Casper: »Als alles auf mich eingekracht ist, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr!« // Titelstory

Und danach bist du dann zurück nach Deutschland und hast die Platte fertiggemacht?
Genau. Von Ende November bis Mitte Mai haben wir wieder genauso die Nächte durchgepeitscht wie sonst und versucht, alles geil zu machen. Und diesmal haben wir es auch hinbekommen.

So richtig Urlaub, eine wirkliche Auszeit hast du dann also immer noch nicht gehabt.
Na ja, (grinst) über Silvester war ich noch mal in Amerika, Weihnachtsurlaub – unter anderem war ich in Vegas.

Das Grinsen, das Casper bei seiner Antwort aus dem Gesicht fällt, wirkt wie ein gequälter Reflex; wie ein Selbstschutzmechanismus, hinter dem sich die Wunden verstecken lassen, die ihm zugefügt wurden. Amüsiert war er jedenfalls nicht, als eine bekannte Tageszeitung am 1. März dieses Jahres aufdeckte (mit einem obskuren Verzug von zwei Monaten), dass er nicht alleine in den Staaten war, dass er dort geheiratet hat. »Eine Erfahrung, die wirklich keiner braucht«, kommentiert Casper den Leak, durch den er und seine Frau an besagtem Tag durch ein Bombardement von WhatsApp-Nachrichten erfahren haben. »Das hat mich traurig gemacht. Und wütend. Ich tu schließlich nichts dafür, um in dieser Boulevardwelt stattzufinden. Mir ging es immer nur um eins: die Musik.«

Eine gute Woche hat ihn die ganze Angelegenheit im Anschluss noch mal ausgeknockt, weil sie ihn nicht nur völlig unverhofft traf, sondern ihn auch in das Scheinwerferlicht für eine Rolle geschubst hat, die er nie spielen wollte; in einem Stück, das er nie sehen wollte – dass er nun aber sein Leben nennt.

Wie seid ihr mit dieser Situation ­umgegangen?
Weißt du, ich hatte gar nicht vor, meine Beziehung geheim zu halten, denn geheim war sie nie. Aber ich hatte nie vor, darüber etwas in der Bild-Zeitung zu lesen. Oder bei Rapupdate. Oder sonst irgendwo, denn das gehört da nicht hin. Das Problem bei dieser Art von Berichterstattung ist ja oft noch nicht mal die Meldung an sich, sondern der Ratten­schwanz, der mit einer solchen Meldung einhergeht.

»Als alles auf mich eingekracht ist und ich angefangen habe, all das Erlebte der letzten Jahre wirklich zu begreifen, da hab ich gedacht: Ich will das nicht mehr!«

Diese Negativerfahrung verarbeitest du unter anderem im Song »Lass sie gehen«, in dem es heißt: »Bild mir keine Meinung aus dieser Zeitung, die von Verleumdungen lebt/Nein, zum Teufel mit denen/Keine Schlagzeilen bitte, kann ohne ganz gut existieren/Ihr könnt gern reden und reden und reden und reden, doch bitte nie wieder mit mir«. Wie haben die überhaupt davon erfahren?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich rufen die alle paar Monate mit ihrer Liste an A- bis D-Prominenten dort an und fragen, ob einer von denen geheiratet hat. Schlimm war für uns dann vor allem das, was das mit sich gebracht hat: Plötzlich standen überall Leute mit Kameras vor der Tür. Und aufgebrachte Fans schrieben meiner Frau, sie solle sich erhängen. Da fragst du dich schon irgendwann: Was, um Himmels willen, ist los mit euch?!

Die Folgen deiner gewachsenen Prominenz sind ein zentrales Thema auf der neuen Platte. Im letzten JUICE-Interview zu »Hinterland« hast du gesagt, niemand würde hören wollen, wie sich jemand über seinen Erfolg beschwert. Auf gewisse Art und Weise tust du das nun. Hat sich deine Sichtweise dahingehend also verändert?
Ja, schon. Es ist schwer, mit diesen Höhen, die ich als Künstler zwischenzeitlich erreicht habe, auch privat umzugehen. Da musste ich mich fragen: Wie gehe ich damit um? Wie tariere ich das aus? Das hat mich lange belastet und beschäftigt.

Womit genau musstest du umzugehen lernen?
Dass Leute mir auf der Straße hinterherbrüllen, mich ständig heimlich filmen und fotografieren. Eine Zeit lang hatte ich von morgens bis abends Leute vor meiner Tür sitzen, und klar: Das ist letztlich natürlich nur eine Bestätigung meiner Arbeit. Aber wenn die dann versuchen, dir den Briefkasten aufzubrechen, dann ist das einfach nicht mehr lustig.

Ja, in der Tat.
Die meisten meinen es ja sicher noch nicht mal böse, wenn sie ein Wochenende lang bei mir vor der Tür sitzen. Die wollen mir nur nahe sein, und das finde ich schmeichelhaft. Deswegen möchte ich einerseits gerne so damit umgehen, wie es gemeint ist, andererseits wäre ich gerne manchmal Justin Vernon [Frontmann von Bon Iver; Anm. d. Verf.], würde am liebsten ohne Internet und Telefon­empfang in einer Jagdhütte in den Bergen leben und nur alle paar Jahre hinabsteigen und Songs darüber singen, was in der ­Zwischenzeit passiert ist.

»Plötzlich standen überall Leute mit Kameras vor der Tür. Und aufgebrachte Fans schrieben meiner Frau, sie solle sich erhängen. Da fragst du dich schon irgendwann: Was, um Himmels willen, ist los mit euch?!«

Bist du mittlerweile wenigstens ­umgezogen?
Ja, ein bisschen raus, wo es ein bisschen ruhiger ist. Ich weiß noch, als ich ein junger Rap-Soldier in Bielefeld war, mich keine Sau kannte und ich drei Nebenjobs gleichzeitig hatte. Da kamen gerade die ganzen Eminem-Platten raus, auf denen er seinen Verstand verliert, und alle haben darüber geredet, dass es ihm nicht so gut geht. Ich dachte nur: »Wie kann es dem denn nicht gut gehen?! Der ist einer der besten Rapper aller Zeiten, der Held von allen und reicher als Gott!« Nicht, dass ich mich mit Eminem auf eine Stufe stellen will, aber ich kam selbst irgendwann an einen Punkt, an dem ich das zu 100% nachempfinden konnte.

Nachdem Casper das erzählt hat, nimmt er einen großen Schluck von seiner ­Zitronenlimonade, hält einen kurzen Moment lang inne und schaut stillschweigend nach draußen; durch das dachlukengroße Guckloch auf das Bruchstück einer Welt, die ihm in vielerlei Hinsicht fremd geworden zu sein scheint. Und als würde das ­Draußen versuchen, diese vage Empfindung nachzustellen, spielt die kraftlose Hochsommersonne Verstecken hinter mordorgrauen Regenwolken. Das Wetter, es wirkt wie eine verstoßene Kompromissgeburt, fühlt sich an wie das Resultat eines dreckigen One-Night-Stands zwischen Sonnengöttin und Thor. Ein Hauch von Weltuntergang liegt in der Luft. Alles endet. Aber nie die Musik.