BSMG: »Du bestehst darauf, das N-Wort zu sagen?« // Interview

»Ich wusste nicht, wo ich hin kann/Mein Zuhause, sie nahmen es an sich«, wagte ­Megaloh bereits 2016 auf dem Album »Regenmacher« einen lyrischen Balanceakt zwischen Herkunft und Diaspora. Anderthalb Jahre später befindet er sich mit den ­Jugendfreunden Musa und Ghanaian Stallion auf Mission: Als Supergroup BSMG releast das Trio »Platz an der Sonne« – ein organisches, afropäisches Conscious-Album über ­Empowerment, Rassismus und das Bestreben, »die geilste Rapmusik zu machen, die es gibt«. Kein weltmusikalischer Ethno-Quatsch, keine Afro-Trap-Brettfahrerei, kein deutsches Black Lives Matter, sondern ein dringliches Statement. Für Deutschrap und Deutschland.

Ihr nennt euch »Black Super Man Gang«, eine Art schwarze Version der X-Men. Wer hat welche Superkraft in eurem Team?

Ghanaian Stallion: Wir haben alle drei die Superkraft, zwei Kulturen in uns zu tragen, die wir auf unterschiedliche Weise kennengelernt haben. Wir haben dadurch die Möglichkeit, uns das Beste aus diesen Kulturen herauszupicken und in etwas Positives umzuwandeln. Außerdem kann man das natürlich auch auf die Kreativität innerhalb der Produktion ausweiten – ich habe das Gehör und bin für die Musik verantwortlich, die anderen beiden für die Sprache und die Bilder.

Megaloh: BSMG steht für mehrere Sachen: »Brüder schaffen mehr gemeinsam«, »Brüder, Schwestern, mehr Gemeinschaft«, »Brothers, Sisters move globally« und eben »Black Super Man Gang«. Für mich resultiert aus diesem Superheldending auch eine Art Vorbildfunktion. In Deutschland war es bislang sehr schwer, über Schwarzsein zu sprechen, dass es auch verstanden wird. Das beste Beispiel ist Brothers Keepers – wobei BSMG damit nicht so viel gemeinsam hat. Brothers Keepers war ja eine Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis, bei uns geht es eher um den Umgang mit dem alltäglichen Leben. Du hast als Schwarzer in Deutschland im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Entweder du ignorierst, dass du schwarz bist und versuchst, dich so gut wie möglich anzupassen – was dir aber nur ein Stück weit gelingen wird. Oder du akzeptierst dich selbst und deine Wurzeln. Wir versuchen einfach, das Beste aus unserer Situation zu machen und dadurch als Vorbild für andere zu agieren. Natürlich ist das auch eine große Verantwortung, aber es erleichtert vielen anderen den Weg.

Was war die Initialzündung für das Projekt?

Megaloh: Die Thematik trage ich schon sehr lange mit mir herum. Bei »Alles Negertiv« mit Sprachtot habe ich mich mit diesem Anderssein ja schon 2006 auseinandergesetzt. Faktisch ist es aber während der »Regenmacher«-Produktionsphase gereift, als wir auch oft in der Konstellation der späteren BSMG zusammensaßen. Aus dieser Zeit stammt auch der Song »N-Wort« – das hat es im Prinzip losgetreten.

In Deutschland herrscht gerade großes Interesse an Afro-Trap, einer Mischung aus Trap und modernem Afrobeat. Drake arbeitet mit Wizkid, »Unforgettable« ist einer der größten Hits des Jahres und wurde in Uganda gedreht – woher rührt auf einmal dieses popkulturelle Inter­esse an dem afrikanischen Kontinent?

Ghanaian Stallion: Meiner Meinung nach hat sich die westliche Welt immer schon an afrikanischen Kulturen bereichert – das ist jetzt nicht neu, nur ist es vermutlich das erste Mal richtig sichtbar. So was wie Afro-Trap entsteht ja nicht einfach so, sondern organisch – weil jemand entdeckt hat, dass man Trap-Flows auch auf westafrikanischen Pop-Instrumentals rappen kann. Die Leute singen ja auch immer mehr im Rap, und die Akkorde sind bei diesen Afrobeats auch oft poppig, wo sich das dann anbietet. Und man kann einfach gut dazu tanzen. Leider braucht es aber dafür immer noch einen Drake, der dann Wizkid nach USA und Europa bringt.

Musa: In Deutschland ist es dann nochmal spezieller, weil viele Leute eher nach Frank­reich gucken und Stile von dort kopieren. So gesehen orientiert man sich hier eher an einem europäischen Trend, anstatt sich die Ideen aus Afrika zu holen – wie es in Frankreich oder Amerika ja passiert.

»Platz an der Sonne« versucht im Kern, ein neues Selbstverständnis »afro­päischer Identität« zu kreieren, heißt es im Pressetext. Was ist das?

Ghanaian Stallion: Wenn du nach England schaust, gibt es dort J Hus, oder in Frankreich einen MHD, die dann eben Wurzeln in den West Indies oder afrikanischen Ländern haben. Oft stammen ein oder sogar beide Elternteile aus fremden Ländern, du wächst aber trotzdem in Europa auf – dann bist du schon Afropäer. Wir haben es auch bewusst nicht auf afrodeutsch beschränkt, weil wir das Movement größer, und uns eben auch mit MHD, Skepta und J Hus verbunden sehen.

Das Thema ist im vergangenen Jahr von Untergrundphänomenen wie Camufingo und Leila Aykini, aber auch SXTN aufgegriffen worden. Oft herrscht Unklarheit über die Begriffe »Schwarz«, »Farbig«, »Afrodeutsch«. Wie sollte denn ein Weißer damit umgehen?

Musa: Wie soll denn ein Schwarzer damit umgehen? Stigmatisiert wird ja immer. Es ist doch so: Mega, Ghanaian und ich teilen hier jetzt dieses »Schwarzenproblem«. Aber Afrika ist ein riesiger Kontinent mit völlig unterschiedlichen Staaten und Menschen, die sich gar nicht alle über einen Kamm scheren lassen. Warum müssen wir das hier also tun?

Ghanaian Stallion: Allein, dass du so eine Frage überhaupt stellst, zeigt ja, wo das Problem liegt: Viele können mit diesen Begriffen einfach nichts anfangen. Oft basieren die auch wiederum auf alten, rassistischen Denkmustern, die von außen an dich herangetragen wurden – diese ganzen Bezeichnungen umgeben uns, seit wir denken können. Eigentlich müsste man den anderen Teil der Bevölkerung fragen, warum es eigentlich so schwer ist, zu kapieren und akzeptieren, dass Deutschland mittlerweile vielfältig ist?

In Berlin gibt es gerade eine Diskussion um die Umbenennung der Mohrenstraße, deren Name einen rassistischen Ursprung hat. Haben euch solche offensichtlichen Rassismen schon während eurer Kindheit in Berlin beeinflusst?

Megaloh: Als Kind habe ich das noch nicht so reflektiert, aber je älter man wird, desto sensibler wird man für solche Begriffe. »Mohr« ist ja ein Ausdruck, der wie »Neger« benutzt wurde, um Menschen zu bezeichnen, über die die weiße Obrigkeit verfügte und auch deren Schicksale entschied. Das ist komplett abwertend und rassistisch. Es gibt noch andere Beispiele: Straßen, die zu Ehren von ehemaligen Kolonialisten benannt wurden – also nach Leuten, die wirklich Dreck am Stecken haben. Das ist für mich schon ein fast repräsentativer Ausdruck von Ignoranz und Arroganz, dass sich Deutschland und der Westen bisher nicht ausreichend mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Dass da über 500 Jahre ausgebeutet, gemordet, vergewaltigt und unterdrückt wurde, um den Wohlstand in den sogenannten Industrienationen zu gewährleisten, wird fast ignoriert. Allein, was in England in Museen und Schatzkammern lagert, ist unerhört: Die haben sich das alles zusammengeklaut. Es wird aber nicht reflektiert, welche Schuld der Westen eigentlich hat. Das hängt aber nicht an einzelnen Menschen oder gar »den Weißen«, sondern das liegt an den Systemen. Es muss Verantwortung übernommen werden. »Schuld« ist auch ein religiöser Begriff, der am Ende nichts bringt: Was kann mit Schuld passieren? Du kannst sie vergeben oder bestrafen, aber es ändert sich nichts. Statt Schuld sollte der Westen Verantwortung übernehmen und die Aufarbeitung des Geschehenen angehen.

Ihr selbst habt einen Song auf »Platz an der Sonne« mit dem Titel »Geschichtsunterricht«, was dem ohnehin komplexen Thema nicht gerade Zugänglichkeit verschafft. Wie habt ihr sichergestellt, dass der Inhalt nicht die Form ­bestimmt?

Megaloh: Die Form wird davon bestimmt, wie wir Rap sehen. Wir haben Bock auf innovative Flows und wollen am Puls der Zeit sein. Das stand gar nicht zur Debatte. Der Inhalt resultierte ja letztlich auch nur daraus, was wir erlebt und mitgebracht haben. Im Endeffekt haben wir unser ganzes Leben in die Platte stecken können. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass wir belehren oder uns darauf versteift haben, nur Inhalte zu transportieren.

Es geht auch viel um Identifikation. Ihr habt Jesse Owens einen Song gewidmet, gleichzeitig finden aber auch deutsche Persönlichkeiten wie Theodor Wonja Michael oder Tupoka Ogette Erwähnung. Womit habt ihr euch als Heranwachsende identifiziert?

Ghanaian Stallion: Auf Theodor Wonja bin ich über die Doku »Schwarz Rot Gold« von Jermain Raffington aufmerksam geworden. Wonja hat während der NS-Zeit als Schauspieler in Propagandafilmen gespielt und war einer der wenigen »geduldeten« Schwarzen im dritten Reich. Das war einfach spannend, was er erzählt. Er hat in diesem Film dann zufällig über Jesse Owens gesprochen, und das hat perfekt zu dem Song gepasst. Aber als Kind habe ich mich schon mehr mit dunkelhäutigen Fußballern identifiziert wie zum Beispiel Jay-Jay Okocha und Anthony Yeboah – oder heute die Boateng-Brüder. Auf eine gewisse Art und Weise fühle ich mich denen schon verbunden.

Ihr stammt alle drei aus Berlin. Gibt es denn einen Unterschied zwischen Land und Stadtbevölkerung im Umgang mit Schwarzen?

Ghanaian Stallion: Naja, du hast in Berlin auch Ecken, wo man dir Sprüche entgegenfeuert. Da geht man dann auch nicht so gern hin. Aber in Großstädten fällt man jetzt nicht so auf wie in der bayerischen Provinz. Aber Sprüche gibt es überall.

Ihr habt auch einen Song namens »Mit allen notwendigen Mitteln«, der an Malcolm X angelehnt ist. Wie geht ihr mit dem Vorwurf um, auch als Berliner, hier Problemstellungen zu erschließen, die für Deutsche eher »amerikanisch« behaftet sind?

Megaloh: Das zeigt nur, dass dafür noch viel mehr Bewusstsein geschaffen werden muss. Das Problem mit dem Rassismus gegenüber Schwarzen in Deutschland ist, dass es nicht unmittelbar mit der allseits präsenten amerikanischen Versklavungs­geschichte und Segregationspolitik zu tun hat, sondern mit der europäischen und speziell deutschen Kolonialgeschichte und rassistischen Ressentiments, die in diesem Kontext entstanden sind. Bisher wird in Deutschland zu dem Thema noch immer zu wenig Aufarbeitung betrieben.

Tupoka Ogette, der ihr auch ein Inter­lude auf dem Album gewidmet habt, hat in einem Interview gesagt: »Wenn man ständig um seine Existenzberechtigung kämpfen muss, macht das einfach wütend.« Wie geht ihr emotional damit im Alltag um?

Megaloh: Je mehr man sich mit dem ­Thema auseinandergesetzt hat und argumentativ vorbereitet ist, desto schneller kann man sich vermutlich auch durch­setzen. Aber die Leute wollen sich ja gar nicht als Rassist wahrnehmen …

Ghanaian Stallion: (unterbricht, ironisch) … Rassisten sind glatzköpfige Nazis, die mit Baseballschlägern rumlaufen und Ausländer verprügeln. »So was sind wir ja nicht!«

Megaloh: Das ist tatsächlich so. Dabei äußert sich das in der täglichen Sprache – allein, wenn man diskutieren muss, ob man das N-Wort als hellhäutiger Rapper benutzen darf oder nicht. Wenn ein Mensch dir sagt, dass er nicht so genannt werden möchte, weil es ihn verletzt, dann gibt es doch keine Diskussionsgründe mehr. Jeder weiß, dass man seine eigene Mutter nicht »Hure« nennen darf – das muss man ja nicht mal mehr aussprechen.

Musa: … aber du bestehst drauf, das N-Wort benutzen zu können? Da kommen dann Antworten wie: »Neger hat man früher noch sagen dürfen.« Es wird aber nicht hinterfragt, welchem historischen Kontext das entspringt. Ich habe als Student mal bei Stollwerk gearbeitet, die unter anderem die Sarotti-Schokolade hergestellt haben. Das Logo ist der sogenannte Sarotti-Mohr, der dort überall aushängt. Ich habe dann einmal erwähnt, dass das doch ein ­rassistisches Symbol ist. Daraufhin wurde ich rausgeschmissen. Ich rufe also hiermit auf: Stollwerk boykottieren!

Wie seht ihr das Brothers-Keepers-Projekt aus heutiger Sicht?

Ghanaian Stallion: Ich finde, man vergisst dabei oft, dass bis heute darüber gesprochen wird. Das war ein wichtiges Movement, und es ist gut, dass es stattgefunden hat.

Megaloh: Auch Afrobs »Made in Germany« und D-Flames »Daniel X – eine schwarze deutsche Geschichte« sind hier zu ­nennen. Die haben sich für diese Sache stark gemacht und sind harte Wege gegangen, die ihnen teilweise ihre Karriere gekostet haben. Das war schwierig damals, weil es schnell hieß: »Och nö, die Schwarzen beschweren sich schon wieder.« Das wollten wir nicht, aber wir bauen auf dieser Vorarbeit auf. Mit Adè Bantu haben wir auf dem Album ja auch ein Gründungsmitglied der Brothers Keepers gefeaturet. Der Kampf muss einfach gekämpft werden – wir müssen endlich die Wahrheiten ansprechen, die auch wehtun.

Gab es denn Bedenken seitens der Industrie oder bei euch selbst – gerade auch, wenn man sich die kommerziellen Misserfolge solcher Projekte vor Augen führt?

Ghanaian Stallion: Anfangs hatten wir das gar nicht als Projekt geplant, das ist einfach aus Bock entstanden. Nach und nach erwuchs die Idee zu BSMG, was sehr an Musa lag, der sich viel mit dem Thema beschäftigt. Klar, wir haben auch diese Jokes gemacht: »Wenn das rauskommt, ist Megalohs Karriere erst mal vorbei.« (lacht) Wir haben darüber auch wirklich nachgedacht, am Anfang der Produktion war das Album nämlich extrem düster. Aber es ist auch einfach krass, dass wir uns selbst hinterfragen; bei einem Projekt, das uns so sehr am Herzen liegt und so verwoben mit unseren Leben ist, nur weil wir wissen, dass es in Deutschland keinen interessieren könnte. Es war letztlich aber kein Kampf. Jeder Beteiligte hatte Bock und wollte das machen – und das Label hatte auch keine Bedenken.

Afrob hat einmal gesagt »Die Weißen lieben das N-Wort«, ihr selbst sagt: »Sie wären so gerne ein N-Wort wie ich«. Wie rassistisch, ob positiv oder negativ, ist die deutsche HipHop-Szene?

Megaloh: Die öffentliche Verwendung des N-Wortes wird ja mittlerweile mehr oder weniger geächtet, auch wenn es immer noch ein paar Ausreißer gibt. Das war Ende der Neunziger noch nicht so. Da ging es um den ganz stupiden Umstand, dass die auch ­dieses »coole Wort« sagen wollten. Zum Glück kamen die Hamburger irgendwann mit »Digga« um die Ecke, in Berlin sagte man »Dicker«. Ich kann es auch verstehen, dass Leute Teil von etwas Coolem sein wollen – keiner möchte ausgeschlossen werden: Willkommen im Club! Sie wollen auch nicht aus der »Coolen«-Gruppe ausgeschlossen sein, die dieses Wort benutzen können. Sei dir aber doch mal bewusst, dass Leute aufgrund dieses Wortes ausgeschlossen wurden. Ich komme in meinem Leben auch ohne dieses Wort sehr gut klar. Was die HipHop-Szene angeht, ist sie nicht weniger rassistisch als der Rest der Gesellschaft.

Ghanaian Stallion: Wenn du dir die Kommentare in dieser Community durchliest, findest du teilweise Sachen, von denen du wirklich überrascht bist, dass das in einem HipHop-Kontext stattfindet. Man könnte ja denken, dass das durch die Ursprünge von HipHop kein Thema sein sollte, aber da täuscht man sich komplett. ◘

Foto: Anthony Kurtz
Dieses Feature erschien erstmals in unserer aktuellen Ausgabe. JUICE #182 hier versandkostenfrei bestellen.