Ahzumjot vs. The Beats: »Junge, Autotune gibt’s in meiner Musikwelt, da hattest du noch nicht mal Ohren!« // Feature

Qualität und Quantität funktionieren nicht nebeneinander? Denkste. Mit »Luft & Liebe« hat Ahzumjot aka Deutschlands fleißigster Rapper vor kurzem sein »viertes Release in nem Jahr« veröffentlicht. Wieder ohne Promozirkus und für umme, dafür aber als Beweis, dass weder ein fehlender Majordeal noch eine unaufhörliche Release-Flut guter Musik im Weg stehen – ganz im Gegenteil. Anlass genug jedenfalls, um mit Ahzumjot mal ein Ohr auf das Schaffen der Konkurrenz zu werfen.


Love Hotel Band
Diamant (2017)
Das ist dieses Band-Ding von Yung Hurn, oder? Komm, das hab ich erkannt, bevor der Song anfing – gib mir Credit dafür! (grinst) Das fand ich am Anfang richtig scheiße, aber jetzt finde ich es eigentlich ganz geil. Trotz Autotune ist das super schief gesungen. Faszinierend, dass das geht. Aber das Video dazu stört mich: Es wirkt nicht so, als wäre es ernst gemeint. In meinem »Gut in der Nacht«-Video tanze ich auch nicht wie ein normaler Deutschrapper – was auch daran liegt, dass sich die meisten in ihren Videos echt beschissen bewegen –, aber man sieht, dass ich es ernst meine.

Hattest du bei ihm schon mal das Gefühl, dass er es nicht ernst meint?
Nein, nicht mal bei seinen K.-Ronaldo-Sachen. Denn das ist der Punkt: Wenn du etwas gut machst, kann es ruhig übertrieben sein. Solange du es geil rüberbringst, wirkt es nicht wie eine Verarsche. Das ist teilweise auch mein Problem bei Tyler, The Creator, weil manche Sachen so aufgesetzt wirken. »Yonkers« fand ich stark, »Answer« auch. Aber sobald er anfängt, im Kostüm zu wrestlen, ist das wack. Ich mag keine »LOL«-Musik.

Was sagst du denn zu K.I.Z als Schwarzwälder Kirschtorten?
Feier ich nicht. Das ist mir zu übertrieben. Schon cool, dass die das machen, aber ich verstehe nicht, was daran lustig ist. K.I.Z sind zwar immer ein Stück drüber, aber verpacken es sonst nicht als lustig. Durch »Hahnenkampf« habe ich angefangen, sie zu lieben. Die haben so asoziale Sachen gesagt und sahen in ihren Videos auch so aus. Ich hatte echt Angst vor denen! (lacht) Und als ich sie dann kennengelernt habe, dachte ich nur: »Krass, das sind ja voll die netten Typen«. Ich würde trotzdem mit keinem von denen einen Einzelkampf starten.


Rin
Blackout (2017)
Bei Rin bin ich gespalten: Es gibt Songs, die ich sehr stark finde – »Error« und »Don’t Like« zum Beispiel. Ich bin selbst nicht der krasseste Lyricist, aber bei »Ich will, dass du mich brauchst« hat es mich komplett irre gemacht, wie oft er den Satz wiederholt.

Bei Yung Hurns »Nein« auch?
Da ist es ein Stilmittel, weil es gelangweilt klingen soll – das ist dope. Bei »Ich will, dass du mich brauchst« finde ich das aber deplatziert. Wieso erklärst du nicht, warum du sie brauchst? Ich mag aber Rins leichte, fast naive Art zu rappen und seine Adlibs: Dieses »Ay-yeah« ist geil! Auf »Blackout« rappt er aber, was er schon zwanzigmal exakt so gesagt hat: »Es ist Donnerstag, ich kauf mir Supreme.« Ja, es ist Freitag, Digga, ich kauf mir Lebensmittel. Abgesehen davon, dass ich Supreme krass hässlich finde, ist mir das inhaltlich zu schwach. Wenn ich kein deutscher Muttersprachler wäre, würde mich das wahrscheinlich aufgrund der Sprachbarriere nicht stören – Future und Travis Scott sagen schließlich auch immer dasselbe.


Chima Ede
Chim Chima (2016)
Ich gehe nicht umsonst mit Chima auf Tour. Als Ende letzten Jahres das JUICE-Cover mit »Deutschraps Zukunft« rauskam, dachte ich auch: »Krass, die Neue Reimgeneration 2.0« [Falk Schacht bezeichnete vor ein paar Jahren Rapper wie Cro, Olson, Rockstah und Ahzumjot als »die neue Reimgeneration«; Anm. d. Verf.]. Ich hoffe für alle Beteiligten, dass es nicht so läuft wie bei uns: Damals standen wir einfach alle im Schatten von Cro. Eou machen mittlerweile schon gar keine Musik mehr, und Rockstah ist jetzt Podcast-König. Der hat von uns allen die beste Entwicklung gemacht. Er macht, was er am besten kann: Leute unterhalten. Zwischen Olson und mir war das damals ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das er gewonnen hat. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass es nicht in meiner Hand liegt, wie erfolgreich ich bin. Mir ist vermeintlicher Erfolg auch egaler geworden. Ich mache einfach – und wenn etwas Geiles passiert, wie jetzt gerade, freue ich mich darüber. Wenn es in einer Woche wieder anders aussieht, ändert das nichts an mir als Person.


Usher
You Don’t Have To Call (2009)
Ohhh, wirklich?! Die Neptunes sind einfach die besten Produzenten aller Zeiten im HipHop-Bereich. Für mich persönlich noch wichtiger als Timbaland, Dr. Dre und J Dilla. Die haben den coolsten Spagat zwischen Rap und Pop hingekriegt und so einen fiesen Trademark-Sound, dass du bereits in der ersten Sekunde weißt, wenn es von ihnen produziert ist. Allein wie die Songs anfangen: Der erste Schlag immer viermal hintereinander – de-de-de-de – und dann geht der Song los. Selbst »Happy« fängt so an. Heute machen das ja viele mit ihren Voice-Tags. Die Neptunes haben es aber hingekriegt, dass nirgendwo ihr Name stehen muss und selbst ein Laie entdeckt: »Ey, das ist doch von Pharrell!« Und Ushers »You Don’t Have To Call«: Hammer! Das ist einer seiner besten Songs. Ich bin ein riesiger Usher-Fan. »8701« habe ich mir nicht umsonst auf die Hand tätowiert, auch wenn die Geschichte dahinter ein bisschen kitschig ist: Ich habe meine Freundin quasi zu diesem Album kennengelernt. Das freut mich gerade total, dass du den Song ausgesucht hast. Schreib einfach, du wusstest das mit dem Tattoo!


Kanye West
Wolves (2016)
Da könnte ich jetzt schon wieder heulen. Das ist ein atemberaubender Song – mehr will ich dazu gar nicht sagen. Es gibt Tracks, bei denen ich mir wünsche, ich selbst hätte die Idee gehabt. »Wolves« ist einer davon. Oder Marterias »Du willst streiten«. Ich wünschte, ich könnte Sachen so auf den Punkt bringen wie Marteria. Man könnte den ganzen Text zitieren. Der Song ist ein bisschen wie ein guter Mario-Barth-Witz! Barth macht das flach und billig, aber Marteria bricht dieses Männer-Frauen-Klischee auf, ohne dabei dumm zu werden. Das muss man erst mal hinkriegen.

Das »Wolves«-Video war ja gleichzeitig eine Balmain-Kampagne.
Das finde ich scheiße. Ich bin der größte Kanye-Fan, aber er ist ein Widerspruch in sich. Ich habe damit abgeschlossen, darüber zu urteilen, was er macht. Wenn er sich jetzt mit Donald Trump trifft und sogar sagt, er hätte für ihn gevotet, dann rege ich mich darüber nicht mehr auf. Ich höre lediglich seine Musik. Er ist immer noch eine interessante Person, aber ich bin es leid, ihn zu verteidigen. So einen Song zu nehmen und daraus eine Kampagne für hässliche Klamotten zu machen – damit hat er leider viel verloren.


Lil Peep feat. Lil Tracy
WitchBlades (2017)
Das ist der erste Track, den ich nicht sofort erkenne. Sind das die $uicideboy$?

Nein, Lil Peep und Lil Tracy. Ein riesiger Hype zurzeit in den USA.
Feierst du das? Ein Albtraum. Die haben halt Melodien wie Limp Bizkit. Das sind bestimmt so Skater-Atzen, die sich den ganzen Tag zukoksen. Melodisch hat das gar keinen Style. Die creepen so richtig rum, und der Beat ist auch wack. Das ist mir auch zu viel Drogengelaber. Wenn du darüber reden willst: Verpack es in Metaphern. Cocaine, bla, bla, bla. Ich habe auch mal Limp Bizkit gefeiert, aber da war ich elf. Das ist richtig schlimm, auch dieses Getue mit dem Messer.


Travis Scott
Upper Echelon (2013)
Musikalisch gesehen ist der Track nicht so krass: laut und ballert. Aber genau das soll er ja auch. Das läuft im Club, und du drehst durch mit deinen Jungs. Das zweite Mixtape von Travis ist meiner Meinung nach sein bestes Release. Manche sagen, ich würde ihn nachmachen, was nicht stimmt. Eine Sache habe ich aber tatsächlich gerippt: eine Adlib.

Welche?
Dieses sehr hohe, mit viel Hall verstärkte »Yah«. Wenn man deswegen sagt: »Der macht Travis Scott nach«, darf aber auch niemand mehr »Yeah« oder »Yo« sagen. Dann sollen sie lieber sagen, ich klinge wie Future. Als jemand gesagt hat, meine Musik höre sich an wie Migos, habe ich mich hart aufgeregt. Auf dem neuen Migos-Album gibt es zwei Songs, die ich gut finde. Davor fand ich die todesscheiße. Warum sollte ich von denen klauen? Die sind auch nicht die einzigen, die diesen Triolen-Flow machen. Über den Travis-Scott-Vergleich rege ich mich nicht auf. Ich mag seine Musik und: Klar ist sie bis zu einem gewissen Grad Inspiration für mich. Dass die Neptunes auch eine Inspiration sind, hört bloß deshalb keiner, weil die Kids die nicht mehr kennen. Zeig denen »You Don’t Have To Call« von Usher! Sobald jemand Autotune benutzt, heißt es: »Öh, du machst voll Travis Scott nach.« Junge, Autotune gibt’s in meiner Musikwelt, da hattest du noch nicht mal Ohren als Embryo im Bauch deiner Mutter! Auf meinem ersten Album »Monty« habe ich auch schon Autotune benutzt. Da hat das nur noch keiner gepeilt. Alles Banausen.

Ahzumjot feat. Casper
Limbo (2017)
Killer der Song! Man darf doch von sich überzeugt sein, oder? (lacht) »Limbo« soll einfach Spaß machen. Casper und ich haben uns gegenseitig Musik gezeigt. Auf diesen Beat wollte er unbedingt rappen, aber es wäre eben nichts für sein Album gewesen. Casper hat die Initiative ergriffen, den Beat auf einem USB-Stick mit nach Hause genommen und mir noch am selben Abend eine Sprachnotiz mit dem halbfertigen Part geschickt. Ich wollte aber, dass er das Ende noch mal ändert. Ein bisschen asi, aber so muss man einfach arbeiten.

Was hat dich gestört?
Sein Part hörte mit »Mir geh’n die Ficks zum Geben aus« auf. Das ging acht Zeilen lang so weiter. Er kam dann wieder zu mir und hat drei, vier Mal aufgenommen. Er ist ein unfassbarer Perfektionist – das macht ihn eben auch zu einem der Besten. Tua ist auch so. Ein Song mit ihm wäre mein Heiliger Gral im deutschen HipHop. Ich traue mich noch nicht, ihn zu fragen, weil ich keine Absage ertragen könnte. Falls seine Meinung aber positiv wäre, würde ich niederschreiben, was er gesagt hat, und es mir tätowieren lassen. Er ist einfach zu krass. Ich wünschte, er würde über diesen ganzen Deutschrapscheiß hinauswachsen.

Du hältst dich auch bewusst aus der Szene heraus.
Ich liebe HipHop, will aber nichts mit deutschem Rap zu tun haben. Das ist saulangweilig und öde. Natürlich stecke ich noch in dieser Schublade, weil ich noch gar nicht das Können habe, daraus auszubrechen. Ich sehe mich in zehn Jahren aber nicht mehr in diesem Bereich.

Was machst du dann?
Nur noch produzieren. Ich bin dann 37, dann noch zu rappen, wäre albern. Ich will selbst entscheiden, wann Schluss ist. ◘

Text: Enya Elstner
Foto: Philipp Gladsome