Big Freedia – Face Down, Azz Up! [Interview]

Big Freedia
 
Vergangenen Sommer auf dem Herald Square in Manhattan. 358 Menschen stehen mit dem Rücken zur Bühne und folgen den Anweisungen von Freddie Ross. Der stämmige Typ von geschätzten 1,90 Metern Körpergröße trägt eine rote Lederjacke zur Camouflage-Hose, eine toupierte Tolle und silberne Ohrringe. Freddie hat an diesem Tag ein klares Ziel vor Augen: die Leute zum Tanzen zu bringen, damit einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde zu erreichen und die Kultur von New Orleans zu representen.
 
Also tut er nun das, was für ihn Tagesgeschäft ist: Er fordert die ­versammelte Meute dazu auf, sich vornüberzubeugen, die Hände auf den Boden zu legen und – sobald der Beat einsetzt – ordentlich mit dem Arsch zu wackeln. Natürlich geht es hier nicht um irgendeinen Tanz, sondern um ebenjenes skandalträchtige Phänomen, mit dem sich ein kleines Mädchen aus Nashville, Tennessee, im vergangenen Jahr von seiner Disney-­Vergangenheit löste. Dass das Twerken seit mehr als zwei Jahrzehnten untrennbar mit der Bounce Music verbunden und somit fester Bestandteil des Club-Alltags von New Orleans ist, haben nach Miley Cyrus’ ­Performance jedoch nur wenige auf dem Schirm. Ganz zu schweigen davon, dass ebenjene Musikszene, in der auch Cash-­Money-Rapper wie Juvenile, Soulja Slim oder Lil Wayne musikalisch groß wurden, zu den fortschrittlichsten Bewegungen in Fragen ­sexueller Freiheit gehört. Freddie, in seiner Heimat vor allem als Big Freedia bekannt, ist einer der Protagonisten der Bounce-Szene. Mit energetischen Shouts, hypersexuellen ­Lyrics und jeder Menge Bass bringt die selbsternannte »Queen of Bounce« die Ärsche von New Orleans zum Wackeln und kann sich mittlerweile in den Straßen ihrer Heimatstadt kaum mehr retten vor ­fotofanatischen Fans; erst recht nicht, seit der Musikfernsehsender Fuse TV im ­vergangenen Jahr das Privatleben der »Queen Diva« im Reality-TV-Format festhielt. Neben einer zweiten Staffel der Show steht nun auch das erste richtige Studioalbum an, mit dem Big Freedia sämtliche Ärsche der Welt bewegen will. Frei nach dem Motto: »Azz Everywhere!«
 

 
Du stehst gerade vor dem Release deines ersten richtigen Albums. Bevor wir darüber sprechen: Kannst du ein wenig über Bounce Music erzählen? Schließlich bist du ein Protagonist dieser Szene, von der man hierzulande nur wenig mitbekommt.
Bounce Music wurde vor knapp drei Jahrzehnten in New Orleans geboren und bislang auch dort großgezogen. Was Bounce musikalisch ausmacht, sind im Wesentlichen ein Uptempo-Groove, jede Menge Bass und ein »Call & Response«-Spiel in den Vocals. Ich spreche das Publikum an und bekomme darauf ein direktes Feedback. Das trägt auch zur Party-Atmosphäre bei, um die es bei Bounce geht. Wenn du zu Hause viel ­durchmachst und dann im Club einen Bounce-Song hörst, wird er deinen Tag mit Sicherheit verändern. It’s a happy music! ­Jeder kann daran teilhaben, die Musik ist sehr zugänglich. Und jeder ist dazu e­ingeladen, mit uns zu tanzen.
 
Wie steht es denn um Bounce außerhalb von New Orleans?
Die Musikszene ist eher auf New Orleans ­beschränkt. Auch wenn ich Bounce mit ­meinen Shows mittlerweile quer durch die Welt getragen habe. Aber zumindest ist einer der Dancemoves, das Twerken, ­mittlerweile ziemlich bekannt geworden. Auch wenn viele nichts über den Hintergrund wissen.
 
Apropos: Du hast im vergangenen ­Sommer einen Twerk-Rekord ­aufgestellt.
Ja, den Twerkathon in New York. Wir haben diesen Event zum Start der ersten Staffel meiner Reality Show organisiert.
 

 
Warum New York?
Die Sendung läuft auf Fuse TV, und der Sender sitzt in New York. Außerdem will ich Leute außerhalb von New Orleans auf unsere Kultur aufmerksam machen. Sollte aber irgendjemand versuchen, den Rekord zu übertreffen, dann organisieren wir einfach einen Event in New Orleans, gegen den keiner ankommt.
 
Du sollst nicht so glücklich über Miley Cyrus’ Twerk gewesen sein.
Oh, ich freue mich darüber, wenn sie twerkt. Aber: Wenn du dir eine andere Kultur aneignest, solltest du sie würdigen und ihr Anerkennung zollen. Und das ist bei ihr nicht geschehen. Aber sei’s drum. Ich habe schon lange vor Miley getwerkt und das ist es, was am Ende für mich zählt.
 
Vor einigen Jahren wurde vermehrt über Bounce Music berichtet. Dabei ist auch der Begriff »Sissy Bounce« gefallen.
So etwas wie »Sissy Bounce« gibt es nicht! Bounce Music ist eins, wir trennen sie nicht nach Geschlechtern oder sonst was. Wir feiern schließlich auch alle zusammen; wir sind eine Familie. Außerdem gibt es etliche straighte Bounce-Künstler – würde man ihre Musik als »Sissy Bounce« bezeichnen, wäre das ihnen gegenüber respektlos.
 
Sexualität spielt im Bounce eine ­wichtige Rolle – gerade im HipHop-Kontext kein unproblematisches Thema. Dir scheint nun sowohl die Sexualität als auch das Thema Freiheit ziemlich am Herzen zu liegen – immerhin heißt dein Album »Just Be Free«.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Leute zu ermutigen, frei zu sein – in welchem Bereich auch immer sie das sein wollen. Es geht um die Freiheit auf dem Dancefloor; die Leute sollen sich so ausdrücken können wie sie wollen – ob beim Tanzen oder in der Musik. Es gibt so viele Dinge, von denen man sich mit der Musik befreien kann: Stress, Liebe, Hass, Schmerz. Just be free. Freedom for all and equal rights for everyone!
 
Lass uns über dein Album sprechen. Hast du es selbst produziert?
Ich bin natürlich an der ganzen Entstehung beteiligt. Aber die Beats kommen ­eigentlich von Blaqnmild, meinem Produzenten, mit dem ich seit jeher ­zusammenarbeite. ­Außerdem war Thomas McElroy an diesem Album beteiligt; ein wirklich guter Typ, der schon mit einigen der Besten im Musik-Game zusammengearbeitet hat [u.a. En Vogue, Madonna, Tony! Toni! Toné!; Anm. d. Verf.]. Bounce Music hat in der ­Vergangenheit oft Probleme gehabt mit der Verwertung von Samples. Um »Just Be Free« weltweit verkaufen zu können, haben wir in der Produktion vieles selbst eingespielt. Da war McElroys Erfahrung definitiv viel wert.
 
Bounce Music erschließt sich mir vor allem im Live-Kontext, wenn es um die Club-Atmosphäre und das Spiel zwischen Performern und Publikum geht. Warum machst du nun Bounce im Albumformat?
Wir haben unsere Musik schon immer auf irgendeine Weise veröffentlicht, denn das ist schlichtweg der beste Weg, um sich selbst zu promoten. Warum soll ich also keine ­Platte machen, die den Leuten bestimmt ­gefallen wird. Außerdem bin ich nun schon so lange dabei und glaube, dass es Zeit ist, dafür ein bisschen Anerkennung zu gewinnen. Und nicht zuletzt will ich auch außerhalb von New Orleans immer wieder Leute erreichen.
 

 
Wie oft performst du eigentlich?
Mittlerweile stehe ich mindestens fünf Tage in der Woche auf der Bühne.
 
Im Ernst? Dann musst du in deiner Heimat ziemlich bekannt sein.
Ja, ich kann mich in der Öffentlichkeit kaum frei bewegen, weil ich ständig mit Leuten Fotos machen soll. (lacht) Aber ich habe tatsächlich nur gute Erfahrungen gemacht. Die Leute in New Orleans lieben mich.
 
Ich habe aber auch gehört, dass du eine Waffe bei dir trägst.
Ja, das liegt einfach an der Gegend, in der ich wohne. Die Lakefront-Area ist schon ziemlich rough. Es gibt etliche Typen, die einen ausrauben wollen oder einen einfach grundlos bedrohen. Ich trage die Waffe nur zu meiner eigenen Sicherheit. Mit meiner Bekanntheit als Künstler hat das weniger zu tun.
 
Das bekannteste Gesicht von New Orleans ist wohl Lil Wayne, zumindest was Rap betrifft. Kennt ihr euch eigentlich?
Ja, wir haben uns schon ein paar Mal getroffen. Ich habe auch mal eine seiner Shows hier in New Orleans eröffnet. Er hat mich jedenfalls auf dem Schirm, sonst hätte er wohl nicht meinen Song »Gin In My System« zitiert [u.a. in »Lover« von PJ Morton & Lil Wayne; Anm. d. Verf.]. (lacht) Viele Rapper aus New Orleans haben Bounce gemacht, bevor sie wirklich angefangen haben zu rappen, so wie Soulja Slim, Juvenile oder eben Lil Wayne. In Juveniles Hit »Back That Azz Up« ist dieser Einfluss noch deutlich zu hören.
 
Du hast bereits deine Reality-TV-Show angesprochen, von der gerade die zweite Staffel ansteht. Man sieht dich darin sowohl auf der Bühne als auch in deinem Privatleben. Ist das stets ein und dieselbe Person?
Ich switche wohl konstant zwischen verschiedenen Rollen hin und her. (lacht) Wenn ich mich tagsüber um mein Business kümmere, bin ich vielleicht eher Freddy. Und in der Nacht, im Club und auf der Bühne bin ich Freedia.
 
Bekannte von dir sprechen immer wieder abwechselnd von »ihr« und »ihm«. Wie stehst du selbst dazu?
Es ist mir vollkommen egal, wie du mich bezeichnest. I’m confident in who I am. Ich weiß, wer ich bin. Und damit bin ich ­zufrieden! ◘
 

 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #160 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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