elemente für jeden Rap-Fan sein, der zwischen Mitte und Ende der Achtzigerjahre zur Welt gekommen ist. Von Kendrick Lamar bis hin zu Cro-Kumpel Dajuan, der seine Liebe zum Westcoast-Sound von damals in seinem aktuellen Mixtape »Cali« auf und ab exerziert, verliebte sich damals wohl weltweit jedes HipHop-Kind in Alben wie »The Chronic 2001« und »The Marshall Mathers LP«. Im Falle von Cro manifestiert sich dieser Einfluss zumeist jedoch eher unterschwellig.
 
»Melodie« ist nämlich erneut auf ganzer Länge ein Feel-Good-Soundtrack wie schon »Raop«. Die Songs klingen wie locker aus der Hüfte gefeuert und für unendlich viel Radio-Airplay gemacht. Die erste Single »Traum« ist der dafür vielleicht offensichtlichste, aber sicher nicht stärkste Song auf dem Album. Das HipHop-Herz freut sich mehr über jene Tracks, auf denen Carlo klarmacht, dass er sich durchaus noch immer als Rap-Künstler sieht (und es gar nicht mag, wenn man ihm das abspricht). Da ist beispielsweise das witzige Stück »Cop Love«, das so wirkt, als wäre es an »Mrs. Officer« von Lil Wayne angelehnt. »Natürlich beziehe ich meine ­Inspiration auch aus der Musik anderer Leute. Aber mir geht es dann eher darum, vergleichbare Vibes zu erzeugen. Dazu höre ich mir an, welches Element eines Stücks dafür verantwortlich ist, und benutze dann für meinen Song etwas, das einen ähnlichen Effekt hat«, erklärt Carlo seinen Arbeitsprozess. Wer also glaubte, dass Cro nun »erwachsenere« Musik mache, weil die ersten Trailer-­Schnipsel und das Album-Cover einen solchen Schluss zulassen, der irrt. Und ­vermutlich ist es sogar unser großes Glück, dass Carlo jetzt (noch) nicht versucht, ­plötzlich King Crole zu werden.
 
Ein Glück ist das vor allem deshalb, weil der Panda nun mal weiter ein Leben zu führen scheint, auf das man neidisch sein muss; und Cro zudem wohl noch immer von keiner einzigen Lebenskrise heimgesucht wurde – wobei im letzten Satz bewusst Cro und nicht Carlo stand. Denn, wie unschuldig dessen Antworten manchmal auch klingen mögen, ganz so kindlich ist er eben doch nicht. Zumindest nicht nur. Vor mir im Chimperator-Büro sitzt ein Erwachsener. Und selbst als Spross einer intakten süddeutschen Familie dürfte Carlo in seinem Alter zwangsläufig das eine oder andere Mal mit der ­Gesellschaft ­aneinandergerasselt sein. Vor solchen Krisen ist schießlich niemand gefeit. Aber als Cro tut er nun mal etwas, das sein gutes Recht ist als Künstler: Er spart bewusst bestimmte Teile seines Privatlebens aus und lässt uns glauben, sein Leben wäre jeden Tag perfekt. Aber vielleicht ist Cro auch genau deswegen so erfolgreich, weil er sein Leben tatsächlich nahe an der Perfektion führt, indem er sich ­einerseits greifbar gibt, andererseits aber auch unnahbar wirkt. So gibt er jedem die Chance, sich auf CD-Länge wie ein echter Gewinner zu fühlen. Gar nicht so viel anders funktioniert übrigens auch die Musik von Leuten wie Kollegah und Rick Ross.
 

 
Gut gelaunt ins Abendrot
 
Dann ist da aber auch noch etwas, das man sich als Musikjournalist kaum zu ­schreiben traut: Cros erstes Album wird für mich ­persönlich immer mit Erinnerungen an einen Sommerurlaub, einen Roadtrip und die französische Atlantikküste verbunden sein. Deswegen macht es mich jedes Mal, wenn ich es höre, ein Stück glücklicher. Und ­»Melodie« klingt vertraut genug, um dieses Gefühl erneut zu wecken. Und da spricht jetzt natürlich nicht der Kritiker, sondern der ­Konsument aus mir. Vielleicht habe ich aber auch einfach verstanden, dass Dogmen in der Pop-Rezeption fehl am Platze sind. Klar, auch mir bedeutet am Ende die Musik am meisten, mit der ich eine gewisse Haltung teile (sei es ­aufgrund politischer/­gesellschaftlicher Überzeugungen oder ­aufgrund eines ­gemeinsamen Lebensgefühls). Pop im ­Allgemeinen kann und darf gerne mal mehr sein als ­Unterhaltung – muss es aber nicht. Carlo Waibel hat sich nun mal dazu entschlossen, als Cro einen Soundtrack für die schönen, sorglosen Momente im Leben zu schreiben. Alles andere blendet er bewusst aus. Das ist vollkommen legitim und, da diese Songs wohl nicht nur mich ab und zu ein Stückchen glücklicher machen, darüber hinaus eine gute Sache. Carlo selbst sieht das ähnlich: »Genau so soll meine ­Musik auch klingen. Es ist ja nicht so, als hätte ich nie in meinem Leben einen traurigen Song geschrieben. Ich habe bloß ­irgendwann den totalen Abturn auf traurige Beats ­geschoben. Als ich vierzehn war und Lil-Wayne-mäßige Mixtapes aufnehmen wollte, zog ich mir immer Gratis-Instrumentale von rappers.in. Da war dann einfach jeder Beat mit ­billigen Instrumenten und einem traurigen Klavier programmiert. Das klang so ­generisch; solche traurigen Dinger kann ­einfach jeder bauen. Gib mir ein Piano, ich mach dir ein paar Moll-Akkorde und schon klingt das supertraurig. Aber schreib mal einen Gute-Laune-Song, der nicht total dämlich ist. Das ist die Königsdisziplin.«
 
Ob auch »Melodie« Deutschrap-Geschichte schreiben wird, darüber lässt sich jetzt natürlich noch kein Urteil fällen. Der britische Journalist Simon Reynolds schrieb letztens sehr treffend (in The Pitchfork Review; Anm. d. Verf.) von einer gewissen Lieblosigkeit, die den Musikjournalismus (und auch den Musikkonsum) ergriffen habe, seitdem das Internet den Pop-Diskurs auf Highspeed ­beschleunigt hat. Demnach sollte ich »Melodie« vielleicht eigentlich schon längst bewertet, ­eingeordnet und abgehandelt haben. Aber Cro ist eben kein Blog-Phänomen, das nach ein bisschen Internet-Hype wieder von der Bildfläche verschwinden wird. Ob wir wollen oder nicht: Seine Musik wird uns wohl wieder das ganze Jahr lang begleiten. Vielleicht (und sehr wahrscheinlich) wird Cro sich mit diesem Album an der Pop-Spitze etablieren. Vielleicht (und eher unwahrscheinlich) wird er den Hass der HipHop-Nazis hinter sich lassen. Vielleicht sollte man es einfach auf sich ­zukommen lassen. Es wurden zweifellos schon mutigere zweite Alben als »Melodie« veröffentlicht. Aber auch sehr viel ­schlechtere.
 
EASY Life
 
Derweil in Stuttgart. Wir haben fürs Erste genug über Musik geredet. Draußen scheint die Sonne und Carlo möchte mir noch ein bisschen was von seiner Heimatstadt zeigen. Also gehen wir vor die Tür und betreten denselben Gebäudekomplex zwei Eingänge weiter erneut. Ein ­bestialisch stinkender ­Fahrstuhl (»Im Keller ist das Lager eines Asia-Imbisses. Ich weiß auch nicht, was die da ­unten lagern, aber ich halte hier immer die Luft an.«) fährt uns vier, fünf Etagen hoch und ins Büro der von Carlo gegründeten Klamotten-Marke VIOVIO. Ursprünglich als Ein-Mann-T-Shirt-Label gestartet, hat sich die kleine Firma parallel zum Erfolg von Cro zum begehrten Streetwear-­Unternehmen ­entwickelt. Die Verkaufs- und ­Vertriebsstrategie ähnelt nicht von ungefähr der New Yorker Boutique-Skate-Marke Supreme, von der Cro auch in seinen Songs gerne spricht. Hergestellt werden die VIO-Klamotten ­vergleichsweise teuer in der Türkei. Die produzierten Stückzahlen sind klein, man verkauft nicht an jeden x-beliebigen Klamottenladen. Man setzt auf Begehrtheit statt auf Verfügbarkeit. Im Büro sitzen täglich vier bis fünf Leute – unter ­anderem zwei von Carlos ­Geschwistern. Aktuell werkelt man bei VIOVIO an der nächsten Kollektion und einer Pop-Up-Truck-Tour durch Deutschland. Carlo stellt mich vor, skatet auf einem herumstehenden Board kurz ein paar Runden durchs Büro und bespricht mit den anderen ein mögliches T-Shirt-Design für den kommenden Sommer.
 
Nach einer Viertelstunde steigen wir wieder in den Fahrstuhl, und kurze Zeit später stehen wir auf dem Rotebühlplatz. Ich frage Carlo, wie viel Zeit er überhaupt noch hat, um an Designs für seine Marke zu arbeiten. »Das letzte Mal hatte ich die im Herbst. ­Momentan kann ich mich wirklich nur um mich und mein Album kümmern, aber die anderen sind auch sehr talentiert. Doch die finalen ­Entscheidungen treffe immer noch ich. Gleichzeitig soll VIOVIO aber für sich stehen können und wird auch in Zukunft nicht mit mir als Cro werben. Wir wollen ja als ­eigenständige Marke ­wahrgenommen ­werden«, erklärt er. Dann treffen wir wieder auf Kodimey. Wir wollen uns jetzt mit ­Kaltgetränken in den Stadtpark setzen. ­Carlos Auto steht in der Tiefgarage – ein Mietwagen. Das Modell will er vorab nicht ­verraten. Er sagt nur: »Die Karre passt gar nicht zu mir. Ich fahre eigentlich eine G-­Klasse, musste vor ein paar Tagen aber beruflich in die Schweiz, und dafür hat mir Mercedes ein schnelles Auto gegeben.« Der CLS AMG, den er bekommen hat, schindet jedenfalls ordentlich Eindruck. Ich setze mich auf den Beifahrersitz, Carlo macht sich eine E-Shisha an (»wegen des Rauchverbots im Mietwagen«). Wir fahren los, hören erst Frank Ocean, dann Ludacris (»I got hoes in different area codes«), ­beschleunigen in Sekunden und stehen nach zehn ­Minuten bereits ­wieder. Der Stadtpark ist an diesem ­Nachmittag gut gefüllt, trotzdem nimmt niemand Notiz davon, dass einer der ­erfolgreichsten Songschreiber der letzten Jahre nun auf einer Stufe Platz nimmt, von der aus man einen guten Überblick über das idyllische, künstlich angelegte Seen-­Panorama im nördlichen Teil des Parks hat.
 

 
Hattest du eigentlich darüber ­nachgedacht, deine Maske doch noch abzunehmen, damit jeder weiß, dass du »Easy« und »Du« geschrieben hast?
(Zieht an seiner Shisha und verschluckt sich) Boah, das war eklig. Auch wenn Sido meint, ich werde das auf jeden Fall ­irgendwann ­machen, um meine Anerkennung zu ­bekommen: Nein, die Maske bleibt drauf!
 
Also hast du keine Lust zu erfahren, wie es ist, wenn dich jeder erkennt?
Auf gar keinen Fall. Auf manchen ­Medienpartys weiß das ja eh schon jeder, und das ist echt anstrengend. Wenn dir die Leute tausendmal erzählen, dass du überkrass bist, dann glaubst du das selbst einfach nicht mehr. Ich finde es gut, dass ich das nur in kleinem Maße erlebe. Diesen Ruhm, den will ich echt nicht.
 
Die letzten Jahre müssen für dich auch so bereits stressig genug gewesen sein. Ist es dir diesmal schwerer gefallen, leichtgängige Songs zu schreiben?
Ach nein, das habe ich wieder gut ­hinbekommen. Aber ich habe mir dieses Mal mehr Gedanken gemacht und nicht mehr jeden zweiten Reim genommen, sondern so lange geschrieben, bis ­irgendwann genug Früchte am Bäumchen hingen. Dann hab’ ich geschüttelt, und die reifen sind ­abgefallen. Deswegen sind meine Reime diesmal ­sauberer und die Themen ­durchdachter – zumindest teilweise. (grinst) Bei »Raop« war meine Einstellung eher: Nur nicht ­nachdenken, einfach machen, und das Erstbeste nehmen. Eigentlich bin ich jetzt immer noch so, nur überleg‘ vorher kurz mal. (grinst noch mehr)
 
Warum eigentlich, wenn das ­Prinzip ­»einfach machen« bisher doch ­offensichtlich gut funktioniert hat?
In erster Linie natürlich, damit ich selbst ­weiterhin mit meiner Musik zufrieden bin. Aber natürlich will ich es auch nicht auf mir sitzen lassen, wenn irgendwer behauptet, ich könne gar nicht rappen. Irgendwie sind die ganzen Internet-Idioten, die da draußen rumflamen, also auch schuld daran. In erster Linie mache ich Musik aber immer noch für meine Kumpels und Leute wie Kodi, die immer ganz heiß darauf sind, meinen ganzen neuen Kram zu hören.
 
Hattest du mal eine Schreibblockade?
Manchmal sitze ich so da und hätte gerne jemanden, der mir beim Schreiben hilft. Das sind Momente, ich denen gar nichts geht und ich Motivationshilfe bräuchte. Aber dann rufe ich einfach Kodimey an. Meistens sagt der einfach: »Denk an Michael Jackson!« – der hatte nämlich kurz vor »Thriller« auch mal ein krasses Down –, und das hilft mir dann dabei, mich schnell wieder aufzuraffen.
 
Wäre es denn so schlimm, wenn du Songs gemeinsam mit anderen ­schreiben würdest?
Nein. Aber wenn ich mir eine Lena Meyer-Landrut ansehe, die sich ihre Texte ganz ­bestimmt von irgendeinem Joachim ­schreiben lässt, finde ich das total uncool. Das ist nicht verwerflich, aber eben auch nicht geil. Du kannst schon gemeinsam mit anderen Musik machen. Einige können bessere Hooks, andere dafür bessere Reime schreiben. Aber wenn ein Rapper etwas erzählt, das gar nicht von ihm kommt, finde ich das trotzdem scheiße.
 
Ärgert es dich, wenn im Internet ­angezweifelt wird, dass du deine Beats selbst machst?
Ach, Quark. Wenn das wirklich Leute ­glauben, dann sind wir selbst schuld daran. Wir müssen einfach deutlich nach außen tragen, wie es wirklich ist. Manche Fans glauben ja sogar, Psaiko (Dino; Anm. d. Verf.) würde meine Tracks produzieren. Wir wollen aber dieses Mal vor Album-Release ­deutlich zeigen, wie ich tatsächlich arbeite.
 
Das habt ihr unter anderem mit euren Video-Teasern gemacht. Hast du das Album wirklich in Venedig geschrieben?
Nicht ganz, aber dort habe ich erst so richtig angefangen, an der Platte zu arbeiten. Ich war vorher fast das ganze Jahr auf Tour und bin dann im November nach Venedig ­geflogen. Zu dieser Zeit sind diese Videos entstanden, und ich habe viele Songs dort ­geschrieben. Im Anschluss bin ich bis kurz nach ­Weihnachten bei meiner Familie ­gewesen, danach stand gefühlt das halbe Album. Im Januar saß ich dann wieder die meiste Zeit in meinem Keller, und seit Mitte Februar geht eigentlich nicht mehr viel Neues. Ich habe jetzt 18, 19 fertige Songs und ­experimentiere gerade noch mit drei, vier ­weiteren Stücken herum. Eigentlich arbeite ich ja eher punktlandungsmäßig, diesmal habe ich zum ersten Mal sogar zu viel ­geschrieben. Auf dem fertigen Album werden am Ende aber wieder nur die besten 13 Tracks landen.
 
Auf dem Cover bist du als Skulptur ­dargestellt. Hat das mit deiner Venedig-Reise zu tun?
Ja, die Skulpturen und Kirchen dort haben mich ästhetisch umgehauen, und deswegen bekommt dieses Album einen Look verpasst, der an diesen Trip angelehnt ist. Das passt gut zu mir und der Platte – dieser etwas kühlere, reduziertere Look.
 

 
Du hast bei JUICE TV letztens erzählt, dass du mal Bildhauer werden möchtest. War das nur flapsig dahergesagt oder tatsächlich ernstgemeint?
Ich würde statt Musik sogar lieber Kunst machen. Ich bastle ständig irgendwelchen dummen Kram. Immer wenn ich ­irgendwo rumsitze, fange ich an zu malen. Hauptsache irgendwas ist verkehrt herum aufgezeichnet und auf die eine oder andere Art merkwürdig. Meine Wohnung später, die wird so geil! Der ganze Raum wird weiß und leer sein. Nur in der Mitte wird eine Skulptur stehen. Natürlich verstehe ich moderne Kunst manchmal nicht, wenn da irgendwelche krassen Konzepte ­dahinterstehen, aber ich finde sehr vieles spannend. Es macht mir auch ­wahnsinnig viel Spaß, mit Acryl-Farben zu malen. Ich habe schon richtig große Bilder fertiggestellt. Aber bis ich die der ­Öffentlichkeit zeige, muss noch einiges passieren. Ich will, dass eines meiner Bilder mal in einem Museum hängt. (grinst)
 
Hast du manchmal Angst zu scheitern?
Klar hab’ ich die. Aber das ist auch gut so. Hätte ich die nicht, würde das bedeuten, dass ich nicht wirklich alles gegeben habe.
 
Hast du dich in den letzten zwei Jahren verändert?
Auf jeden Fall. Damals, als ich als kleiner, verplanter Lausbub in diese Welt steppte, wusste ich nicht mal, was der Unterschied zwischen einem Verlag und einem Label ist. Mittlerweile verstehe ich, wie das alles abläuft; technisch, aber auch organisatorisch. Ich bin reifer und abgeklärter geworden, aber bestimmt nicht erwachsen.
 
Hast du dir schon mal etwas richtig Dummes, Sinnloses gekauft?
Nö, eigentlich nicht. Ich bin da sehr zurückhaltend. Auch mit der teuren Karre, das bin eigentlich nicht ich. Ansonsten habe ich mir nur teure Dinge geleistet, die unsere Firma weiterbringen. Ich bin dank der Maske einfach der geblieben, der ich vorher war. Ich bin kein Star, ich führe ein relativ normales Leben. Aber ich kann ab und zu, wenn ich darauf Bock habe, mal die schönen Seiten des Star-Daseins mitnehmen. Das ist total ­perfekt. Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll.
 
Du warst seit »Easy« nie wirklich weg. Warum hast du nicht mal eine längere Pause eingelegt?
Ich weiß nicht. Was würde denn ­passieren, wenn ich jetzt für zwei, drei Jahre weg wäre? Ich schätze, das wäre so wie bei den Beginnern. Die sind ja auch ewig lange weg, und trotzdem warten die Fans noch auf ihre Musik. Aber mal im Ernst: Glaubst du, die Leute könnten mich vergessen?
 
Vermutlich nicht.
Ich glaube, das hat auch was mit meiner Maske zu tun. Wenn ich mal länger weg bin und dann wieder mit Maske zurückkomme, bin ich ja überhaupt nicht gealtert. Es wird sich wieder anfühlen wie beim ersten Mal. Dann schreibe ich einen Pharrell-mäßigen Hit, und alles ist wieder wie damals. Ach, Kodi, wie lange habe ich eigentlich noch Zeit, bis ich das Album abgeben muss?
 
Tatsächlich hat Cro nur noch zwei ­Wochen bis zur Deadline. Heißt: Ein paar ­Nachtschichten müssen noch her. Vor der Abgabe wird Carlo seine Musik nicht aus den Händen geben. Wir beenden nun das Interview und fahren mit dem AMG zurück in die Innenstadt. Kodimey setzen wir in der Nähe seiner Wohnung ab. Bevor Carlo zurück in sein Heimstudio fährt, essen wir noch einen Döner in der Stuttgarter ­Fußgängerzone, ­reden über Musik und sitzen neben einigen Teenagern auf einer Bierbank. Sicher hören sie Cro, vielleicht lieben sie ihn, vielleicht finden sie ihn nervig, vielleicht beneiden sie ihn um seinen Ruhm und sein aufregendes Leben. Eine Meinung zu ihm haben sie aber ganz sicher. Ein Glück für Carlo, dass sie keine Ahnung haben, wer er ist.
 
NWA (nie wieder arbeiten)
 
Am nächsten Tag treffen wir uns erneut vormittags im Chimperator-Büro. Vor Carlo liegt ein Tag, der komplett für Fotoshoots eingeplant ist. Zunächst soll das ­Bildmaterial für die JUICE produziert werden, später noch ­sämtliche Fotos für die Kampagne um ­»Melodie«. In einem leerstehenden Büro haben die Chimps einen Beamer vor eine Leinwand gestellt. Gemeinsam mit Art Director Dani und Fotografin Delia hatte Cro die Idee, diverses Bildmaterial auf sich und seine Maske projizieren zu lassen, um aus klassischen Porträtfotos etwas Besonderes zu machen. An diesem Morgen ist Carlo hochmotiviert, bringt sich in die Bildauswahl ein, gibt direktes Feedback und albert in kurzen Pausen mit einem Hund herum. Er wirkt genauso verplant und sympathisch wie er in früheren Artikeln beschrieben wurde – aber auch bestimmt. Carlo weiß genau, wie Cro auszusehen hat.
 

 
Die folgenden zwei, drei Stunden sind sehr produktiv. Bis zur Mittagspause (Salat, Pizza, Smoothies) entstehen zahlreiche Bilder; einige fürs Album-Artwork, einige für das JUICE-­Cover. Danach steigen wir in Carlos Auto, mittlerweile hat er seine G-Klasse wieder, und fahren ein Stück weiter in den ­Stuttgarter Westen. Dort sind wir in einer kleinen Galerie mit einem Künstler verabredet. Der hat eine seiner Arbeiten für den Shoot zur Verfügung gestellt und bereits aufgebaut. Es ist eine Wand voller Wegwerfkameras; manche sind in der Drogerie gekauft, manche stammen aus Werbeaktionen von großen Konzernen. Hier entstehen weitere Fotos. In einem ­erinnerungswürdigen Moment greift sich Carlo eine der Kameras hinter ihm und richtet sie auf die Fotografin. Er blickt den Betrachter durch die Fotolinse direkt an und hat dabei die Wand voller Kameras in seinem Rücken. Man könnte sagen, Cro dreht in diesem ­Moment den Spieß um. Er zwingt den Zuschauer, sich selbst beobachtet zu fühlen, und ist so nicht länger die blanke ­Projektionsfläche, auf die jeder das werfen kann, was er möchte. Vielleicht will Carlo in diesem Moment nur ein gutes Foto entstehen lassen, vielleicht auch nicht. Am Ende ist die Antwort ohnehin egal. Denn irgendwie ist alles Kunst, was dieser Kindskopf macht; dieser Kindskopf, der seinen Scheiß am Ende des Tages doch ziemlich gut unter Kontrolle zu haben scheint. Glaubt man an solche Konzepte, könnte man genau das als seine besondere Gabe bezeichnen. Carlo kreiert Zeichnungen, Klamotten und Musik, ohne dass er groß ­darüber nachdenken muss. Er ist das Gegenteil eines Konzeptkünstlers, der bewusst Sinn intendiert, mit Referenzen aus verschiedenen Dekaden hantiert und am Ende vor allem in der Vergangenheit ­Geschaffenes auseinandernimmt und so wieder zusammensetzt, dass es einen neuen Sinn erhält. Und das ist gut und schlecht zugleich.
 
Es wirkt so, als würde Cro-Musik ohne große Beeinflussung von außen, gewissermaßen also naiv und unschuldig, entstehen. Genau deswegen sind seine Songs zugänglich und greifbar für jedermann. Das macht ihn aber auch angreifbar – schließlich funktioniert sein Raop weder über eine starke erzählerische Komponente, noch über subtil ausgesandte subkulturelle Codes. Es ist das pure, zumeist oberflächliche Abfeiern des Lebens, das Cros Songs zum Inhalt haben. Ob man das gut findet, muss jeder für sich selbst ­entscheiden. Auf der einen Seite produziert er Musik dadurch im Prinzip aus der besten ­Motivation heraus, nämlich aus reinem Vergnügen. Auf der anderen macht er sich durch diese Egal-Haltung aber auch angreifbar; anfällig für die Vereinnahmung durch internationale ­Konzerne, die auf seinem Rücken ­Produkte vermarkten wollen, die eigentlich kein ­Künstler, im Prinzip überhaupt niemand, unterstützen sollte.
 
Derweil wird Carlo hinter seiner Maske müde. Es mag das schwer-schwüle Wetter sein, das jeden, der an diesem Shoot beteiligt ist, etwas geschafft dreinblicken lässt. Vielleicht ist es aber auch die stickige Galerieluft. Jedenfalls zeigt Carlo mittlerweile immer weniger Eigeninitiative und lässt den Shoot irgendwie über sich ergehen. Patzige oder zickige Momente, die beinahe jeder muffelige Rapper dann und wann mal hat, erlaubt er sich trotzdem nicht. Bei aller Verplant- und Relaxtheit ist er eben doch ein Profi.
 
Eine gute Stunde später sitzen wir zu zweit in Carlos G-Klasse. Er wird gleich nach Hause zu seiner Familie fahren, sich dort ­verschanzen und weiter Musik machen, bis ihn seine in den folgenden Wochen immer mehr werdenden Termine und Deadlines einholen. »Ich weiß bisher noch gar nicht, was mich dieses Jahr noch so alles ­erwartet. Ich versuche immer, das so lange wie ­möglich nicht an mich heranzulassen. Bis mir mein Label sagt ‚Du musst da und da hin‘ werde ich mich erst mal nur um meine Musik kümmern.« Kurz bevor er mich am ­Bahnhof rauslässt, flüstert er noch, als wäre ihm das ein wenig peinlich: »Weißt du, wenn ich wollte und mir mein Geld gut einteilen würde, müsste ich einfach nie wieder arbeiten und könnte den Rest meines Lebens machen, was ich will.« Spätestens in diesem Moment dürfte auch der letzte verstanden haben, dass Carlo Waibel den Massengeschmack nicht bedient, um ein luxuriöses Leben zu führen. Ruhm und Geld – so wichtig ist ihm das alles nicht. Wie jeder Mensch will er für seine Arbeit anerkannt werden, ansonsten interessiert ihn die Außenwelt eher wenig. Kreativ sein, Spaß haben, leben – darum geht es Carlo Waibel. Dann verabschieden wir uns, wohlwissend, dass man sich in diesem Jahr noch bei der einen oder anderen beruflichen ­Angelegenheit über den Weg laufen wird. Ich steige am Rande der Baustelle von ­Stuttgart 21 aus, Carlo biegt nach rechts ab und verlässt den Stuttgarter Kessel durch den Wagenburgtunnel. Allzu oft wird er in diesem Jahr nicht mehr die Chance haben, ­gemütlich mit dem Auto nach Hause zu gondeln, mit der Familie herumzuhängen und sich anschließend im heimischen Studio die Nacht um die Ohren zu schlagen. ◘
 
Text: Sascha Ehlert
Foto: Delia Baum