Cardi B: »Ich habe im Auto ständig zu den Songs im Radio gefreestylet« // Feature

Von der Strip-Stange übers Trash-TV in die Charts – Cardi B ist der unverhoffte Superstar der Saison und die Rap-Hoffnung für New York City. Dem Social-Media-Genie gelang mit »Bodak Yellow« der erste Nummer-eins-Hit einer US-Rapperin seit 1998.

»Bodak Yellow« ist der Überraschungs-Hit des Jahres, nicht mal »Despacito« oder Taylor Swift können den Song im Spätsommer von der Spitze der US-­Charts zurückhalten. Ein Warnsignal-Beat, Zitat-lastiger Brag-Rap und mittendrin eine freizügige Protagonistin mit angeborenem Star-Appeal und kosmetischer Nachbearbeitung. Cardi B hat sich auf eigene Faust durch die schmutzigen Ecken von Nachtleben und Unterhaltungsindustrie zum weiblichen Shootingstar des Jahres hochgearbeitet. Nach ihrem Nummer-eins-Hit ist sich die US-Szene einig: Cardi ist das nächste große Ding aus New York. Wie selbstverständlich sie damit umgeht, macht fast die Hälfte ihrer Musik aus: »Said ‚lil bitch you can’t fuck with me, if you wanted to’« schießt sie schon in der ersten Line von »Bodak Yellow« gegen die Konkurrenz. Es ist unschwer zu erkennen, dass Cardi lange darauf gewartet hat, diese Zeile Realität werden zu lassen.

Belcalis Almanzar, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, wurde 1992 in der Bronx als Tochter zweier Immigranten in wenig komfortablen Verhältnisse geboren. Auf dem Schulhof musste sie sich aufgrund ihrer schiefen Zähne gegen Hänseleien wehren, auf die sie mit der Zeit sowohl mit verbaler als auch physischer Schlagkraft zu reagieren wusste. Nach Abschluss der Highschool besuchte Belcalis eine Hochschule in Manhattan, belegte Kurse in Geschichte und Französisch. Ein schlecht bezahlter Supermarktjob brachte aber zu wenig ein, um ein eigenes Apartment zu finanzieren. Schlimmer noch: Sie war gezwungen, die Schule zu schmeißen, um sich als Vollzeitkassiererin über Wasser zu halten. Als ihr wegen einer Reihe interner Probleme 2011 gekündigt wurde, soll ihr Chef ihr die Anregung gegeben haben, im Stripclub auf der anderen Straßenseite vorbeizuschauen. Bei ihrer ersten Tagesschicht verdiente sie dort mehr als im gesamten vorherigen Monat als Kassiererin, und über Nacht wurde aus dem 19-jährigen Mädchen mit dem Spitznamen Bacardi die Tänzerin Cardi B.

Cardi nahm in den nächsten Jahren ihren Job als Stripperin sehr ernst, investierte viel Geld in neue Outfits und diverse (zum Teil illegale) Schönheits-OPs und baute sich ein stabiles Insta-Business auf. Aufgrund ihrer provokanten Fotos und hysterischen Rants akkumulierte Cardi neben Millionen Follow­ern auch einflussreiche Bekanntschaften im Showbiz. Ein früher Fürsprecher war der aktuell inhaftierte Platin-Rapper Bobby Shmurda, dessen Slang (»Shmoney«, »Washpoppin«) fester Bestandteil von Cardis extravaganter Bronx-Lingo wurde. Dank ihres losen Mundwerks und reizvollen Dresscodes löste sie 2015 ihr Ticket ins Trash-TV, genauer: in die Sendung »Love & HipHop«, für die schon Rapper wie Joe Budden ihre Privatsphäre aufgaben. Die zwei Staffeln, in denen sie mitspielte, boten ihr die perfekte Plattform, um ihren Online-Kultstatus durch viel nackte Haut, Zoff und Gefühlsausbrüche bei einem vornehmlich schwarzen Publikum auszubauen.

Cardis Manager wusste schon vorher um das musikalische Talent der damals 23-Jährigen. »Ich habe im Auto ständig zu den Songs im Radio gefreestylet, irgendwann legte er dann einfach eine Beat-CD ein«, erinnerte sich die Rapperin kürzlich in einem Interview. Noch während sie regelmäßig als Zierelement in Rapvideos auftrat, landete sie ihr erstes Feature mit der Dancehall-­Ikone Popcaan auf einem Remix zu Shaggys »Boom Boom«. Der Karibik-Beat mit DJ-Mustard-Anleihen strapazierte noch merklich ihr Taktgefühl – umso überraschender kam dann der Fortschritt auf ihrem im Mai 2016 veröffentlichten Debüt »Gangsta Bitch Vol.1«. Tracks wie der Schläfer-Hit »Foreva«, »Washpoppin« und »Lit Thot« sind catchy, provokativ und zeugen von Kompetenzen im lyrischen Bereich. Viel wichtiger aber: Sie zeigen Cardis größte Qualität – ihr lautes, auf Krawall gebürstetes Image. Ihre Stimme, ihr Flow und alles, was sie sagt, ist bis ins Detail ein authentisches Stück tabulose New Yorker Straßenkultur.

»Vol. 2« erschien im Januar 2017. Doch trotz des intensiv promoteten Songs »Lick« und ihrer öffentlich inszenierten On/Off-Beziehung zu Offset von den Migos, blieb auch mit dem zweiten Tape der große Sprung aus. Nichtsdestotrotz erregte Cardis Output genug Aufsehen, um nur einen Monat später beim Label Atlantic Records zu unterschreiben, das sich auch um Lil Uzi Vert und Kodak Black kümmert. Letzterer lieferte auch den unfreiwilligen Assist sowie den Namen zu »Bodak Yellow«. Der Track war ursprünglich ein Freestyle zu dessen Durchbruch-Single »No Flockin«, Cardis Flow und einige Textpassagen ähneln dementsprechend dem Original. Ein lyrischer Mittelfinger an die NeiderInnen und ein Testament des eigenen Erfolgs, der vor allem bei Frauen punktet. Zwei Monate nach Release begann der Siegeszug des Tracks, der im Spätsommer die Clubs und Radios in New York und dem Rest der USA dominierte.

Was Rapstil und Attitüde betrifft, tritt Cardi in die Fußstapfen von NY-Legenden wie Remy Ma und Lil Kim. Auch der letztjährige Erfolg von Young M.A dürfte die Tür für weiblichen Straßenrap einen Spalt geöffnet haben. Mit dem Sprung auf die Pole-Position der Singlecharts belegt »Bodak Yellow« als erster Rapsong einer weiblichen Solokünstlerin seit Lauryn Hills »Doo Wop« Platz eins. Die deutlichsten Parallelen lassen sich jedoch zur aktuellen Rap-Queen Nicki Minaj ziehen: Beide haben Wurzeln im Inselstaat Trinidad, spielen exzessiv mit Slang und ­Stimmlage. Cardis Debüt-Tape klingt in vielerlei Hinsicht nach einer Zusammenstellung von Nickis härteren Tracks. Statement-Rap mit einer Prise Herzschmerz und Electronica-Anleihen findet man bei beiden, doch Cardi zeigt bisher deutlich weniger kommerzielle Kompromissbereitschaft. Natürlich hat auch Nickis Durchbruch dazu beigetragen, dass sich der US-Mainstream wesentlich stärker dem Rap zuwendet. Die zehn Jahre jüngere Cardi nutzt dieses Fenster aber deutlich effektiver als Nicki, die zuletzt oft charten konnte, aber vergeblich nach der nächsten großen Single sucht.

Cardi dürfte dies nur allzu recht sein. Ihre bisherigen Projekte stellten bereits unter Beweis, dass man durchaus auf das Album gespannt sein darf, das noch dieses Jahr auf dem Hype-Peak von »Bodak Yellow« veröffentlicht werden soll. Weitere anstrengende Monate liegen vor Cardi, doch bei ihrem letzten Radioauftritt schien sie ihre Prioritäten gesetzt zu haben: »Wenn ich wirklich müde bin und keine Lust auf Studio und Termine habe, frage ich mich selbst: ‚Cardi? Würdest du jetzt lieber als das hier wieder acht Stunden lang auf High Heels mit dem Arsch wackeln?’«

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