Bazzazian: »Ich muss nicht immer harte Ghetto-Beats bauen« // Interview

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Kurz nach der Jahrtausendwende prägte Ben Bazzazian – damals noch als Benny Blanco – vom Rheinland aus den finsteren Frankfurt-Sound Nordweststädtischer Prägung. Heute ist der Kölner das, was es im Deutschrap eigentlich nicht gibt: ein Hit-Produzent. Wie damals schon im Bozz-Music-Camp, sind seine platzierten Beats heute oft Single-Kandidaten; wenn ASD anfragen, Kollegah, Karate Andi und Ssio sich über ein epileptisches Strobo-Monster in Doubletimes überbieten oder Reggae-Botschafter Gentleman Crossover-Ausflüge auf Bazzazian-Beats unternimmt. Seinen Klangkosmos speist der Produzent aus der Energie der Trap, der Wärme analog-knisternder Schallplattensamples und geistreichem Synthie-Minimalismus. Sein rabiat-atmosphärischer Sound für die Azzlacks und die Arbeit als Adjutant von Haftbefehl und Architekt des Instant-Klassikers »Russisch Roulette« – und jüngst auch von dessen aktuellem Mixtape »Unzensiert« – machten ihn zum etatmäßigen Top-Produzenten des Landes.

Dein Produktionsstil zeichnet sich dadurch aus, dass du verschiedene Schulen miteinander verbindest: Harte 808s treffen auf Samples, synthetische Elemente auf organische Sounds. Würdest du sagen, deinen eigenen Stil gefunden zu haben?
Ich weiß nicht, ob ich wirklich angekommen bin. Ich mache ja auch ganz viel andere Musik, die man nicht zu hören kriegt. Ich wuchs auf mit Bands wie Bad Brains, hörte viel New Yorker Rap, stand aber immer auch auf die synthetische Ästhetik der Südstaaten. In erster Linie bin ich Musikfan, der sich von allen Genres inspirieren lässt. Und im Zweifel ist es mir lieber, jemand baut dreckige Kackbeats, als dass er versucht, sich anzupassen.

Du hast also noch ohne Tutorials gelernt, Beats zu bauen?
Ja, ich hatte niemanden, der mir erklärt, wie man welche Regler bedient. Ich musste mich reinfuchsen. Ich finde es aber nicht schlimm, wenn man sich als junger Produzent Tutorials anschaut und so rausfindet, wie Skrillex sein Dubstep-Gewobble macht. Ich war schon ein paar Mal in der Situation, dass Leute auf Konzerten wissen wollten, wie ich bestimmte Sounds hinbekomme. Wenn jemand nett fragt, verrate ich das schon. Wenn aber per Facebook solche Nachfragen kommen, wie »Ey, wie mache ich coole Beats?«, kann ich auch nur antworten: »Sorry, Alter, keine Ahnung.« (grinst)

Wie produzierst du mittlerweile? Spielst du viel ein und kombinierst Software mit analogem Equipment?
Ich fing damals mit einer MPC 2000 und Logic an und bin darauf hängengeblieben. Es ist doch meistens so, dass man bei dem Tool bleibt, mit dem man begonnen hat. Ich sample gerne und habe da immer verschiedene Phasen. Vor einem Jahr war ich noch auf dem Library-Musik-Film. Dann gab es Zeiten, in denen ich viel arabische Musik gehört hab. Man kann sowieso auf jeder Platte Samples finden. Ich lade aber auch Musiker ein oder spiele selbst Sachen dazu. Ich war ursprünglich Gitarrist und in Bands aktiv und kann ein bisschen Klavier, Bass und Santoor spielen, ein persisches Instrument, das ich früher in einigen Beats einsetzte.


 
Zu Beginn deiner Karriere nanntest du dich Benny Blanco. Musstest du dich wegen des gleichnamigen US-Produzenten umbenennen?
Der große Bruder meines Kumpels nannte mich so, weil er fand, dass ich aussehe wie Benny Blanco – der Filmcharakter aus »Carlito’s Way«. Richtig geil fand ich das nie. Dann wurde der Ami bekannt, der Britney Spears und andere riesige Pop-Acts produziert – und das auch richtig gut macht. Irgendwann bekam ich von der GEMA die Anfrage, ob »California Girls« von
Katy Perry von mir produziert wurde. Ich hab sogar kurz überlegt, ob ich Ja sagen soll. (grinst) Aber damit schadet man sich ja nur selbst.

»Majors haben verstanden, dass Produzenten aus der Urban-Ecke den aktuellen Sound einfach geiler machen als 50-jährige Schlagertypen.«

Der amerikanische Benny Blanco hat einen HipHop-Background und produziert in den USA für die größten Popstars. Eine Kombination, die in Deutschland schwer vorstellbar ist, oder?
Ich muss nicht immer harte Ghetto-Beats bauen und hätte auch Bock, andere Sachen zu veröffentlichen. Und die Majors haben mittlerweile verstanden, dass Produzenten aus der Urban-Ecke den aktuellen Sound einfach geiler machen als irgendwelche 50-jährigen Schlagertypen. Aber es gibt hier gar nicht so viele gute Sängerinnen, die man produzieren könnte. Mit Miss Platnum habe ich ein paar Mal gearbeitet – eine überkrasse Sängerin, die in meinen Augen ein Star sein müsste.

Schlägt sich der kommerzielle Erfolg von Deutschrap eigentlich auch in den Produktionsbudgets nieder?
Es ist besser als vor einigen Jahren. Aber einige Leute versuchen noch immer, den Preis zu drücken. Es ist ja nicht so, dass Labels auf einmal Geld zum Fenster rauswerfen, nur weil Rapplatten wieder in die Charts gehen. Insgesamt geht es Deutschrap aber gut. Ist ja auch super, dass so viele unterschiedliche Sachen gleichzeitig funktionieren. Aber man muss das realistisch betrachten: Manche Alben gehen schon mit 5.000 verkauften Einheiten auf Platz Eins, damit verdient man aber nicht unfassbar viel Geld.

Du hast dir im hiesigen Rap-Game zunächst mit Produktionen für Bozz Music einen Namen gemacht. Wie kam deine Frankfurt-Connection zustande?
Azad war der erste relevante deutsche Rapper, zu dem ich Kontakt hatte. Ein Kumpel von mir, der rappte, schickte ihm Tracks, weil er ein Feature haben wollte. Azad wollte aber nur den Beat. (grinst) Eine Woche später saß ich bei ihm in Frankfurt im Studio, und er meinte, dass Savas auch gleich vorbeikomme. Das war heftig. »Nr. 1« mit Savas vom »Faust des Nordwestens«-Album war dann mein erster Beat für Azad und mein erstes Release überhaupt. In Frankfurt hat für mich also alles angefangen. Viele Leute denken sogar, ich komme daher. Hafti habe ich das erste Mal auf dem splash! 2006 oder 2007 gesehen. Da stand plötzlich dieser Riese vor mir, und meinte: »Irgendwann machst du Beats für mich.«

War es das splash!, auf dem er noch als Ticker war?
Genau. (grinst) Ein paar Jahre später rief mich Jonesmann an und fragte nach Beats für seinen neuen Künstler, für Haftbefehl. Als wir uns dann auf dem Rheinkultur-Festival bei einem Gig von Olli Banjo und Jonesmann trafen, holte Jones ihn auf die Bühne. Und ich hab sofort erkannt, dass das dieser Typ vom splash! war.

 
Wieso erschien »Unzensiert« eigentlich als Mixtape? Der Aufwand für dich als Produzent war ja mit einem Album vergleichbar.
Die Tracks haben auf jeden Fall Albumcharakter und funktionieren als Weiterentwicklung zu »Russisch Roulette«. Ich verstehe zwar den Mixtape-Gedanken, hätte das aber lieber anders gelöst. Universal wollte halt nicht direkt wieder ein Album veröffentlichen. Das Mixtape erschien ja nur digital. Und wenn man physische Tonträger im Laden stehen haben will, hätte man es nicht über Nacht veröffentlichen können. Dafür braucht man einen längeren Vorlauf.

Woran arbeitest du gerade?
Ich arbeite an Samys neuem Album, das bald kommen soll. Zusammen mit Farhot produziere ich das Karate-Andi-Album. Für die Azzlackz mache ich sowieso immer Songs und für Ufo 361 entstand gerade ein Beat. Mit Tarek von K.I.Z besteht die Idee, etwas zusammen zu machen. Und mit Haftbefehl werde ich natürlich bald neue Sachen angehen.

Wie läuft die Arbeit zwischen euch ab?
Mit ihm unterwegs zu sein, ist immer unfassbar lustig. Ich denke, dass wir uns nach ein paar Jahren Funkstille jetzt noch besser verstehen als zu »Kanackis«-Zeiten. Entweder schicken wir uns Sachen hin und her, oder wir treffen uns zu Studiosessions. Oft sind die fertigen Tracks auch Remixe – »Lass die Affen aus dem Zoo« zum Beispiel. Hafti hat das auf einen ganz alten Oldschool-Beat von mir gerappt, und ich habe anschließend sechs Versionen davon gemacht. Ich arbeite gerne so, dass ich den Beat erst ausproduziere, wenn die Vocals schon vorliegen. Dann kann man noch viel mehr rausholen.

Foto: Niels Freiheit

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173