Booba – Lunatic // Review

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booba-Lunatic

 

(Because Music/ Import)

Wertung: Fünf Kronen

Ein schwarzer Lamborghini Gallardo spurtet einen palmengesäumten Highway entlang. Ryan Leslie trägt Sonnenbrille und Lederjacke, als er auf den Parkplatz der Hit Factory braust. Booba fläzt betont lässig in rotem Unkut-T-Shirt und farblich abgestimmtem Cap auf einer Ledercouch und tippt Texte in sein Blackberry, während der Beat läuft. Leslie sitzt am Keyboard und spielt eine Klaviermelodie ein. Die Sonnenbrillen nehmen beide während der Aufnahmen nicht ab. Nach getaner Arbeit düst Leslie in seinem Sportwagen ab ins nächtliche Miami. Szenen aus einem Promo-Video, das im Sommer 2010 erschien, als Booba für die Aufnahmen zu »Lunatic« über Monate in Florida weilte. Fernab der französischen Banlieue werkelte er an seiner Rache. Heimzahlen wollte er es allen, die Elie Yaffa nach seinem uninspirierten letzten Album »0.9« voreilig als irrelevanten Kommerzrapper abgeschrieben hatten. Und tatsächlich straft er sie mit dem plakativ betitelten »Lunatic« Lügen. Zwar gibt es auf dem fünften Soloalbum des 35-jährigen Platinkünstlers nicht den von Alt-Fans erhofften Rückgriff auf seine musikalischen Anfänge mit Reim-Partner Ali unter dem Duo-Namen Lunatic, dafür aber hochwertigsten, aktuellen Hardcore-Sound mit Einflüssen zeitgenössischer US-Produktionen von Lex Luger über Drumma Boy bis Boi-1da. Knapp die Hälfte der Tracks stammt vom französischen Produktionsteam Therapy, doch auch der Chemnitzer X-Plosive hat mit »“>Ma Couleur« eine Single und eine der stärksten Nummern des Albums produziert. Ryan Leslie ist mit dem abschließenden »Fast Life« für einen weiteren klaren Höhepunkt von »Lunatic« verantwortlich, doch auch härtere Nummern wie »Caesar Palace«, »Boss Du Rap Game« oder »Saddam Hauts D’Seine« zementieren mit stampfenden Beats und donnernden Adlibs Boobas Status als Frankreichs einzig wahre Entsprechung zu Young Jeezy. In Stücken wie »Killer«, »Comme Une Etoile« oder »Paradis« hingegen ist es die Kombination aus Yaffas Kommando-Organ und sphärischen Instrumentals, die jene charakte­ristische Booba-Atmosphäre kreiert. Hier greifen alle Elemente perfekt ineinander: Der bombastische Breitwandsound, die einzigartige Delivery des stotternden Meisters und die spärlichen (Autotune-)Gesangs-Features mit Akon, 9.2i oder T-Pain. Booba hat die Banlieue hinter sich gelassen – nicht nur körperlich, sondern auch mental. »Lunatic« ist das Manifest eines Künstlers, der sich mehr als wohl fühlt in seiner erfolgsverwöhnten Haut. Trotzdem: Der Klischeespruch, man könne einen Menschen zwar aus dem Ghetto holen, aber das Ghetto nicht aus ihm, findet in Booba einen weiteren Beweis. Frankreichs Young Jeezy rappt vielleicht nur noch über teure Sportwagen und leichte Mädchen, doch bietet er damit eine überzeugende Full-HD-Projektionsfläche für die Träume der Kids aus der Banlieue. »Lunatic« ist der Sound für den Moment der Entgrenzung. Dein heruntergekommener Renault verwandelt sich ganz automatisch in einen Gallardo, wenn »Caesar Palace« aus den Boxen dröhnt. Ja, das ist affirmativ. Aber Booba will das Spiel nicht mehr verändern, weil es ihn nach ganz oben gebracht hat. Er will seinen Entwurf lediglich perfektionieren. Und mit »Lunatic« ist er sehr dicht an seiner Vorstellung eines perfekten Streetrap-Albums angekommen.

 

Text: Stephan Szillus

 

 

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