Bushido: »Sonnencreme? Geiler Bauch, Titten, fertig. Ganz einfach« // #20JahreJUICE

Bushido Cover

#20JahreJUICE – ein Jubiläum, das gebührend gefeiert werden will. Wir veröffentlichen deswegen Meilensteine der JUICE-Geschichte erstmals auch digital. Im Herbst 2004 war Bushido Deutschlands gehyptester Rapper und stand kurz vor Veröffentlichung seines Major-Debüts »Electro Ghetto«. Dass der Eltern- und Realkeeper-Schreck gekommen war, um zu bleiben, las man schon damals – nicht nur zwischen den Zeilen.

What happened to that boy? Ein Einstieg in die Musik, so Deutschrap wie Rick James. Ein Debütalbum namens „King Of Kingz“. Ein Kollaboprojekt mit den thematischen Fixpunkten Betäubungsmittel, Lederjacken und Prostituierte. Ein durchaus überraschend zu nennender Charteinstieg mit „Vom Bordstein bis zur Skyline“. Kontroverse in Kübeln. Ein spektakulärer Weggang von Aggro Berlin. Der immense Erfolg seines ehemaligen Labelkollegen sido. Eine fast einjährige Veröffentlichungspause. Sein konsequentes Schweigen zu den Ereignissen der jüngeren Vergangenheit hat die Spannung um sein Majordebüt „Electro Ghetto“ nur noch erhöht. Bei Fans und Feinden. Bei Hoffenden und Hassenden. Bei Berlin-Adepten und Bedenkenträgern. Man mag seinen Style einfach finden, überzogen und gewaltverherrlichend. Aber ignorieren kann Bushido keiner mehr. Denn es sind seine Straßen. Und seine Zeit zu scheinen.

Warum Universal?
Ohne überheblich klingen zu wollen, ich kann wirklich sagen, dass mir jede Adresse ein Angebot gemacht hat, als bekannt wurde, dass ich Aggro verlassen würde – auch solche, bei denen ich es nie erwartet hätte, weil es da wiederum Stress mit anderen Künstlern gab. Es waren auch alle sehr cool. Klar war das eine Angebot von den Punkten her ein bisschen besser, wohingegen dir der andere drei statt nur zwei Videos gibt und sowas. Aber der ausschlaggebende Grund war letztlich meine persönliche Bindung zu Neffi [Temur, Bushidos A&R bei Urban / Universal; Anm. d. Verf.]. Ich habe ihn vor etwa eineinhalb Jahren kennen gelernt, als gerade mein letztes Album rauskam, und war eigentlich gleich grün mit ihm. Irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass er bei Universal arbeitet, und er meinte schon damals: Wenn du keinen Deal mehr hast, werden wir dir ein Angebot machen. Eines Nachts habe ich dann gemeinsam mit meinem Anwalt Heiner diese Entscheidung getroffen. Gar nicht wegen der Kapazitäten oder weil da jetzt auch G Unit ist oder so. Ich habe Neffi vertraut, es hat sich cool angefühlt. Und ich wollte, dass mein Label in meiner Stadt ist.

Stand für dich jemals zur Debatte, es selber zu machen?
Ja, es gab ja auch ein Angebot, das diese Option beinhaltet hätte, von wegen „Bushido, mach dein Ding und greif auf uns zurück, wenn du uns brauchst“. Aber eigentlich mache ich auch so sehr viel alleine. Wir haben unser eigenes Studio, nebenan ein Büro, das funktioniert, und arbeiten dort mit Ilan, D-Bo, Devin und Saad an den verschiedenen Releases wie meinem Album, Saads Album oder Devins Mixtape. Das Logo meines „Labels“ wird auch neben dem Universal-Logo auf der Platte stehen. Ich bin also gar nicht so weit weg von einer Independent-Situation. Aber wenn ich andererseits etwas brauche, kann ich Neffi anrufen. Das ist eine perfekte Balance, übergeil. Ich weiß, dass ich großes Glück habe, in dieser Situation zu sein. Vielleicht auch das Talent – keine Ahnung, das sollen andere entscheiden.

Das klingt fast, als würden dich dein gegenwärtiger Status und deine Label-Situation überraschen.
Absolut. Ich habe es mir tausend mal überlegt und ich weiß es wirklich nicht. So bleibt mir einfach nur noch zu sagen: Es ist eben so, weil ich so bin wie ich bin. Es gibt ja so ein bestimmtes Bild davon, was ein Rapper zu sein hat. Als Rapper brauchst du dies, du brauchst das, das T-Shirt muss in dieser oder jener Größe sein, und dann bist du ein Rapper. Ich habe das nie verstanden und mir, ehrlich gesagt, auch nie Gedanken über die Größe meiner T-Shirts gemacht. Ich bin einfach so wie ich bin, und irgendwie klappt einfach alles zur Zeit. Ob das mein A&R ist, mit dem ich super klarkomme. Ob das Ilan im Studio ist, der alles genau so macht, wie ich es mir denke. D-Bo, der mein bester Freund ist und jetzt mit mir zusammen arbeitet. Oder mein Anwalt, der mittlerweile ein übertriebener Atze geworden ist.

Kannst du dich an diesen einen Moment erinnern, an dem du gemerkt hast, dass dir wirklich große Möglichkeiten offen stehen? Dass dir die Leute zuhören?
Ich weiß nicht, ob es diese eine konkrete Situation gab. Aber ich kann mich noch genau erinnern, wie wir das erste Mal auf Tour waren, damals noch alle zusammen. Du bist in irgendeiner Stadt, und plötzlich kommen da Leute wegen dir. Ich meine, es bräuchte ja eigentlich keiner kommen, aber auf ein-mal stehen da Leute! Die wollen auch keine Vorgruppe sehen oder einen DJ hören, die sind extra wegen dir gekommen. Dann merkst du, wie dein Song Gefühle auslöst, wie die Leute abgehen. Und dann können die auch noch deine Texte auswendig. Das waren so die ersten Punkte, wo ich gedacht habe: Meine Güte, Alter! Und jetzt ist das wieder ein bisschen so. Nach der letzten Single vom „Bordstein“-Album kam von mir ja ein Jahr lang nichts mehr, kein Internet-Track, kein Feature, geschweige denn ein Termin für ein Album. Aber wenn ich ab und zu mal auf meine Seite gegangen bin, um mich ein bisschen ums Forum zu kümmern, habe ich gemerkt, dass die Leute einfach nicht weggehen. Ja, mehr noch: Es wird immer krasser. Man muss sich manchmal echt eine Auszeit nehmen, um zu realisieren, was da gerade passiert. Ich meine, jedes Label in Deutschland ist zu mir gekommen, um mir einen Vertrag anzubieten – und ich habe niemals in meinem Leben irgendwo ein Demotape hingeschickt. Außerdem habe ich so viele Fans, die zu mir stehen: In der Zeit nach Aggro zum Beispiel habe ich viele E-Mails bekommen, bei denen ich Gänsehaut bekommen habe. ich kann einfach nicht so tun, als wäre ich einfach nur Rapper, der von seinem Label ein bisschen Geld bekommt, auf Tour ein paar Groupies bumst und sich dann wie-der einschließt und in seiner schizophrenen Rapper-Welt lebt. Die Leute gehören zu mir. Und egal was ich mache – sie sollen immer wissen, dass das so ist. Du kannst die krassesten Techniken aus Amerika ausprobieren oder über irgendwelche Drum’n’Bass-Tracks rappen. Das ist alles cool. Aber wenn dir die Leute nicht abnehmen, dass etwas in dir steckt und du es ernst mit ihnen meinst, dann ist das scheißegal. Dann helfen dir auch keine Klamotten.

Interessiert dich das überhaupt: Techniken aus Amerika? Bei vielen kann man ja deutlich hören, von wem sie beeinflusst wurden, und das ist absolut nicht negativ gemeint. Bei dir aber ist das nicht so. Bist du der MTV-Kucker, gehst du in Plattenläden, deine Mixtapes auschecken?
Ne, gar nicht. Leider. Denn ich höre mir eigentlich alles gerne an und mag natürlich auch bestimmte Leute. Wenn zum Beispiel jetzt das neue Eminem-Album rauskommt, dann will ich eine Woche davor und fünf Monate danach nichts anderes hören. Ich höre mir auch das neue Roots-Album an, das Young Buck-Album, was eben so rauskommt. Aber ich kann wirklich nicht sagen, wovon ich beeinflusst wäre und wovon nicht. Ich habe was zu sagen. Ich höre den Beat. Und ich rappe das einfach. Ob die Leute das jetzt einfach finden, ist mir scheißegal. Ich bin ja auch ein sehr einfacher Typ und kann wirklich nicht einsehen, warum ich über fünf Ecken denken sollte, um zu sagen, was ich sagen will. Viele Leute werfen mir ja auch vor, dass ich nicht intelligent wäre. Aber wenn ich will, kann ich dir einen Vortrag über Kohlenwasserstoffverbindungen halten oder dir irgendwelche Freud’schen Theorien aufzählen. Wir können uns darüber gerne unterhalten – aber im Rap geht es für mich nicht darum. Im Endeffekt funktioniert ja auch alles in der Welt nach dem Prinzip „Je einfacher, desto besser“. Wenn ich Sonnencreme bewerben will, dann erzähle ich auch keine Geschichte, in der ich erst zum Flughafen fahren muss, um mir ein Ticket nach Gran Canaria zu kaufen und so weiter. Sonnencreme? Geiler Bauch, Titten, fertig. Ganz einfach.

»Nur weil es in Deutschland üblich ist, mit 18 seinen Führerschein zu machen und von zu Hause auszuziehen, und ihr kein Problem damit habt, euch gegenseitig „Hurensohn“ zu nennen, heißt das nicht, dass ich nicht mehr bei meiner Mutter wohnen darf.«

Mal losgelöst von der Frage, ob man intelligent sein muss, um guten Rap zu machen: Kränkt es dich, wenn Leute, die dich nicht einmal kennen, von dir sagen, du seist dumm?
Nein, da stehe ich drüber. Nicht weil der Klügere nachgibt, denn auf so eine Scheiße stehe ich eigentlich nicht. Aber die Typen, die sowas ins rap.de-Forum schreiben, sind halt meistens zusammen so alt wie ich und kommen aus Lüneburg und Buxtehude. Außerdem bin ich ja nicht besser: ich rede ja auch schlecht über alle Rapper, obwohl ich sie nicht kenne (lacht).

Trotzdem kann man in deinen Texten eine große Genugtuung gegenüber Leuten hören, die dich früher nicht akzeptiert haben und vielleicht heute noch nicht akzeptieren.
Auf jeden Fall. Ich meine, es geht mir nicht um Rache: Wenn ich die wirklich verletzen wollte, würde ich mit ein paar Freunden da hingehen und dem ganzen Jahrgang auf die Fresse hauen. Aber mich nervt einfach, wenn jetzt jemand stolz rumerzählt, dass er mit Bushido in einer Klasse war, obwohl er mir früher erklären wollte, dass ich nicht cool bin, weil ich das oder das nicht kann. Ich war früher ein extrem verspulter Kifferhirni und habe einfach nur das gemacht, was ich wollte. Da war ich dann auch immer gut, in Chemie zum Beispiel. Okay, dann habe ich da halt eine Sechs in Politischer Wissenschaft. Das interessiert mich aber halt auch einen Scheiß. Dafür weiß ich, wie lange ein 4/4-Takt bei 96 bpm dauert, Spast.

Du warst relativ lange in der Schule, oder?
Ja, in der zwölften Klasse habe ich abgebrochen.

Wegen der Musik?
Absolut gar nicht, Alter. Ich habe ja schon ’95, ’96 mit der Schule aufgehört und dann erstmal drei Jahre gechillt. Ich bin arbeitslos gewesen, habe sehr viele Drogen genommen, irgendwann Drogen verkauft, bin fast im Knast gelandet, und dann habe ich irgendwann mit der Musik angefangen. Ich habe immer schon ganz normal Musik gehört, N.W.A und alles, und immer mitgerappt. Ein Kumpel von mir, der damals beim HipHop-Mobil Beats gemacht hat, meinte irgendwann zu mir: Hey, du kannst dir die Texte so gut merken, mach das doch mal auf Deutsch. Ich so: Wie jetzt, auf Deutsch? Und er: Na ja, auf deutsch. Außerdem hat er mir eine MPC hingestellt, mir kurz erklärt, wo ich draufdrücken muss, und dann einfach gesagt: Mach ma jetzt! Am Anfang habe ich auch nicht viel gerappt, sondern eher Beats gemacht. Aber irgendwann wollte ich dann mein eigenes Tape machen.

»Ich bin nicht sein Erziehungsberechtiger. Ich habe überhaupt keine Bindung zu Fler.«

Schon damals hatte deine Musik ja so eine latente, nennen wir es mal, Anti-Deutschrap-Haltung. Auf „Electro Ghetto“ nennst du auch viele Namen.
Zunächst mal: Ich gönne allen, was sie erreicht haben. Ob sie nun hart gearbeitet haben oder einen schwulen A&R hatten, mit dem sie ein Verhältnis hatten. Ist mir egal, sollen sie machen, was sie wollen. Ich meine das ja auch nicht persönlich, aber mich interessiert das halt einfach alles nicht so sehr. Raptile zum Beispiel habe ich noch nie getroffen, aber ich habe trotzdem keine gute Meinung von ihm. Egal, ob er Bandanas über den Kopf zieht und auf Englisch rappt und damit in die Charts kommt – ich finde das scheiße. Oder nimm so jemanden wie Torch: Ich habe nichts gegen Torch, aber diese Leute müssen auch alle mal einsehen, dass jemand wie Saad oder auch jemand wie Eko mit 18 kommt und die einfach wegfickt. Samy Deluxe mag vielleicht ein guter Rapper sein. Aber nur weil jemand das seit zwölf Jahren macht, auf Platz zwei war und ein krasser Kiffer ist, muss ich ihn noch lange nicht respektieren. Wenn jemand ein cooler Typ ist, respektiere ich ihn, dann kann er auch ein Niemand sein. Bei den Leuten aus dem Geschäft, mit denen mich wirklicher Respekt verbindet, spielt die Musik auch erst mal keine Rolle. Sowohl mit Azad als auch mit Flipstar habe ich erst mal ewig gechillt, bis wir überhaupt darüber nachgedacht haben, einen Track zusammen zu machen. Es gibt ja diese Typen, die dich kennen lernen, dir nach zwei Minuten erzählen, dass sie rappen, und dich nach drei Minuten fragen, ob man nicht mal gemeinsam was machen kann. Aber ich würde niemals einen Track mit jemandem machen, den ich nicht kenne. Deswegen habe ich bei meinem Album zu Neffi gesagt: Wir brauchen nicht nach Amerika zu fliegen, um uns Ludacris oder Busta Rhymes zu kaufen. Das sind alles gute Rapper, aber was haben die mit mir und mit meiner Platte zu tun? Da mache ich lieber einen Track mit Azad, einen mit Chaker, einen mit Sentence und so weiter. Außerdem habe ich sowieso mein Traumfeature des Jahrhunderts: Cassandra Steen. Ich glaube, Cassandra weiß das immer noch nicht, aber was wir gemeinsam geschaffen haben, könnte für mich persönlich nicht mal ein Track mit Eminem aufwiegen.

Du hast auch King Ali auf deiner Platte gefeaturet…
Genau, auch ein persönlicher Track. King Ali hat das erste Mal gerappt, das dürfte so 1989 gewesen sein, damals wahrscheinlich noch auf Englisch, „Yo man“ und so. Ich habe jedenfalls zu ihm gesagt: Wir hängen jeden Tag zusammen rum, rap doch mal. Und er ist vorbeigekommen und hat das eingetappt. Klar, Nas hätte das wahrscheinlich besser gerappt, aber Ali ist Ali und kein Nas der Welt kann einen Ali ersetzen.

Wie würdest du denn deine Beziehung zu Azad beschreiben?
Das ist eine wirkliche Freundschaft, die auf sehr viel gegenseitigem Respekt beruht. Viele Leute haben ja gesagt: Was soll das denn jetzt, du hattest doch Stress mit Azad …

… hattest du?
Nein, überhaupt nicht. Aber bei der Firma, bei der ich früher war, gab es immer eine etwas merkwürdige Kommunikation. Und wenn man dir die ganze Zeit erzählt, dass Azad dich scheiße findet, dann glaubst du das natürlich irgendwann und findest ihn auch scheiße. Aber zum Glück haben wir miteinander gesprochen, das aus der Welt geschaffen und verstehen uns mittlerweile übertrieben gut. Auch seine ganzen Freunde, Jonesmann, Chaker, Jeyz, sind es auf jeden Fall wert, dass man sie kennen lernt. Noch ein guter Grund, warum ich nicht mehr bei meiner alten Firma bin.

Ein weiterer guter Grund?
Ich bin einfach niemandem mehr so sehr Rechenschaft schuldig. Ich kann morgen nach Bremen fahren und Saad abholen, ohne dass mir da irgendjemand reinredet. Und wenn ich will, dass unsere Tour „Auf die harte Tour“ heißt und mein Tracklisting so und so ist, dann ist das auch so, ohne dass ich wochenlang rumdiskutieren muss. Hinzu kommt, dass ich mit den drei Chefs von Aggro nichts mehr zu tun haben muss. Das waren eine Zeit lang meine Kumpels, aber im Nachhinein weiß ich, dass wir nie Freunde waren. Sie haben mir erzählt: Ohne Sägeblatt bist du nichts mehr, keiner wird mit dir zu tun haben wollen – und ich habe das geglaubt, weil ich auch ein sehr fanatischer Typ bin. Weißt du, ich kann die Leute manchmal verstehen, die Selbstmordattentate begehen, denn ich bin damals auch rumgerannt und habe nur „Aggro“ gedacht. Aber jetzt denke ich daran, was ich selbst erreichen will. Ich habe jedenfalls keine Skrupel, keine Sentimentalitäten. Sollen die ihr Ding machen – ich mach mein Ding. Und anscheinend haben die nicht so viel Spaß wie ich.