Chuck D: »Der Planet ist voller verschiedener Farben und menschlicher Wesen.«

Chuck D_credit_Sascha Niethammer

Polit-Rap-Urväter, HipHop-Revolutionäre, Rebellen mit guten Gründen. Bei Public ­Enemy sollte man gar nicht erst anfangen, Verdienste und Superlative anzuhäufen, wenn nur begrenzter Platz zur Verfügung steht. Umso größer dürfte für den Aktivisten Chuck D, den Hypeman aller Hypemänner Flavor Flav, den kontroversen Professor Griff und ihren auch nach über 15 Jahren noch neuen DJ Lord die Herausforderung sein, 27 Jahre nach dem vielleicht wichtigsten HipHop-Album von allen weiterhin einen nicht egalen Umgang mit dem Rapgeschäft zu pflegen. Dazu zählen nicht nur Chucks Unternehmungen wie das Webradio Rapstation.com, der Vertrieb Spit Digital oder die Spinoff-Gruppe PE 2.0, ­sondern eben auch »Man Plans God Laughs«, das nunmehr 13. Public-Enemy-Album, das Chuck mit Gary G-Wiz produziert hat. Bei einer Veranstaltung der HipHop Academy Hamburg trafen wir Carlton Ridenhour – if you don’t know him, you can call him Mistachuck.

Euer Album »Fear Of A Black Planet« ist jetzt 25 Jahre alt. Ist der Planet denn schwärzer geworden?
Der Planet war schon immer schwarz. Der Planet ist voller verschiedener Farben und menschlicher Wesen. Nur: Die These der Überlegenheit der Weißen setzt voraus, dass es eine reine Rasse gibt, nämlich die weiße Rasse, was einfach nicht der Wahrheit entspricht. Weiß ist auch nur eine Mischung aus anderen Dingen.

Siehst du keine Veränderung in Bezug auf den kulturellen Einfluss der HipHop-Generation?
Der ist doch auch nicht größer als der Einfluss von Jazz. Okay, inzwischen ist beides gleich groß, aber es sind immer noch die gleichen Menschen, die dahinterstehen. Sieh dir Jazz seit den Zwanzigerjahren an und dann HipHop seit den Achtzigerjahren: Beides geht von entrechteten Menschen aus, überall auf der Welt. Diese Ausdrucksform ist dem Menschen angeboren.

Ist denn die Angst weniger geworden?
Regierungen haben immer Angst vor ­Menschen.

 
Also nein.
Es ist schlechter als je zuvor, Mann. Ich meine, die letzten zehn Jahre waren schlimmer als die vierzig Jahre davor. Diese Paranoia. Man sagt, die USA seien ein demokratisches Land, aber es werden immer mehr Menschen eingesperrt, Morde sind an der Tagesordnung und sie verbieten dir die Ausreise, wenn du deine Steuern nicht bezahlst. So hat man sich doch früher die Sowjetunion vorgestellt.

Lass uns über die neue Platte sprechen. Du hast gesagt, »Man Plans God Laughs« sei inspiriert von den letzten Alben von Kendrick Lamar und Run The Jewels. Die wiederum sind ganz sicher von Public Enemy beeinflusst.
Klar. Miles Davis hat sich für »Bitches Brew« auch von Sly & The Family Stone inspirieren lassen. Gary G-Wiz und ich haben etwas Bedeutsames in dieser Kombination gesehen. Trotzdem sollte es nach Public Enemy klingen. Wie erschafft man etwas Neues, etwas Revolutionäres für eine Gruppe, die es schon seit dreißig Jahren gibt? Man muss immer aufmerksam sein. »Yeezus« war auch ein Einfluss, musikalisch und flowtechnisch. Inhaltlich bin ich der Meinung, Kanye hätte wirklich wichtige Texte schreiben können, hat sich aber dagegen entschieden. Zumindest war »Yeezus« eine große Idee. Die Blaupause für mich als 55-jährigen MC ist: weg mit der dritten Strophe. Und weg mit solchen Flows. (macht hektische Hack-Bewegungen in die Luft) Das ist wie im Boxsport. Kennst du dich mit Boxen aus?

Überhaupt nicht.
Ich kenne kaum Leute im HipHop, die sich damit auskennen. Weißt du, kleine Boxer haben schnelle Schläge und Punches, und so eine »Ta-ta-ta-ta«-Delivery, Schwergewichtler hingegen treffen dich mit einem Boom. Ich schreibe kraftvolle Worte, trage sie mit einem Tempo vor, das der Musik Raum zum Atmen lässt, und knocke damit alle aus.

Schon 1989 und 1990 ist jede Nacht zwischen 23 Uhr und 1 Uhr meine Telefonverbindung ausgefallen, und klar hatte die Regierung etwas damit zu tun. – Chuck D

Ist Public Enemy gerade in so einer Phase wie Miles Davis damals bei »Bitches Brew«? Davis war ja schon viele Jahre aktiv, als Ende der Sechzigerjahre Bands wie Sly & The Family Stone auftauchten und ihn zu etwas Neuem inspirierten. Daraus wurde »Bitches Brew«.
Ja, ich bemerke jetzt erst, wie gut das passt. Das habe ich mir gerade ausgedacht. Aber es stimmt. Das mag ich an Interviews: Als Künstler komme ich durch die Fragen manchmal auf ganz neue Ideen, und die benutze ich dann weiter. And I’ll give you credit! (lacht)

Was können wir musikalisch erwarten?
Kürzere Songs. Wir wollten ursprünglich ein 15-Minuten-Album machen, wie die ­Ramones des HipHop. Jetzt ist es 29 Minuten lang, zehn Songs. Mein Lieblingssong ist der Titeltrack, der nur zwei Minuten und neun Sekunden dauert. Wir haben ihn gerade in London gespielt, und ich kann dir sagen, ich habe noch nie so eine Reaktion auf einen Song erlebt, den das Publikum nicht kennt. Es gab noch keine Leaks, nichts. Ich kann das nur so beschreiben: Es ist, als würde man mit den Fingerspitzen über den Brustkorb fahren und dann plötzlich die Lunge herausreißen! (lacht) Und sie wieder hineinstecken und dann wieder rausreißen. So ist dieser Song! In nur zwei Minuten!

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Ich schätze dich als jemanden ein, der Dinge gern plant und unter Kontrolle behält.
Ich war an einer Dokumentation über den Basketballspieler Julius Erving beteiligt. [Chuck ist der Erzähler in »The Doctor«, 2013; Anm. d. Verf.] »Man plans, God laughs« war seine Aussage. Er ist einer meiner Helden, und jetzt habe ich aus diesem Ausspruch ein ganzes Album gemacht. Das sagt viel über das Album aus: Ein Wort oder ein Satz kann verschiedene Bedeutungen haben. Deswegen gibt es auf dem Album verhältnismäßig wenige Worte. Ich habe zu Gary G-Wiz im Studio gesagt: »Schau, das hier habe ich vor, das sind die Lyrics, mach damit, was du für nötig hältst.« So wurde vieles wieder gestrichen. Das war wichtig, denn ich wollte, dass die Musik den Takt vorgibt, während die Texte eher Akzente setzen.

 
Welche Rolle spielt der Rest der Band dabei?
Sie performen es. (grinst) Natürlich ist die ganze Band auf dem Album. Auch wenn G-Wiz und ich das Zentrum waren, ist es immer noch ­Public Enemy. Gary und ich sind ein eingespiel­tes Team wie Killer Mike und El-P, wir haben 1999 »There’s A Poison Going On« gemacht und 2007 »How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul?«. Wir haben einen Achtjahresrhythmus: 2007, 1999, und schon 1991 haben wir »Apocalypse 91« gemacht.

Du hast einmal gesagt, Run-DMC seien die Beatles des HipHop, Public Enemy hingegen die Rolling Stones. Wieso?
Na ja, uns gibt’s immer noch. (lächelt) In dieser ursprünglichen Besetzung. Die Beatles haben Maßstäbe gesetzt, aber die Rolling Stones waren die Bad Guys. Schau dir Flavor Flav und mich an, wir sind 56 und 55. Dafür gibt es keinen Präzedenzfall. Okay, Ice-T, aber das war’s auch schon. Melle Mel ist jünger als wir, Kool Moe Dee ist jünger als wir. Die sind zwar Old School, aber jünger als wir. Unser neues Album ist das erste Album einer HipHop-Gruppe nach ihrer Aufnahme in die Hall Of Fame des Rock’n’Roll.

Findest du, dass Musik immer noch die beste und wirkungsvollste Ausdrucksform für dich ist?
Ja, weil sie am meisten Spaß macht. Es wäre natürlich schön, so viel Geld zu verdienen wie ein Jay Z oder ein Drake, aber ich bin nun mal Teil eines Teams, und ich sehe mich als Dienstleister. Es geht nicht nur um mich als Künstler, sondern auch darum, wie vielen Künstlern ich helfen kann. Deswegen habe ich Rapstation und Spit Digital aufgebaut. Wenn ich Vorträge halte, geht es um Rap, um die Realität der Ethnien, um Dinge, mit denen ich inspirieren möchte. Vielleicht werde ich nur für die Hälfte davon bezahlt, und dann streicht auch noch die Regierung die Hälfte ein, das ist scheiße. Wenn wir nicht an sozialistische Ideen glauben würden, ginge das alles nicht.

Du sagst, dass du seit 25 Jahren auf den Listen von FBI und CIA stehst. Wie hast du das herausgefunden?
Das findet man nicht offiziell heraus. Es ist einfach offensichtlich. Schon 1989 und 1990 ist jede Nacht zwischen 23 Uhr und 1 Uhr meine Telefonverbindung ausgefallen, und klar hatte die Regierung etwas damit zu tun. Mich hat es vor allem aufgeregt, weil ich telefonieren musste und verdammt noch mal nicht telefonieren konnte. Deswegen habe ich »Louder Than A Bomb« geschrieben. Ich meine: Zapft meinetwegen mein Telefon an, aber schaltet es nicht ab! Wir hatten ja damals nur das Festnetz, das war wack. ◘

Foto: Sascha Niethammer

Dieses Interview erschien in JUICE #169 (hier versandkostenfrei nachbestellen).JUICE_Cover_169