Interview: Blumentopf

 

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18 Jahre Bandgeschichte. Fünf Alben, davon einmal Top 30, ­einmal Top 20 und zweimal Top 10. Ausverkaufte Tourneen noch und nöcher, zwei JUICE-Awards als ­“Beste Live-Band”. Es hätte freilich schon diverse Momente gegeben, in denen man den fünf Münchnern vom Blumentopf das JUICE-Cover gegönnt hätte. Doch die Mechanismen der HipHop-Szene funktionieren bekanntlich kompliziert, und die Protagonisten der Aggro-Jahre hatten ­Blumentopf nun mal als das vermeintliche Sinnbild für das Böse, sprich: harmlos-spaßigen Studentenrap ausgemacht. 2010 haben sich die ideologischen Weichen einmal mehr verschoben, das sechste Album “Wir” erscheint in einem Klima des Aufbruchs und der Neuorientierung. Einem Klima, das den selbsterklärten Nerds Roger, Schu, Cajus, Holunder und DJ Sepalot erneuten ­Rückenwind verschaffen könnte. Trotz ihrer Soloprojekte denkt das Quartett nämlich keineswegs ans Ende des Bandgefüges. Nicht zuletzt deshalb gäbe es keinen passenderen Zeitpunkt für die Ehrung der Verdienste dieser Crew für die HipHop-Kultur in Deutschland. Immer ein Stück cooler als Fettes Brot, stärker in der Subkultur verhaftet als Die Fantastischen Vier und doch als sympathische HipHop-Botschafter im Mainstream aktiv – die Töpfe haben stets fast alles richtig gemacht und uns dabei mehr als einen Gassenhauer für die Ewigkeit beschert. And they don’t stop…

 

War immer klar, dass es nach euren Soloprojekten wieder ein Crew-Album geben wird, oder musstet ihr euch erst wieder als Gruppe zusammenraufen?
Roger: Dass es ein neues Topf-Album geben wird, war eigentlich immer klar.

Wenn die Roots auf Tour sind, ­fahren ?uestlove und Black Thought immer in getrennten Tourbussen, weil sie sich sonst die Köpfe einschlagen würden. Wie wichtig ist es euch da, nach 18 Jahren einen gewissen Abstand voneinander zu wahren? Seht ihr euch nach wie vor auch noch privat?

Schu: Wir haben so viele Termine als Band, da gibt es fast schon kein Privatleben mehr. Und auch wenn wir keine Musik machen, treffen wir uns bestimmt zweimal die Woche einfach so. Natürlich ist es durch unsere Verpflichtungen und Familien aber nicht mehr so krass wie vor zehn Jahren.
Sepalot: Ein Schlüssel, warum es uns nach all der Zeit noch in der Urformation gibt, ist, dass sich jeder seinen Freiraum nimmt. Kreativ und privat. Diese Sologeschichten sind gerade für die Bandchemie extrem wichtig. Viel schwieriger sind da Zweier- oder Dreierkonstellationen in einer Band. Wenn sich da jemand absondert, steht direkt die ganze Crew auf dem Spiel. In unserer Fünfer-Konstellation funktioniert das hingegen echt gut.

 

Wo wir schon beim Thema sind: Wie seht ihr eure Soloprojekte rückblickend? Hat es an eurer MC-Ehre genagt, dass ihr solo nicht ganz an eure krassen Erfolge als Band anknüpfen konntet oder steht man da drüber, weil ohnehin in kleineren Dimensionen gedacht wurde?
Roger: Ich habe schon geahnt, dass das nicht so Topf-mäßig durch die Decke gehen wird. Trotzdem hat mir das endviel gebracht. Nicht wegen der Verkaufszahlen, sondern vom MCing her, alleine auf der Bühne zu stehen.

 

 

Welche Schwächen als Künstler sind einem da vielleicht bewusst geworden?
Roger: In der Crew kannst du dich gerne mal drücken, hier musst du alles selbst in die Hand nehmen. Es ist schon komisch, wenn du so lange als Band funktioniert hast und dann auf einmal alleine auf der Bühne stehst. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das alles noch mal so neu anfühlen könnte.
Cajus: Mich hat das auch in Sachen Organisation und Verantwortung weitergebracht. Man will sein Projekt ja schon möglichst an die große Glocke hängen, eine Internetseite aufbauen und all das. Und wenn ich mir kein tolles Konzept überlege, gibt es einfach keines. Unsere ersten Topf-Auftritte nach dem Soloding vor endvielen Leuten, die all unsere Texte kennen, haben mir dann auch die Augen geöffnet, wie krass es eigentlich ist, was wir da mit dem Topf am Start haben. Das hat man irgendwann gar nicht mehr bewusst wahrgenommen.
Sepalot: Bei meiner Soloplatte auf Compost war von vornherein klar, dass das eher was Kleines, Szeniges wird. Auch wenn es in einem kleinen Rahmen passiert ist, war es dennoch interessant zu sehen, wie sich dein Aktionsradius durch die weltweite Verbreitung vergrößert.
Schu: Ich habe die ganzen Erfahrungen noch nicht sammeln können, weil ich ja noch mitten in meinen ­Soloanstrengungen stecke. Aber das ist auch was anderes, weil ich ja ­wieder Teil einer Band sein werde, in der ich rappe und Keyboard spiele.

 

Diese Band soll ja so ein ­bisschen wie Jennifer Rostock in geil ­klingen.
Schu: “In geil” ist immer gut. Matthias Reim in geil. Holzmichl in geil. Egal. (lacht)
Einer eurer neuen Songs heißt “Ausmisten”. Wovon musstet ihr euch trennen, um ein Album wie “Wir” aufnehmen zu können?
Sepalot: Letztendlich haben wir den ganzen Synthie-Kram, ja generell alles Überflüssige ausgemistet. Anfangs gab es einen Plan, wie das Album zu klingen hat. Allerdings haben wir schnell gemerkt, dass man so was nicht am Reißbrett konstruieren kann. So kommt nichts zustande, was sich richtig und natürlich anfühlt. Also ­haben wir einfach mal gemacht.
Roger: Ich habe schon beim Umzug letztes Jahr gemerkt, wie wichtig es ist, mal auszumisten, alles wegzuschmeißen, zu reduzieren und neu aufzubauen. Sachen, die du vor zehn Jahren cool fandest, kannst du nicht einfach in die neue Wohnung stellen. Musikalisch haben wir versucht, die Essenz aus dem Topf-Sound rauszuholen. Wenig Spuren, direkter Rap, viele Punchlines.

 

Ausmisten hat ja auch was mit loslassen zu tun. Und das fällt bekanntlich nicht immer ganz leicht.
Schu: Na ja, es war uns schon ­wichtig, dass es trotzdem noch ein paar souligere und smoothere Songs auf das Album schaffen, die dieses klare Klangkonzept, diese härtere Gangart ein bisschen aufsprengen.
Cajus: Letztendlich war “Hunger” dann der Key-Song, der die Sound­ästhetik des Albums vorgegeben hat. An diesem Track hing unser Herzblut, also haben wir in diese Richtung ­weitergemacht.

 

Ihr rappt hier ja auch vom Hunger nach Erfolg und Applaus. Was wäre denn ein messbarer Erfolg?
Roger: Davon leben zu können. Das kann ich seit 1999. Und wenn das so weiterläuft, ist das für mich total ­ausreichend.

 

Diese Mitmach-Parts auf ­“Hunger” sind ja exemplarisch für den Topf-Style. Schreibt ihr so was mit ­Kalkül?
Sepalot: Tatsächlich sitzt man in den seltensten Fällen im Studio und setzt bewusst einen Break, weil man sich vorstellt, dass da alle Leute mitschreien. Das ist einfach eine Bauchgeschichte. Nach 500 Shows ist dieses Live-Ding einfach ein Teil von uns.
Das merkt man vor allem im ­Chorus des Songs.
Sepalot: Dafür haben wir im Studio auch extra eine Live-Situation nachgestellt, um diese Bühnenenergie einzufangen. Der Hauptpart wurde in der Gesangskabine eingerappt, während die anderen gleichzeitig mit Shure-Mics in der Regie standen und Old-School-Style gedoppelt haben.
Roger: Wir hatten die Hälfte der Songs für “Wir” schon ­aufgenommen, als wir gemerkt haben, dass wir sie live auf der Freestyle-Tour einfach ­geiler bringen. Also haben wir ­versucht, diesen Live-Vibe auch im Studio umzusetzen. Heute bin ich wirklich froh, dass wir die alten ­Aufnahmen ­gelöscht haben. Da lagen einfach Welten dazwischen.

 

Ihr habt ja schon ein bisschen als kleine Hater angefangen, Musik zu machen. Da wurde dann gerne mal ein Torch-Sample zweckentfremdet, weil euch dieses bierernste Durchexerzieren der Elementetheorie zu engstirnig war. War das nach all den Jahren auch noch ein Beweggrund, auf “Fenster zum Berg” Stieber Twins-Zitate und Cora E-Samples zu ­verwursten? Oder steckt hier mittlerweile doch ein bisschen ­Respekt dahinter?
Holunder: Die Stiebers haben mit “Fenster zum Hof” eine Platte ­aufgenommen, die sich auch nach 14 Jahren immer noch geil anhört. Nichts als Respekt dafür. ­Zeitlose Musik zu machen, das ist das Größte, was du erreichen kannst. Diese Cut-Kultur, sich gegenseitig ­zitieren und Samples in andere Zusammenhänge einbauen, das ist für mich HipHop. Ich fände es einfach schade, wenn das verloren ginge.

 

1996 hätte euch wohl kein Rap-Fan mit den Heidelbergern in einen Topf geschmissen. Die Deutschrap-Generation 2010 würde zwischen den Töpfen und den Stiebers aber wahrscheinlich nicht mehr wirklich differenzieren. Für die seid ihr irgendwie alle Old School. Habt ihr nach all den Jahren also doch mehr mit der Generation Torch gemein, als ihr gedacht hättet?
Schu: Dem Auftreten und der Soundästhetik nach dachte ich immer, dass die Stiebers ziemlich roughe ­Typen sein müssen. Es war ein Traum zu sehen, wie großartig die wirklich sind, als wir sie ’98 im Lindenkeller in Freising kennen gelernt haben. Ich sag nur: “Ich und mein Bruder kleben zusammen wie im Sommer frische Puddingplunder.” (lacht)
Roger: Leute wie Torch und Toni L kannten wir nur von Kassette oder aus dem Radio. Aber gerade die, von denen du erwartet hattest, dass sie das mit den Elementen schon sehr eng sehen, waren am Ende die ­witzigsten Typen.
Sepalot: Natürlich fanden uns diese Leute anfangs alle scheiße. Umgekehrt war das ja genauso. Aber im Laufe der Zeit verändern sich Standpunkte einfach. Unsere Motivation zu Beginn war jedenfalls, etwas anderes zu machen und sich vom Rest abzugrenzen. Gerade in der Kunst kann dieser negative Ansatz ein wahnsinniger Ansporn sein, aus dem schließlich etwas komplett Neues entsteht. Unser Einstieg waren nun mal die Beastie Boys, Public Enemy und so was. Wir waren skatende Mittelstands-Kids aus dem Reihenhaus. Dann hieß es, man müsse aber auch breaken. Und Graffiti sei auch ganz wichtig. Wir also: Was verdammt noch mal wollt ihr denn eigentlich von uns?
Roger: Wir waren auf eine Art also absichtlich Außenseiter, angefangen beim Bandnamen. Das Coole dabei war, dass wir wirklich etwas konnten. Viele haben “Blumentopf” gehört und erwartet, dass da jetzt irgendwelche Vögel auftauchen. Die Vögel kamen dann auch, haben sie aber im Freestyle-Battle platt gemacht. Wir haben uns immerhin dreimal die Woche ­getroffen, um uns einfach vier Stunden am Stück zuzurappen. Dabei ging es gar nicht ums Üben, das war einfach nur unser Ding.
Schu: 1994 haben wir bei Roger versucht, auch mal einen Underground-Track gegen den Ausverkauf zu machen. Fünf Stunden später haben wir aufgegeben, weil uns nichts zu dem Thema eingefallen ist. (lacht) Dieses Abgrenzen hat bei uns jedenfalls immer auf eine humorvolle Art und Weise stattgefunden. Wir haben eben unsere Scherze gemacht, anstatt schmollend in der Ecke zu stehen.

 

 

Scherze?
Schu: Da kommt zum Beispiel Toni-L zu unserem Merchandise-Stand, an dem wir gerade unsere erste Single präsentieren. Er so interessiert: “Ja toll, zeig doch mal her.” Der Cajus dann: “So, jetzt krieg ich zehn Mark von dir.” (lacht) 2004 hat uns Toni-L dann aber sogar in Freising besucht, wo wir zusammen einen Track für den 360 Grad-Sampler aufgenommen haben.
Sepalot: Legendär war aber auch die Aktion auf Wasis HipHop-Jam in Stuttgart.
Roger: Der Wunder, Cajus und ich stehen da 1995 also nach der Jam vor dem Jugendzentrum Mitte. Akim Walta [von Mzee, Anm. d. Verf.] hält in seiner Karre an, um sich zu ­verabschieden. So schnell konnte er gar nicht schauen, da war schon sein Kofferraum offen, unser Stuff drin und wir auf der Rückbank. So nach dem Motto: Dann schlafen wir heute also bei dir. (lacht) Schlussendlich sind wir dann mit dem Rest der Hängen­gebliebenen in einer Jugendherberge ­gelandet. Horror.
Holunder: Wir haben jedenfalls nie jemanden wirklich gedisst. Das war immer auf der Ebene von Der Tobi & Das Bo, so nach dem Motto: Ihr sagt, ihr lebt HipHop, also drehen wir das einfach mal um und machen “poHpiH” daraus.

 

Gut, Der Tobi & Das Bo muss man wohl noch durchgehen lassen. Aber ihr habt doch nicht auch Fettes Brot gefeiert, oder etwa doch?
Schu: Klar, haben wir auch.

Ihr habt “Nordisch By Nature” ernsthaft gefeiert? Man konnte doch nicht einfach die Jungs von “O.P.P.” verhohne­piepeln. Dafür war ich damals zu sehr HipHop-Nazi.
Schu: Dann warst du aber kein HipHop-, sondern ein Spaß-Nazi. (lacht)
Holunder: Aber mal im Ernst, Fettes Brot waren einfach mit das Beste, was es zu dieser Zeit gab. Da
konnten die Frankfurter noch so hart sein, die Hamburger waren aus ­meiner Sicht, ganz objektiv gesehen, skilltechnisch einfach krasser.
Schu: Aha. Aus deiner Sicht. Ganz objektiv gesehen. (Gelächter)

 

Ihr habt gerade Remixe u.a. bei Dexter und Stevo in Auftrag gegeben. Auffällig dabei ist, dass ihr fast ausschließlich Neo-BoomBap-Producer gepickt habt. Seht ihr in den Jungs so etwas wie die Erben des Sounds, den ihr vor mehr als zehn Jahren in Deutschland selbst mitgeprägt habt?
Sepalot: Manche von denen scheinen wir wohl tatsächlich beeinflusst zu ­haben, wie sich beim Abtelefonieren der Jungs für das Projekt herausgestellt hat. Da ist es natürlich geil zu sehen, was nun von den Leuten musikalisch zurückkommt.

Interessant finde ich, dass sich diese neue Generation an Producern an den Neunzigern orientiert, während ihr selbst noch einen Schritt weiter zur Ästhetik von Run-DMC und Rick Rubin zurückgeht. Ist das ein Mechanismus, dass man sich immer nach der ­Soundästhetik seiner Kindheit sehnt?

Sepalot: Nun ja, so ein Rückblick ist ja auch gleichzeitig ein Blick nach vorne. Es entsteht nie etwas völlig Neues aus sich selbst. Es entsteht nur, indem es auf bereits Bestehendes aufbaut. Das, was unsere Remixer machen, hat zwar von der ­Klangästhetik was mit den ­Neunzigern zu tun, ist aber keineswegs Neunziger-Musik. Es ist etwas komplett Freshes. Etwas, was den derzeit gängigen Synthie-Produktionen ein paar Jahre voraus ist, weil die Jungs sich nicht in der Gegenwart kopieren, sondern eben zurück­blicken. Ähnlich sehe ich das mit unserer Platte: Wir haben kein Retro-Album gemacht, das sich anhört, als wäre es Ende der Achtziger rausgekommen. Wir haben diesen Sound vielmehr weiter­entwickelt.
Generell findet gerade eine große Umwälzung in der Szene statt: Nach der Gangsta-Phase, wo man einfach schon mit einer bewegten Lebensgeschichte punkten konnte, werden jetzt offenbar wieder die Werte der Alten Schule wie Skills, Technik und Inhalt wichtig. Spielt euch diese Entwicklung in die Karten?
Schu: Es spielt der Musik generell in die Karten, wenn Können und Originalität wieder mehr im Vordergrund stehen. Für uns als Band ist diese Entwicklung aber nicht so extrem wichtig, weil wir es es geschafft haben, eine strömungsunabhängige Fanbase aufzubauen. Gerade weil wir uns anders anhören als alle anderen, werden wir von unseren Fans geschätzt.
Holunder: Ich glaube trotzdem, dass es für HipHop schon eine gute Sache ist. Gerade das Image der Szene hat in den letzten Jahren doch ziemlich gelitten.

Wie habt ihr diesen ­Imagewechsel in dieser krassen BerlinZeit zwischen 2004 und 2007 ­wahrgenommen?

Roger: Davon haben wir ehrlich gesagt nicht viel mitbekommen. Wir waren zu dieser Zeit ja im Knast. (Gelächter) Aber mal im Ernst, wir machen zwar selbst Musik, sind aber auch immer noch HipHop-Fans, für die eine solche Entwicklung natürlich sehr interessant ist. Es klingt ja immer so, als wäre alles, was mit einem Ghetto-Image rauskam, scheiße gewesen. Dabei kamen auch coole Sachen raus. Von wegen: “Blumentopf, macht mal was gegen Berlin!” Was sollen solche Aufrufe? Gott, seid ihr doof? Macht doch selbst was, anstatt mir meine Zeit zu stehlen. Für uns hat diese Ära jedenfalls nicht viel verändert, außer dass auf einmal ­Body­guards im Backstage waren. Das hat ein bisschen Wirbel in unsere Jam-Kultur gebracht, was auch ganz lustig war.
Sepalot: Sido fand ich zu der Zeit zum Beispiel richtig gut.
Apropos Sido: Hättet ihr euch damals erträumt, was unser JUICE-Interview mit dem “Mein Block”-Konzept in Anlehnung an euren Albumsong für eine Kettenreaktion lostreten würde? Erst kam ja der Antwort-Track von Hecklah & Coch und dann natürlich der ­legendäre Konter von Sido, der zu seinem ersten Hit wurde…
Cajus: Wir waren quasi Sidos Sprungbrett, so wie wir sechs hier alle sitzen. (lacht)
Roger: Ich habe Sidos “Mein Block” zuerst bei Sepalot zu Hause auf der JUICE-CD gehört und fand den Song eigentlich gleich ziemlich cool.

Wie habt ihr die ganze ­Erfolgswelle von Aggro ­Berlin im Anschluss wahrgenommen? Habt ihr zu den Leuten gehört, die sich durch die Maske im ersten Moment eingeschüchtert gefühlt haben? Es hätte ja sonst ein Messerstecher dahinter stecken können.

Schu: Also, Angst hatte ich keine.
Sepalot: Das war halt ein cleveres Marketingkonzept.
Schu: Und super gemacht. Aber in solchen Fällen haben diejenigen, die im Vordergrund stehen, immer noch am meisten in der Birne und sind am korrektesten. Sido ist ja auch ein Netter.
Sepalot: Diese Spannungen haben sich im gleichen Jahr ja ohnehin relativiert, als wir zusammen auf einem Festival ­gespielt haben.
Roger: Bei “Safari” sprang Sido an der Bühne rum und wir dachten schon, dass es Ärger gibt. Dabei war er einfach nur gut drauf und wollte später sogar, dass ich einen Freestyle bei seiner Version von “Mein Block” auf der Bühne bringe. Krass eigentlich, dass es an dem Tag noch eskalieren sollte, als die Mutter von Azad ­gedisst wurde.

 

Sepalot, du ­zeichnest ja in ­erster Linie für die Produktion verantwortlich: Inwiefern hatte das, was du als DJ in deinen eher elektronischen Sets im Club auflegst, Einfluss auf deine Rolle als Produzent beim Topf?
Sepalot: Das ganze Club-Ding hatte kaum Einfluss. Was im Vergleich zu den anderen Alben aber schon wieder vermehrt in den Vordergrund getreten ist, war klassische DJ-Arbeit wie zercuttete Drumrolls oder ­reingescratchte Samples. Es war uns schon sehr wichtig, dieses HipHop-Element ­wieder verstärkt einzubringen.

 

Dabei klingt das Ergebnis doch überraschend organisch. Wer hat sich denn eigentlich hinter die Klampfe geklemmt, wer hinter das Schlagzeug?
Schu: Die Gitarre wurde von unserem Live-Gitarristen Dirksen gespielt.
Sepalot: Die Drums sind hingegen gesamplet worden. Ich habe mich dabei viel von Kraut- und Psychedelic-Rock aus den Sechzigern und Siebzigern beeinflussen lassen. Gerade ­diese Rauheit, diese scheppernden Drums und die relativ schmalen E-Gitarren haben mich extrem inspiriert. Ansonsten war das aber eine klassische HipHop-Produktion.

 

 

Inklusive Topf-­typischer Augenzwinkerei. Auf “Nerds” heißt es ­beispielsweise: “Wir waren schon immer die Außen­seiter, pickelige Stubenhocker, Bücherwürmer, Computer­zocker.” Seht ihr euch selbst als die Nerds der HipHop-Szene?
Holunder: Das ist halt unser Humor. Ich war in der Schule immer der Streber, auch wenn ich bestimmt nicht die ganze Zeit zu Hause gesessen bin und für mein 1,0-Abitur gelernt habe.
Schu: Mit dem Schnitt war er übrigens auch bei uns in der Band der Außenseiter. (Gelächter) Nerdtum hat aber auch was damit zu tun, ein totaler Fan von etwas zu sein, sich so in eine Sache zu vertiefen, dass man alles um sich herum vergisst. So sehen wir uns absolut, wir sind eben Sound-Nerds.
Sepalot: Versuch mal einem Normalbürger zu erklären, dass du dich drei Stunden gestritten hast, ob nun mehr Höhen in die Snare gehören oder nicht. Und dass wir uns heute hier am Tisch Stieber Twins-Zitate um die Ohren werfen, spricht auch schwer dafür, dass hier inklusive dir sechs HipHop-Nerds zusammen sitzen. Das ist nichts Negatives, das kann man ja auch mal offensiv feiern.
Ihr werdet Deutschland im ­Rahmen der ­anstehenden ­Fußball-WM ja wieder als ­rappende ­Reporter erfreuen. Vorab geht es aber schon mal für ein ­gemeinnütziges Projekt nach Südafrika.
Schu: Wir unterstützen ein Zentrum für Straßenkinder, wo sie Zuflucht finden, abschalten und mal Skateboard fahren können. Dazu muss man wissen, dass die Straßenkinder im Zuge der WM aus Imagegründen eingesperrt und aus den Großstädten verbannt werden. Das ist bei Großveranstaltungen generell so, dass sich die Städte von der tollsten Seite zeigen wollen und Dinge bringen, die gar nicht klargehen. Auch hier in München, wo man zur Olympiade alle Penner entfernt hat. Aber klar, in einem Staat wie Südafrika haben solche Aktionen noch mal eine ganz andere Bedeutung für die Betroffenen. Dort wird gegenüber den Kindern unglaubliche Gewalt angewendet. Natürlich brauchen wir uns nicht einbilden, durch unseren Besuch alles verändern zu können, aber zumindest wollen wir den Kindern einen kleinen Lichtblick schenken und mit ihnen eine gute Zeit verbringen.
Sepalot: Wenn es das Ziel des Landes ist, die ganze Problematik zu vertuschen, dann ist es das Beste, die Medien durch solche Aktionen auf das Thema aufmerksam zu machen.

 

Hattet ihr eigentlich mit dem Gedanken gespielt, auch mit einem WM-Song an den Start zu gehen?
Schu: Um damit die Sportfreunde Stiller mit ihrem genialen Song zu übertreffen? Nein, das geht ­nämlich einfach nicht. Und dabei geht es gar nicht um persönlichen Musikgeschmack, sondern um Genialität im Sinne von Massenkompatibilität. Da ist der Song unübertroffen.
Roger: Wobei wir eigentlich schon den Hammerchorus in der Tasche hatten.

 

Von wem möchtet ihr denn einen WM-Song hören?
Roger: Von den Scorpions. Ich meine, wenn die Flippers und die ­Wildecker keinen machen, wüsste ich nicht, wer das sonst gebacken ­bekommen könnte.
Cajus: Na, die Höhner.
Schu: Die Atzen werden schon auch einen machen. Falls sie das hier ­lesen sollten: “Olé, olé/olé, ola/2010, ­Südafrika.” Gerne nehmen. Wir ­würden uns freuen.

Text: Joe Sircar

 

Fotos: Markus Werner