Celo & Abdi: »Dann grüßen wir jetzt alle Lauchs: ‚Bonchance‘!«

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Das leidige Thema des »schweren zweiten Albums« haben sie erfolgreich ­überwunden. Auf die Nadelstiche ihrer »Akupunktur« folgt nun das dritte Werk der ­Frankfurter Sprachwunder Celo & Abdi. Und bereits der Titel »Bonchance« verrät mit seiner ­eigenwilligen Schreibweise so einiges über die humorvollen Erzählungen, mit denen die 385­ideal-Labelbosse erneut Bericht vom Frakfurter Asphalt erstatten. Darüber, wie Witz und Straße zusammenpassen, diskutiert das grundsympathische Duo im Gespräch genauso gerne wie über das Verhältnis von Rap und Verantwortung. Aber lassen wir sie doch selbst zu Wort kommen.
 
Bei eurem letzten JUICE-Interview vor ungefähr einem Jahr habt ihr über das Thema Druck ­gesprochen. Wie habt ihr den bezüglich »Akupunktur« letztendlich verkraftet? Und seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis?
CELO: Wir sind sehr zufrieden mit der Top-3-Platzierung. Gerade für ein zweites Album. Druck ist ja immer dabei. Die Musik ist halt mittlerweile unsere Arbeit geworden. Früher haben wir das just for fun gemacht, jetzt sind wir professioneller geworden – und jeder hat doch in seinem Job Druck. Ich denke mal, du auch. Das ist normal. Auf jeden Fall bin ich nicht daran kaputt gegangen oder habe die Stadt zerrissen.
ABDI: Keiner von uns hat sich aufgeschlitzt, Dicker. Mach dir keine Sorgen.
 
Und wie ist die Situation jetzt, wo euer neues Album ansteht?
ABDI: Ich habe jetzt weniger Druck verspürt, als noch beim Album davor. Aber das kann man sich ja nicht aussuchen, wie der Druck auf einen ausgeübt wird.
CELO: Man sagt ja immer, beim zweiten ­Album ist der Druck am größten. Weil man an den Erfolg des ersten Albums ­anknüpfen will. Und wir sind mit »Akupunktur« fünf ­Plätze höher gechartet als beim Vorgänger. Ich denke also, dass alles super ­funktioniert hat. Deshalb sind wir jetzt beim dritten Album auch lockerer.
 
Platz eins muss also gar nicht unbedingt sein?
CELO: Nein, nein, dann hätte ich mir doch irgendeine schöne Woche im Januar oder Februar ausgesucht und hätte meinem ­Manager gesagt, dass er alle anderen Releases unserer Künstler verschieben soll. Darum geht es uns aber nicht. Wir möchten geile Musik machen. Klar, Geld wollen wir auch verdienen, das gehört ja dazu. Aber Platzierungen sind nicht vorrangig. Nicht beim dritten Album. Natürlich will jeder mal auf die Eins, aber in der Ruhe liegt die Kraft.
 
Das letzte Album ist erst ein Jahr her. Kann man sich in der kurzen Zeit als Künstler weiterentwickeln?
CELO: Unsere Entwicklung haben wir ja schon bei »Akupunktur« gezeigt, denke ich. »Bonchance« zeigt jetzt wieder unsere – wie sagt man – Toughheit.
 
Also wieder mehr »Mietwagentape«?
CELO: Das ist einfach der Celo-Abdi-Stil. So haben uns die Leute kennengelernt. Und so klingen wir auf »Bonchance« zu 120 Prozent.
 
Seid ihr anders an das Album herangegangen als beim letzten Mal?
ABDI: Nö, eigentlich nicht.
CELO: Wobei, bei der Beat-Auswahl lief es diesmal ein bisschen anders.
ABDI: M3 hat wieder das ganze Album produziert. Und das hat sich auch beim Schreiben bemerkbar gemacht. Die rote Linie ist jetzt noch roter, als die vorige.
CELO: Du meinst den roten Faden?
ABDI: Roter Faden, Linie… Jedenfalls ist es cool, wenn das Album beattechnisch aus einer Hand kommt. Und mit M3 verstehen wir uns ja auch sehr gut.
 
Bringt Frankfurt noch genügend ­Inspiration für ein drittes Album?
ABDI: Aus welcher Stadt kommst du, wenn ich fragen darf?
 
Berlin.
ABDI: Das ist also so, wie wenn ich dich frage, ob Berlin für Christiane F. genug ­Spritzen bietet. Normal, Bruder. Frankfurt ist die Stadt für Inspiration schlechthin, Dicker. Das ist Frankfurt, Jiggo. Du läufst zum ­Kippenautomaten und hast Inspirationen für zwei Mixtapes.
 
Besteht dann nicht trotzdem die Gefahr, sich zu wiederholen?
CELO: Grob gesehen wiederholt man sich in der Thematik schon. Wir spiegeln schließlich unsere eigene Vergangenheit wider.
ABDI: Wenn ich beim »Mietwagentape« über Yayo gerappt habe, kann ich ja bei »Bonchance« schlecht über Aspirin rappen. Die Thematik bleibt also die gleiche. Ich bin nicht plötzlich vom Fußball-affinen Typen zum Ballett-affinen Typen geworden. Und das ist es ja auch, was die Leute hören wollen.
CELO: Die Leute wollen einfach die Wahrheit hören.
 
Kann sich Straßenrap denn noch weiterentwickeln?
CELO & ABDI: (einstimmig) Auf jeden Fall! Immer!
 
Also gibt es kein Fußballrap-Album von euch in der nahen Zukunft?
CELO: Vielleicht mal ein Fußballlied, aber das war’s auch.
ABDI: Einen Track ist das wert, aber kein ganzes Album. Da müsste ich schon bei der Eintracht vierte bis fünfte Mannschaft gekickt haben.
CELO: Sefyu könnte so etwas machen. Der hat ja damals sogar bei Arsenal gezockt.
 
Da wäre jedenfalls viel Platz für euren typischen Humor. Was denkt ihr, wie der eigentlich mit Straßenrap zusammenpasst?
ABDI: Man soll halt nicht den ganzen Tag Trübsal blasen. Ich bringe kein Album raus, auf dem ich 17 Lieder lang klage, wie ­scheiße eigentlich alles ist. Stattdessen sollte man das Positive sehen.
CELO: Hanybal hat das mal auf einem Lied [»1999 Pt.II (Babos Remix)«; Anm. d. Verf.] schön gesagt: »Hasskicks, Lachkicks«. Mal hasst du, mal lachst du. Und komm, jeder hat doch Humor.
ABDI: Wenn mir nach Lachen zumute ist, dann lache ich halt. Auch wenn mich die Bullen gerade mit zehn Packs Haze gebusted haben.
CELO: Was willst du dann auch machen? Heulen? Sollst du dich noch aufschlitzen? Wenn dir ein Mensch dein Lachen nimmt, dann hast du verloren. Dann tust du mir leid.
 
Läuft man nicht aber Gefahr, bei ­engstirnigen Menschen an Credibility zu verlieren, wenn man es mit der Selbstironie auf die Spitze treibt? Mir fällt da Olexesh mit »Arschkontrolle« ein, auf das nicht nur positive Resonanz folgte.
CELO: Mich juckt von diesen Menschen keiner. Wir sind wir.
ABDI: Ich will ja nicht krass werden durch die Musik. Und die, die zu engstirnig sind, sollen einfach mal den Stock aus dem Po ziehen, Dicker.
CELO: Das sind die, die jeden Tag die Arschkontrolle kriegen und das nicht mögen, weil sie so ordentlich rangenommen wurden.
ABDI: Oder sie haben früher auf dem Schulhof einen Bleistift in den Bottes bekommen.
CELO: Oder wurden zusammengeklappt und in die Mülltonne gesteckt.
ABDI: Oder wurden an den Fahnenmast gehängt, wie in so College-Filmen.
CELO: Wie der eine von den Simpsons.
ABDI: Ralph?
CELO: Ne, Martin.
CELO & ABDI: Uhhhhhhh.
 
Auf dem letzten Album hattet ihr noch etliche Features, bei »Bonchance« sieht das nun anders aus. Gab es dafür einen Grund?
CELO: Wir wollten von vornherein den Fokus auf uns richten, eben weil wir beim letzten Mal so viele Features hatten. Damals hatten wir zwei Jahre Zeit und so haben sich einfach viele Features ergeben. Trotzdem hat das ja am Ende ein rundes Soundbild ergeben und gepasst. Bei »Bonchance« stehen wir aber jetzt im Mittelpunkt.
 
Aber es sind schon noch andere Leute drauf, oder?
CELO: Ja.
 
Und wer?
Celo wirft seinem Manager Syn einen konspirativen Blick zu. Kurzes Nicken.
CELO: Also ein Feature ist Haftbefehl. Das andere Feature ist Xatar. Grüße an dieser Stelle auch nach Bonn.
ABDI: Iz da!
CELO: Xatar iz da auf »Bonchance«. Und natürlich nicht zu vergessen: unsere Jungs Hanybal, Veysel und Olexesh.
 

 
Du hast gerade so geheimnisvoll zu deinem Manager geguckt. Erwartet uns noch ein geheimes Jan Delay-Feature?
CELO: Nein, nein. Wie kommst du darauf?
 
Mich hat das »Hammerhart«-Sample in dem Track »Schlaghammer« schon überrascht.
CELO: Jan Delay ist auf jeden Fall ein großer Fan von uns und wir feiern ihn auch. Dann haben wir gefragt, ob das mit dem Sample klargeht, und er hat sich gefreut.
 
Ihr liegt ja vom Alter her schon ein paar Jährchen auseinander. War die ­Hamburger Rap-Schule da überhaupt noch ein Einfluss für euch?
CELO: Ehrlich gesagt: nein. Aber trotzdem habe ich eine große Verbundenheit zu der Stadt, weil uns viele Leute aus Hamburg von Anfang an unterstützt haben. Sei es M3 mit Beats, Adopekid mit Grafikdesign, ein Moritz Bleibtreu aus der Schauspielszene, der in unserem Video mitgespielt hat, oder eben Jan Delay. Also Grüße an alle Hamburger.
ABDI: Digga!
CELO: Viel Liebe auf jeden Fall. Aber für mich war zum ersten Mal das Rödelheim Hartreim Projekt richtig relevant. Dann habe ich die Asiatic Warriors [Ex-Crew von D-Flame und Azad; Anm. d. Verf.] gehört, weil das eben Frankfurter waren. Blumentopf und Massive Töne sind halt keine Frankfurter – trotzdem Props an die. Ich hatte damals aber eher andere Einflüsse, viel französischen Rap. Und aus Deutschland waren das auf jeden Fall Moses P. und Thomas H. [vom Rödelheim Hartreim Projekt; Anm. d. Verf.] (Celo fängt an, einen alten Part von RHP zu rappen)
ABDI: YEAH! Brrrrrrrrrrr!
 
Bei dir war das anders, Abdi?
ABDI: Ich bin ja ein bisschen jünger. Mein großer Bruder hat ähnliche Sachen auf Tape gepumpt. Aber ich habe damals vor allem viel VIVA geguckt und hatte dadurch auch ­Sachen wie die Massiven Töne auf dem Schirm – eher den Mainstream auf jeden Fall.
 
War das die Initialzündung, selbst zu rappen?
ABDI: Nee, das kam eigentlich ganz von selbst. Wie waren viel draußen und haben gechillt, dies, das. Mit Auflegen hat es dann angefangen und so habe ich mir auch erste Deutsch-Rap-Platten geholt. So etwas wie Sidos »Mein Block«. Da habe ich gemerkt, dass das schon relativ simpel ist. Das kann ich auch, dachte ich mir.
CELO: Der Track von Sido erzählt schon eine geile Story. Wobei der von Azad auch super ist.
ABDI: Der ist halt eher krass.
 
Heute, knapp zehn Jahre später, ist deutscher Rap vielleicht so groß wie nie zuvor. Habt ihr da als Labelchefs eigentlich manchmal Angst, dass die große Hip-Hop-Blase, in die ihr so viel Zeit, Liebe und auch Geld reinsteckt, platzen könnte?
CELO: Wir sind Überlebenskünstler. Wenn HipHop platzt, dann machen wir Electro-Minimal. Dann hole ich mir irgendsoeinen Producer. M3 ist dann auch an Bord. Mit Trentemøller und Sven Väth. Der ist ja eh unser Nachbar.
ABDI: Utz, utz…
CELO: Aber die Blase wird so schnell auch nicht platzen. Früher musstest du ja Ami-Rap hören, weil es nicht so viel Auswahl gab. Heute hast du die Möglichkeit, Celo & Abdi zu hören.
 
Also würdet ihr den Leuten empfehlen, denselben Weg zu gehen, wie ihr?
CELO: Ach, Quatsch. Rappen, Alter? Ich habe ein Knieproblem, sonst wäre ich sicher Fußballer geworden.
ABDI: Ringer!
CELO: Ich will zwar rappen, aber viele denken, dass das ein Traumberuf ist. Am Anfang war es Hobby und dann ist es zum Beruf geworden. So musst du das sehen. Man kann ja nicht planen, dass man Rapper wird. Da bleibt man einfach bei hängen. Jeder darf Träume haben, aber seine komplette Existenz darauf zu setzen, ist dumm. Die meisten wollen ja auch einfach Chayas klarmachen.
ABDI: Oder Fotos schießen.
CELO: Die wollen halt prominent sein. Und die meisten sind gar nicht reif im Kopf. ­Vielleicht schämen sie sich in drei, vier ­Jahren dafür. Oder sie sind in den Top10. Kann man nie wissen.
ABDI: Bonchance!
CELO: Ja, Bonchance. Also, wenn man Talent hat, sollte man schon gucken, wie weit man damit kommt. Aber es sollte nicht jeder Rapper werden, der eine Videokamera und ein Mikrofon hat. Das macht dich nicht zum Rapper.