Capo: »Ich habe viel an mir gearbeitet, bin ein sehr selbstkritischer Mensch.« // Interview

Capos Debütalbum »Hallo Monaco« erschien 2014. Die Erwartungen, die mit seinem Release damals einhergingen, waren rückblickend möglicherweise zu hoch, um sie überhaupt erfüllen zu können. Auch das mag ein Grund dafür sein, warum es danach musikalisch still um Cem Anhan wurde, wie der 26-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt. Nun, wo endlich sein Nachfolger »Alles auf Rot« ansteht, kommt ein Face-2-Face-Interview leider nicht zustande. Capo ist auf den Kanaren, dreht einerseits ein paar Videos und lässt es sich andererseits gut gehen. Bleibt zum Gespräch also nur das Telefon. Als er endlich ans Handy geht, ist es bereits kurz nach 16 Uhr, obwohl wir bereits eine Stunde vorher verabredet waren. »Sorry, Diggi«, sagt er, »Telefon war aus. Ich hab noch geschlafen. Aber jetzt bin ich wach: Was geht ab?«

Die Veröffentlichung deines Debüt­albums liegt 3½ Jahre zurück – eine ungewöhnlich lange Zeit. Warum hat es so lange gedauert bis »Alles auf Rot«?
Es gab ein paar Schicksalsschläge in meinem Umfeld, das hat mich ausgebremst. Aber ich war trotzdem immer am machen – wir haben ja schließlich einen ganzen Apparat am Laufen. Meine eigene Musik habe ich aber ein bisschen vernachlässigt.

Also war die lange Pause keine ­bewusste Entscheidung.
Doch, auch. Bei »Hallo Monaco« war ich noch sehr jung, gerade mal 21 Jahre alt. Die Zeit war heftig, ich wollte erst mal ­durchatmen, mir genug Zeit nehmen und alles richtig geil machen – plötzlich waren 3½ Jahre vorbei, Alder.

Was hast du denn zwischen »Hallo ­Monaco« und »Alles auf Rot« getrieben?
Ich habe mit meinen Brüdern und Freunden zusammen viele Geschäfte ­hochgezogen. Wir haben uns in die Shisha-Branche eingeklickt und mehrere Bars eröffnet. Ich habe mich da ein bisschen reingefuchst, bin teilweise auch nur stiller Teilhaber – ich habe den Leuten jetzt nicht ihre Pfeifen angemacht. (grinst) Mit meinem Bruder zusammen mache ich außerdem Tabak: Babos Tobacco. Wir bieten verschiedene Geschmacksrichtungen an, die laufen alle sehr gut und sind immer ausverkauft. Wir sind aber auch in der Glücksspielbranche drin und haben mit Time 2 Rent eine Luxusautovermietung aufgemacht. Du siehst: Ich war nicht untätig.

Kein Wunder, dass du da keine Zeit zum Musikmachen hast.
Sag ich ja. (lacht) Aber wir haben uns nun so aufgestellt, dass alles von alleine läuft, Bruder. Die Zeit, die ich für meine Musik brauche, kann ich nicht in irgendwelchen Shishabars abhängen.

Du hast es eben erwähnt: Bei »Hallo ­Monaco« warst du noch sehr jung. Fällt dir das Arbeiten an neuer Musik mit mehr Erfahrung heute leichter?
Ich habe viel an mir gearbeitet, bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Ich habe nun viele kreative Vorgänge perfektioniert. Meine Arbeitsweise ist heute eine andere als noch vor zwei, drei Jahren.

Inwiefern?
Damals habe ich einfach drauflosgerappt, die Azzlackz wurden immer mehr, und irgendwann habe ich gesagt: Ich mache es jetzt mal anders als meine Jungs. Ich wollte mich nicht bei denen anlehnen, sondern mir eine eigene Soundwand bauen, an die ich mich anlehnen kann, verstehst du? Dann habe ich acht Monate mit den Bounce Brothas herumexperimentiert, und das Produkt dieser Experimente war »Hallo Monaco«.

Für »Alles auf Rot« hast du ­stattdessen mit Santiago, Veteran und Zeeko gearbeitet.
Ja, man – und das ist nun ein vollkommen neues Level. Ich habe in meinem Leben ja schon viele Musiker kennengelernt aus aller Herren Länder, aber wenn ich meine Produktionen mit anderen vergleiche: Wir ficken ganz Europa weg, Bruder! Amerika ist noch ein bisschen was anderes, weil die in Sachen Sound gerade schon wieder eine andere Abzweigung nehmen, aber in Europa sehe ich für mich gerade in Sachen Sound, Ideen und Qualität keine Konkurrenz.

Inwiefern?
Wir beherrschen einfach zu 100 Prozent, was wir machen. Zu »Hallo Monaco«-Zeiten musste ich mich da erst noch reinfuchsen. Deshalb sehe ich »Alles auf Rot« als mein erstes richtiges Album.

Im »Intro« des Albums wirst du direkt sehr persönlich, erwähnst zum Beispiel die Selbstmorde deines Vaters und deines besten Freundes. Findest du es wichtig, sich als Künstler so weit zu öffnen?
Das muss jeder selbst wissen. Ich habe das ja lange selbst nicht gemacht. Deshalb wissen die Leute auch noch gar nicht, wer ich bin. Ich meine: Wir sind Jungs von der Straße, die in dieses Business hineingeraten sind, und die Menschen haben nun Bilder von mir und meinem Bruder im Kopf. Aber die stimmen oft nicht. Manche Leute glauben immer noch, mein Bruder könne kein Deutsch.

Warum hast du am Anfang deiner Karriere nicht über Persönliches gesprochen?
Weil das immer Stress mit den Behörden gibt und man dadurch in deren Fokus gerät. Deshalb kann ich nicht zu 100% erklären, wer ich bin. Aber letztlich sollte eh die Musik im Vordergrund stehen.

Gerade bei der Mucke, die du machst, hilft biografisches Hintergrundwissen aber bei der Einordung.
Ich rede ja auch, nicht nur in Songs, auch in Interviews – bloß nicht über alles. Und wer mich bisher nicht kannte, wird mich jetzt kennenlernen. Ich war zu lange im Hintergrund und werde nun aus dem Schatten treten.

Was denkst du denn, was für ein Bild die Leute von dir haben?
Ein falsches, Bruder! Wenn mich Leute kennenlernen, sagen die immer: »Wir haben dich voll falsch eingeschätzt. Wir dachten immer, du seist einer von den Kleinen.« Und dann kann ich nur sagen: »Was redest du, mein Lieber?«

Inwiefern wird dein neues Album dieses falsche Bild von dir gerade rücken?
Um es kurz zu machen: Die Platte ist überkrass geworden! Und ich habe damit eine Tür geöffnet, die so weit offensteht, dass ich schon fast das nächste Album fertig habe.

Es läuft also.
Ja, und meine Produzenten sind gerade genauso heiß wie ich. Ich weiß bloß nicht, ob die Leute da draußen darauf klarkommen werden, was bei uns gerade abgeht. Ich habe Angst, dass wir der Zeit schon wieder zu weit voraus sind.

Dein Albumtitel »Alles auf Rot« lässt viel Interpretationsspielraum. Welchen Hintergrund hat der Titel bei dir?
Es ist so: Das »Intro«, in dem ich eine Geschichte erzähle, musst du dir als roten Faden für das ganze Album vorstellen. In jedem weiteren Song findest du ein Stück von diesem »Intro« – und mit dem Titeltrack »Alles auf Rot« setze ich das Highlight. Das heißt: Ich gehe aufs Ganze, setze alles auf eine Karte – was danach passiert, ist mir scheißegal. Ich lebe für den Moment.

Das Album kommt am 7. Juli raus. Dieses Datum hat eine besondere Bedeutung für dich, oder?
Ja. Am 7. Juli 2008 hat sich, laut Aussagen der Justiz, mein bester Freund im Gefängnis der JVA das Leben genommen – was ich auch im »Intro« erwähne. Als mir von meinem Label dieses Datum als Release-Date vorgeschlagen wurde, war klar: Das passt perfekt – zumal auch mein bester Freund alles auf Rot gesetzt hat.

Ist »Alles auf Rot« dann auch der zentrale Track des Albums?
Auf jeden Fall! Der ist voller Emotionen und Metaphern, aber diese Metaphern habe ich nicht lyrisch gesetzt, sondern musikalisch – in der Produktion. Im Vibe. Der Song ist ja schon fast Deep-House-Trap. Für dieses Ding habe ich mich zwei Nächte lang mit meinen Produzenten eingeschlossen, um eine bestimmte Melodie zu suchen – und sie am Ende auch gefunden. Und diese Melodie ist die Trauer.

Selbst in den vermeintlichen Bangern auf der Platte steckt immer auch eine Beschreibung der Umstände, unter denen du aufgewachsen bist. Arbeitest du das bewusst in deine Tracks ein oder passiert das automatisch?
Nein, nicht bewusst. Ich bin kein Rechner, Diggi. Die Songs passieren einfach. Ich gehe bloß mit dem Vibe mit. Manchmal entsteht ein Part in sechs Minuten, manchmal in sechs Tagen. Das kannst du nicht planen.

Da haben wir es wieder: Du bist ein Bauchmensch.
Ich bin jedenfalls weder Freestyler noch Battlerapper. Aber wenn du mir einen Beat anmachst, dann habe ich den Song direkt fertig im Kopf und weiß, wie der klingen muss.

Tatsächlich?
Klar, man. Ich erkenne auch einen Künstler an der Art, wie er arbeitet – da kann er so geheimnisvoll tun, wie er will. Weil ich jede Methode schon kenne. Klar, einige Künstler haben ihre Eigenarten, aber die meisten arbeiten doch mit Schablone, Alter. Und damit machen die denselben Fehler, den ich vor vier Jahren gemacht habe.

Welchen?
Die Musik zu machen, die sie selber feiern. Aber das sollte man nicht tun, denn dann klingst du am Ende nicht nach dir, ­sondern nach der Musik, die du die ganze Zeit pumpst. Deshalb höre ich höchstens meine eigene Mucke. Oder andere Genres.

Du musst doch auch Tracks anderer Rapper hören. Das ist doch Teil deines Jobs.
Klar, aber du kannst die Menge reduzieren. Wenn ich früher auf der Autobahn war, habe ich ein Album nach dem anderen geballert. Heute höre ich entweder gar keine Musik oder was Entspanntes.

Du meintest kürzlich, dass in den neuen Songs alles von dir stecken würde. Wenn du einen Track nennen müsstest, um dich jemandem musikalisch vorzustellen, welcher wäre das?
(überlegt) Schwer. Eigentlich alle, Diggi. (lacht) Du musst wissen: Du hörst meine Songs einmal, zweimal, dreimal, dann legst du die Platte weg. Ich gebe dir aber mein Wort drauf, dass du am nächsten Tag noch einmal reinhören willst. Meine Musik versteht man nämlich erst nach dem fünften, sechsten Mal.

Ach, ja? Wieso?
Die catchen dich nicht direkt, die prägen sich so bei dir ein, dass du am nächsten Tag denkst: »Sag mal: Hat der das wirklich gesagt? Das muss ich mir gleich nochmal anhören.« Das ist ja das Kranke bei der Sache.

Wie gelingt dir das?
Meine Produzenten Santiago, Veteran und Zeeko sind noch recht jung, der älteste ist 21 Jahre alt. Seit drei Jahren pushe ich die, ich habe denen fiese Kopfficks verpasst. Aber hör dir die jetzt mal an: Das ist nicht mehr normal, was die abliefern! Ich geb dir mein Wort drauf: Ich kann die Jungs mit einer Helene Fischer einschließen, und nach einem Tag kommen die mit ner fertigen Platte wieder raus. Und die ist dann auch noch geil!

Mach das mal.
Ich schwör dir: Helene Fischer würde doppelt so viel verkaufen wie vorher. (lacht) ◘

Capo geht auf »Alles auf Rot«-Tour. Tickets gibt’s bei Ticketmaster.de. Hier die Termine:
03.11. – Münster, Skaters Palace
04.11. – Hamburg, Uebel & Gefährlich
05.11. – Berlin, Musik & Frieden
06.11. – Leipzig, Täubchenthal Club
08.11. – Hannover, Musikzentrum
09.11. – Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
11.11. – Zürich, Komplex Klub
12.11. – Wien, Flex Café
13.11. – München, Backstage Halle
15.11. – Stuttgart, Im Wizemann Club
16.11. – Nürnberg, Z-Bau
17.11. – Mannheim, Ms Connexion
21.11. – Frankfurt, Batschkapp

Dieses Interview erschien erstmals in JUICE #181. Hier versandkostenfrei nachbestellen.