Aesop Rock im Interview mit Audio88: »Rap ist die einzige Konstante, die ich im Leben habe.« // Interview

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Aesop Rock ist mein Lieblingsrapper. Bei keinem anderen Künstler bin ich so gespannt, wenn ein neues Album angekündigt wird. Er ist ein unfassbarer Texter, verfügt über eine unfickbare Technik, einen über alles erhabenen Flow und mit 7.392 einzigartigen Wörtern über den nachweislich größten Wortschatz im englischsprachigen Rap – wohlgemerkt ohne die Möglichkeit der deutschen Sprache, beliebig Substantive zu Kuriositäten wie »Handfeuerwaffenpflegeölherstellermonopol« für endlose Reimketten zusammenzufügen. Ach ja, und ein begnadeter Produzent ist er auch noch. Nun erscheint mit »The Impossible Kid« sein neues Album. Als die JUICE mich fragte, ob ich nicht mit Aesop Rock sprechen wolle, willigte ich dementsprechend sofort ein und hoffe, das Gespräch ist nicht zu nerdig geworden. Danke, JUICE!

Magst du es eigentlich, über dich und deine Musik zu sprechen? Viele Interviews findet man nicht von dir.
Ich lasse die Musik lieber für sich sprechen. Wenn ich darüber rede, finde ich mich irgendwann selbst langweilig. (lacht) Aber es freut mich natürlich, dass Menschen an mir und meiner Musik interessiert sind.

Du veröffentlichst Alben seit Ende der Neunziger, zählst zu den einflussreichsten Underground-Künstlern überhaupt, lässt aber deinen Legendenstatus nie raushängen. Fast scheinen dir die Respektsbekundungen unangenehm zu sein. Dabei ist Bescheidenheit eher untypisch für einen Rapper.
Selbstbewusstsein ist nicht gerade meine Stärke. Ich bin nicht sonderlich gut darin, mich und meine Musik anzupreisen und Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Ein großes Thema auf deinem neuen Album ist deine Entscheidung, Musiker geworden zu sein und das Malen und Zeichnen nicht weiter verfolgt zu haben, obwohl du einen Universitätsabschluss in Visual Arts hast. Als bildender Künstler könntest du mehr im Hintergrund agieren. Würdest du dich damit wohler fühlen?
Ja, total. Einfach nur etwas zu kreieren, tief in meinen Kopf zu gehen und meine Arbeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit einfach fließen zu lassen, erscheint mir viel sinnvoller. Auf der Bühne zu stehen, fühlt sich einfach unnatürlich an. Ich habe das in den vergangenen zwanzig Jahren zwar gelernt, aber es hat mir viel Training abverlangt. Es fällt mir nach wie vor schwer, mich vor viele Menschen zu stellen.

Deine neue Single »Rings« erinnert mich stark an »No Regrets« aus deinem »Labor Days«-Album von 2001. In »No Regrets« erzählst du die Geschichte der Malerin Lucy, die sehr isoliert lebt, aber dieses Leben auf ihrem Sterbebett nicht bereut, weil sie mit ihrer Kunst ihren Traum gelebt hat. Nun erzählst du in »Rings«, wie du das Malen und Zeichnen für die Musik jahrelang vernachlässigt hast. Bereust du deine Entscheidung im Gegensatz zu Lucy?
Ja, manchmal. Das Malen war lange mein Lebensmittelpunkt, den ich habe schleifen lassen. Ein Teil von mir bereut das, aber der andere Teil akzeptiert es. Das ist das Leben. Du legst etwas weg, dafür hebst du etwas anderes auf. Vielleicht ist Reue auch das falsche Wort, aber ich verbinde mit dem Malen eine sehr glückliche Zeit. Leider haben meine Fähigkeiten über die Jahre nachgelassen. Ich habe aber immer ein Sketch Book in Reichweite und nutze das in letzter Zeit wieder häufiger.

Jedes deiner Lieder besteht aus vielen kleinen und großen Bildern, die sich collagenartig zu einem großen Bild zusammensetzen. Hängt dieser Stil mit deiner Leidenschaft für die Malerei zusammen?
Vielleicht. Ich versuche einfach, so visuell wie möglich zu schreiben. Ich mag es, viele Referenzen einzubauen, um so ein Bild im Kopf des Zuhörers zu malen.

Du hast »The Impossible Kid« wieder komplett selbst produziert, Features gibt es auch keine. Du hast dazu gesagt, dass du kein Kurator, sondern Künstler sein willst. Dir scheint es immer wichtig zu sein, die Künstler deiner Artworks ins Licht zu rücken. Bei diesem Album war das Alex Pardee.
Ja, das ist mir wichtig. Ich finde es immer merkwürdig, wenn jemand jahrelang an einem Album gearbeitet hat, fürs Artwork dann aber irgendeinen Bullshit nimmt. Ich liebe die bildende Kunst, und jedes Cover ist der perfekte Anlass, einen befreundeten Künstler darum zu bitten, meine Musik zu visualisieren.

Würdest du es lieber selbst machen können?
Klar, aber dazu fühle ich mich nicht sicher genug. Ich finde es auch immer komisch, wenn Leute ein Album mit zwanzig Features machen und am Ende nur zwanzig Prozent der Platte von ihnen selbst stammt. Diese Platte ist aber mein Projekt, deshalb habe ich alles selbst produziert und keine Features drauf. Und ob es den Leuten gefällt oder nicht – es liegt am Ende einzig und allein an mir.

Und du musst keinem Freund sagen, dass sein Verse wack ist.
Ja, das auch. (lacht lange)

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