Kings of HipHop: A Tribe Called Quest

A+Tribe+Called+Quest

 

Der Tribe ist eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Band, die es geschafft hat, ausschließlich gute bis sehr, sehr gute Alben zu machen. Drei 6-Kronen-, zwei 5-Kronen-Alben, alle auf ein und demselben Label – musikalisch sind Ali Shaheed Muhammad, Phife Dawg, Q-Tip und, manchmal, Jarobi White unfickbar. Nicht nur im HipHop. Generell. Auf ihre Art hat das vor ihnen niemand geschafft. Und eigentlich auch niemand danach. Ganz ohne Kontroverse, ohne Hysterie, ohne Aufruhr, ohne Geschrei. Einfach nur aufgrund ihrer Musik. Smoothe Samples und harte Drums – mit dieser Mischung haben sie ihre perfekte Formel gefunden, um damit Musik für die Ewigkeit zu schaffen und so vieles, was nach ihnen kam, nachhaltig zu beeinflussen. Diese Band hat gezeigt, wie man Rap machen kann, den sogar Leute lieben, die gar keinen Rap mögen. Die Liebe ist eben ein seltsames Spiel. Das Love Movement sowieso.

 

 

Seinen Ursprung nahm dieses Love Movement an der Murry Bergtraum High School, High School for Business Careers wohlgemerkt. Dort trafen Q-Tip und Ali das erste Mal aufeinander. Sie studierten Informatik und BWL. Ihr Hometurf St. Albans brachte bereits Musikgrößen wie Ella Fitzgerald, Count Basie, James Brown, John Coltrane und Miles Davis hervor, war aber immer auch Teil des Queens von Kool G Rap, Run DMC und LL Cool J. Sie wussten also, wie bös diese Straßen sein können. Dennoch klopften sie lieber unten in der Lower Eastside auf die Schultische und rappten dazu, als kleine Steine an der Ecke für neue Jordans zu verkaufen. Wieso das so war, können Soziologen wohl besser erklären – vielleicht waren sie schlauer als die Nachbarjungs, vielleicht ihre Elternhäuser intakter. Fakt ist: Zuhause standen Platten von Marvin Gaye und Stevie Wonder, aber eben auch von Lou Reed und Jimi Hendrix, die auf die Jungs eine magische Wirkung hatten. Oben in Queens sahen sie am Wochenende, wie all die Onkels und Cousins der Kumpels Platten auflegten. Die Mädels tanzten dazu, die Jungs waren zur Abwechslung mal friedlich. Dieses HipHop-Ding wurde für die Heranwachsenden immer interessanter. Zackbumm, sie wollten selbst HipHop machen.

 

Nur welchen? Für echte Revolutionsgedanken ging es ihnen zu gut, für die bedingungslose Zurschaustellung von Wertgegenständen zu schlecht. Marcus Garveys »Back to Africa«-Ansätze gingen zu weit, die Wurzeln waren dennoch so wichtig, dass man den Mutterkontinent mit Stolz auf der Brust trug. Die Zulu Nation war King, aber am Firmament blitzten so viele andere Sterne als dieser eine »Planet Rock«. Sozialkritik war gut, Privatbesitz aber eben auch. Ali Shaheed las und lebte den Koran, der Nachbarjunge Phife liebte große Old E-Flaschen und die Frauen, Tip konnte sich mit allem Genannten gut anfreunden. Dieses »Do The Right Thing«, der von Spike Lee wenig später filmisch phänomenal umgesetzte Befehl, gestaltete sich für die nach einer Identität zwischen B-Boy und Black Bohemian Suchenden äußerst schwierig. A Tribe Called Quests Anderssein, ihre Nerdigkeit, ihr musikalischer Horizont und ihr – zu dem Zeitpunkt noch schlummerndes – Talent machten sie aber bald zu Fackelträgern einer neuen Generation.

 

Can I Kick It?

 

Zwei Klassenkameraden von der Murry High – Mike G und Afrika Baby Bam – zeigten Ali und Tip (der sich noch J-Nice nannte und laut Afrika »viel zu sehr nach LL Cool J« klang), in welche Richtung es gehen könnte. Mike und Afrika nannten sich Jungle Brothers, trugen Safari-Hüte und vermissten zwischen den Adidas-Jacken, Kangol-Caps und schweren Goldketten der Kollegen »das intellektuelle Level«. Das klang eigentlich eklig, aber einerseits waren sie musikalisch überraschend geschmackssicher, andererseits hielt Mike Gs Onkel DJ Red Alert seine schützende Hand über sie. Er war zu der Zeit bereits ein einflussreicher HipHop-DJ bei WRKS-FM in New York und veröffentlichte über sein eigenes Label Idlers Records (einer Tochter von Warlock Records) die erste Jungle Brothers-Platte »Straight Out The Jungle«. Hier hatte auch Q-Tip seinen ersten Auftritt. Auf »The Promo« etwas hölzern, dennoch verheißungsvoll am Mic, bei »Black Is Black« produzierend als funky Drummer mit ein bisschen Soul-Swag.

 

 

Längst war die Unbeschwertheit der Cyphers auf den B-Ball-Courts in St. Albans, bei denen Tip, Phife und Jarobi ihre Reime kickten, verflogen. Das Musik-Ding nahm ernste Formen an. Vor allem wegen DJ Red Alert. Natürlich halfen seine Kontakte im dank BDP, LL und PE in voller Blüte stehenden HipHop-Netzwerk New Yorks. Aber Red glaubte an diese gerade 18-jährigen Kids. Er sah ihr Potenzial, ihr Feuer. Ganz im Gegensatz zu Geffen, die Tribe zwar versuchsweise für die Aufnahmen an ihrem Demo unter Vertrag nahmen, aber dann knallhart wieder fallen ließen, als die ersten Songs im Kasten waren. Der Grund war simpel: Sie verstanden es nicht. Vielleicht waren ihnen Lou Reeds »Walk On The Wild Side« als Sample für »Can I Kick It?« zu konventionell, vielleicht klang ihnen die salopp gesprochene Shout-and-Response-Hook zu sehr nach der alten Generation der Cold Crush Brothers oder Sugarhill Gang. Vielleicht wirkte der Storytelling-Schmäh von »I Left My Wallet In El Segundo« neben den großen Abenteuern eines Slick Rick zu banal, vielleicht brachten sie den repetierenden Basslauf einfach nicht mit der mexikanischen Gitarre zusammen. Vielleicht war ihnen »Description Of A Fool« auch einfach zu direkt, der offensive Appell an den Dealer, den Gewalttäter, den wütenden Jugendlichen in Zeiten von »Parental Advisory«-Stickern und N.W.A. zu uncool, zu schlecht vermarktbar. Dass gerade diese drei Songs den Grundstein für die nachfolgende Karriere von A Tribe Called Quest legten, verdeutlicht nur, dass ihr neuer Ansatz, ihre Vision einer alternativen und progressiven Form von HipHop, das Genre um eine Facette erweiterte, die für die umfassende Übernahme des gesamten Mainstreams durch Rapmusik Tür und Tor öffnete.

 

Wieso also tatsächlich ein kleiner Bieterkrieg um den mehr künstlerisch als kommerziell vielversprechenden Stamm entflammte, bleibt eine der unerklärlichen Anekdoten einer HipHop-Epoche, in der sich das Genre vom kurzweiligen Phänomen zum ernstzunehmenden popkulturellen Motor mauserte. Den Zuschlag bekam schließlich Jive Records unter der Federführung von Barry Weiss. Er zahlte einen 350.000 Dollar-Vorschuss. Eine kleine Sensation. Weiss war Geschäftsmann, der seine Entscheidungen stets auf Basis betriebswirtschaftlicher Argumente fällte und – im Gegensatz etwa zu einem Russell Simmons – nie anhand seines persönlichen Geschmacks. So vermarktete er bereits erfolgreich BDP, Too $hort und den Fresh Prince. Jive hatte stets die lokalen Märkte im Auge, um dann einen punktuell erfolgreichen Act national zu signen. Weiss setzte auch in ATCQ große kommerzielle Erwartungen. Das von KRS-One nach dem Mord an seinem Partner Scott La Rock ins Leben gerufene Stop The Violence-Movement marschierte durch die Medien. Weiss sah im Tribe eine verkaufbare Gegenthese zum eskalierenden, straßenrevolutionären Gangsta-Rap. Nur waren Tip, Ali und Phife nicht die Typen für Marketingstrategien und die Unterschrift bei Jive markierte den Beginn einer langen und nicht gerade unkomplizierten Label-Ehe.

 

Die Voraussetzungen für ein perfektes Crew-Album bot »People’s Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm« allemal. Q-Tip als der Anführer, Frontmann und Visionär. Die Idee von A Tribe Called Quest stammte von ihm, aus einer Zeit, als er versuchte, das Gefühl der Jazz-Platten seines viel zu früh verstorbenen Vaters in die Sprache seiner Lebenswelt zu übersetzen. Tip hatte ausreichend Talent – sowohl als Rapper als auch als Produzent –, um es als Solokünstler zu schaffen. Dennoch brachte er Phife ins Spiel, weil er wusste, dass er einen Gegenpol brauchte, der seinen zurückgelehnten Style kontrastierte. Phife hatte Tip auf den Rapfilm gebracht, Tip machte ihm klar, dass es mehr war als nur spaßiger Zeitvertreib. »I introduced Tip to the game, while he introduced me to the paper«, erklärte es Phife einmal. Phife war ein Schlendrian, der nur Sport und Rap im Kopf hatte. Q-Tip war The Abstract, Phife der »5 Foot Assassin«. Ohne Phife wäre Tip, nein, wäre der ganze Tribe ein Fall für den Group Home-Stapel gewesen. Gut für ein Album, mehr nicht. Für jeden esoterischen Spruch von Tip schoss Phife eine richtige Rap-Line hinterher und injizierte Tip, dessen künstlerische Avancen bereits latent vorhanden waren, mit seiner nervigen Stimme die nötige Portion Energie. Gemeinsam schaffte man eine perfekte Symbiose, wie sie selten zuvor und noch seltener danach funktionierte.

 

Ali Shaheed Muhammad gab den Musiker und DJ im Hintergrund. Ali wuchs als gläubiger Moslem auf und überließ Großspurigkeiten seinen Kollegen. Dennoch trug er stets den Beat – auch wenn der Großteil aller Tribe-Produktionen gar nicht auf seine Kappe ging. Deswegen verwundert es nicht, wenn Tip Jahre später mit Sprüchen wie »Yo, I produced the first three Tribe albums« auf großen Macker machte. Ohne Alis Fingerfertigkeit an Saiten- und Tasteninstrumenten ging es dennoch nicht. Und dann war da dieser Jarobi White, der große Unbekannte, der »Spirit« der Truppe (Q-Tip), von dem niemand so richtig wusste, wer er war und was er überhaupt machte. Er war immer da, nur nicht auf den Platten, und entschied sich noch vor dem richtigen Start für die Kochschule und nicht die True School. Dennoch blieb er immer ein Teil der Crew.

 

Native Tongues

 

Natürlich hatten 1990 zur VÖ des Debütalbums die Jungle Brothers bereits das Dickicht gelichtet und De La Soul gute drei Fuß vorgelegt, aber »People’s Instinctive Travels« manifestierte – ganz im besten HipHop-Stil – eine neue Richtung: ­Absorption der Vorteile des Gegebenen, Ablehnung des ­Überflüssigen und Addition des gänzlich Eigenen. So was wie A Tribe Called Quest hatte es noch nicht gegeben. Die »Source« attestierte »a completely original musical and spiritual approach« und feierte Beats, die man sofort liebte, aus Samples, die man noch nie gehört hatte. Auch wenn der »Rolling Stone« die Platte zum »am wenigsten tanzbaren Rap-Album überhaupt« degradierte, als »Pseudo-Jazz« und »nutritiously eclectic adult-contemporary comedy rap« abtat, war das die Basis für den besten Mainstream-Rap aller Zeiten.

 

 

Einer breiten Fan-Basis biederte man sich deswegen noch lange nicht an – mit so einem ungelenken Titel und diesem Styling. In Dashikis, bunten Schals und runden Brillen spielte man das Weirdo-Image voll aus, durfte aber wegen der Nähe zur Zulu Nation diese Freiheit genießen. Darüber hinaus war der Native Tongues-Stempel mittlerweile schon ein Selbstläufer, was die Qualität, aber eben auch das Anderssein anging.

 

Überhaupt, Native Tongues. Die Mutter aller gescheiterten Bewegungen. Ein lose zusammengewürfelter Haufen – gefeiert, einflussreich, irgendwann ausgefranst von den Neumitgliedern und zerfleischt von den Gründervätern. Eines Tages saß Q-Tip daheim bei Afrika Baby Bam und flippte die eine Line von »African Cry« der The New Birth-Platte »Coming Together« immer und immer wieder: »…they took away our native tongue«. Dass die neu gefundene gemeinsame Sprache von De La, Latifah, Monie Love, ATCQ, Jungle Brothers et al. dabei bei weitem nicht nur sozialpolitisches Vokabular lieferte, sondern auch den Applebum bewegen sollte, verstehen viele bis heute nicht. (Auch der größte Native Tongues-Posse­cut – De La Souls »Buddy«-Remix – ­beschäftigte sich mit der primitivsten aller ­Quests: der Suche nach dem willigen Partner im Club. »Meany, meany, meany, meany. Say what?«)

 

Eigentlich verendeten die Native Tongues bereits 1991, zum Zeitpunkt der VÖ des zweiten Tribe-Albums. Die Gründe waren, man mag es glauben oder nicht, die üblichen Rapper-Wehwehchen Respekt, Loyalität und Geld. Nach ihrem ersten Album erkannten Ali, Phife und Tip, dass ihr Management um Red Alert über 30 Prozent ihrer Einnahmen einstrich. Tribe verdankten Red Alert, dem Onkel ihres Jugendfreundes, ihren Weg ins Business, aber mit der Volljährigkeit und der neuen Vorliebe für Polo und Hilfiger interessierte man sich eben auch mal für die Verträge. Und laut Chris Lighty und Lyor Cohen, zwei Vertretern einer neuen HipHop-Geschäftsmänner-Generation, konnten die weit besser sein. Tribe wollten also ein neues Management und baten Red Alert um die Entlassung aus dem alten Vertrag. Red – schon immer mehr Sympathisant als Geschäftsmann – willigte enttäuscht, dennoch wohlwollend ein. Geschäftspartner Ed Chalpin hingegen nicht, wovon er fast zwei Jahre voller rechtlicher Auseinandersetzung nicht abwich. Am Ende konnte Jive A Tribe Called Quest aus ihrem alten Vertrag freikaufen und Tribe in Chris Lightys neuem Powerhouse Violator in Stellung bringen. Doch jedweder Glauben ans Business war verloren. Vielleicht lag es daran, dass Jive nur unter der Bedingung eines weiteren Albums die Kohle abdrückte.

 

Das Hü und Hott brachte Q-Tip schließlich auf eine der größten Wahrheiten (lies: größten Ausreden) des HipHop-Genres – auf »Check The Rhyme« rappte er: »Industry rule #4080: record company people are shady« und verpackte – so wie es nur der Tribe konnte – große Aussagen in einfache Worte. Der Bruch mit Red Alert führte zum Bruch mit den alten Brüdern. Mike G fühlte sich hintergangen. Der Posse ohne ein Wort den Rücken zu kehren, war für ihn ein Verrat. Von der Breitenwirksamkeit des Tribes hätten die Jungle Brothers eben doch noch gerne profitiert.

 

Natürlich, immerhin war »The Low End Theory« tatsächlich das weltbewegende Album, zu dem das Debüt erst im Nachhinein gemacht wurde. Auch hier war der Grund simpel: Während Phife auf dem Erstling nur auf vier Songs auftrat, gehörte »The Low End Theory« zur vollen Hälfte ihm. Und wie. »Yo, microphone check one two, what is this? The five foot assassin with the ruffneck business.« So einfach werden Rapper zu Legenden. Endlich gab es für Phife nur noch Tribe und unendlich meißelte sich die Symbiose Tip/Phife in die Rap-Historie. Musikalisch wurde dazu die Bassline zum definierenden Element – auf den Thron gehoben durch die Kollaboration mit Jazz-Größe Ron Carter am Live-Bass. Auch wenn die Inspirationsquellen schrecklich konstruiert klangen, bestand Q-Tip darauf, dass ihn N.W.A.s »Straight Outta Compton« zu »The Low End Theory« inspirierte. (Dr. Dre steckte Tip wohl Jahre später, dass ihm wiederum »The Low End Theory« die Idee für »The Chronic« gab.) Wie dem auch sei, das Mittel des Zitats – der obersten Maxime von HipHop – wurde selten schöner auf den Punkt gebracht als von Q-Tip zu Art Blakey-Sample auf »Excursions«: »Back in the days when I was a teenager/Before I had status and before I had a pager/You could find The Abstract listening to HipHop/My pops used to say, it reminded him of bebop/I said: well, daddy don’t you know that things go in cycles?«

 

Diese »Cycles«-Argumentation machte Tribe endgültig zum Kritikerliebling, zur besten ­Beweisgrundlage für Kulturverfechter, Ethnic Studies-Professoren, Musiktheoretiker und
Müsli-Rapper, für die HipHop eben doch Hochkultur in einer Zeitleiste mit Blues, Jazz und Rhythm & Blues war. Natürlich waren genau die aber auch die Ersten, die die Nase rümpften, als ihr Posterboy Q-Tip in den Produktions-Credits von Gewalttätern, Misogynisten und Rüpelrappern auf der bösen Seite der Macht auftauchte. Konnte der Chef vom Stamm wirklich »Gangsta Bitch« von Apache produzieren? Und wie er das konnte.

 

»Come On Everybody« von Run DMC, ­»Crooklyn« der Crooklyn Dodgers, Mobb Deeps »Drink Away The Pain« und »Temperature’s Rising«, »One Love« von Nas, Mariah Careys »Honey« im Bad Boy Remix, »K.I.S.S.« von Diamond D – alle diese Kleinode aus den dicksten Drums und den besten Basslines legten Zeugnis davon ab, dass es Tip stets nur um die Musik ging und nicht um Camps, Zugehörigkeiten oder anderen Mumpitz. Mit fehlender Engstirnigkeit hatte das nicht einmal was zu tun, immerhin zeigte Tips konkretes Soundbild damals den Facettenreichtum eines 9th Wonder.

 

Ein festgefahrenes Soundbild – da kann der Katalog noch so bunt sein – ist generell gerade beim dritten Album die schlechtestmögliche Voraussetzung. Bei dritten Alben muss man Versuche wagen, damit man nicht langweilig klingt, aber man darf es bloß nicht übertreiben. Nach acht Monaten ermüdender Sample-Suche hatten Phife, Ali und Tip die Hosen voll. Auch weil auf ihnen ein enormer ökonomischer Druck lastete. Jive verlangte Zahlen von den Jungs. Das sich gerade kommerzialisierende Genre labte sich am Dollarregen, ATCQ lümmelten beim Break Even. »Midnight Marauders« hatte ein so hohes Sampleclearing- wie Produktionsbudget – in einer Zeit, in der sich Labels eher ungern die Finger an teuren Sample-Klagen verbrannten. Dank Jive wurde »Midnight Marauders« aber nicht zu einem »Detox« und erschien im Oktober 1993 am gleichen Tag wie »Enter The Wu-Tang«. Tip, der Perfektionist, nein, der Kontrollfreak, musste jedoch gezwungen werden, das Album abzugeben. »Midnight Marauders« wurde perfekt.

 

Beats, Rhymes & Fights

 

Es ist nicht möglich, einen einzigen Grund für den Anfang vom Ende auszumachen, aber kurz nach der Veröffentlichung von »Midnight Marauders« war es vorbei mit dem Love Movement. Noch nicht mit der Gruppe selbst, aber mit dem Spirit, der sich in den vergangenen drei Jahren von Queens’ Linden Blvd. in die Welt verbreitete. Phifes Umzug nach Atlanta, seine mittlerweile zum echten Problem gewordene Diabetes, der Achtungserfolg des Albums, Tips Schauspieldebüt neben Janet und Pac in »Poetic Justice« mit dem einhergehenden endgültigen Schritt in den Mainstream und den Flirts mit Angie Martinez und Nicole Kidman, dazu seine Konvertierung zum Islam, Shaheeds offensive Zurückhaltung und Scheu vor jedweder Konfrontation – all das brachte das Tribe-Universum ins Wanken. Aber es brauchte noch zwei weitere Alben und knapp fünf Jahre, bis die Welt davon erfuhr.

 

»Beats, Rhymes & Life« hätte eine Veränderung in der Gruppendynamik nicht besser hörbar machen können. Q-Tips Cousin Consequence übernahm das Mikro öfter, als es Phife auf »People’s Instinctive Travels« getan hatte, und torpedierte dabei auf sieben Songs die Harmonie von Tip und Phife. Und dann war da dieser unbekannte Produzent aus Detroit – Jay Dee –, dem Tip und Ali so mir nichts, dir nichts einen Löwenanteil der Produktionen überließen. Die enttäuschten Fans waren sauer, die wohlwollenden Fans im besten Fall verwirrt. Der Tribe sollte Musik für seine Fans machen, dabei machte Tribe Musik immer nur für sich selbst. Auf »Beats, Rhymes & Life« versuchte man eine Formel zu finden, um dem omnipräsenten Rap&B entgegenzutreten. Nicht aus kampfgeistiger Überzeugung, sondern weil es niemand anders konnte. Böswillig gesagt, verfolgte Tip, oder vielmehr sein neues Alter Ego Kamaal Ibn John Fareed, aber nur seine eigenen Vorstellungen von HipHop. Dass er dafür James Yancey, einem der begabtesten Produzenten des Genres, dem unbekannten Schlafzimmer-Instrumentalisten, dem tragischen Helden, der mit einem Katalog für die Ewigkeit so viele Leben veränderte, seine erste Plattform gab, empfanden die Fans damals als mittlere Geschmacksverirrung. Letztendlich war es egal. Der Tribe konnte kein schlechtes Album machen. Schon gar nicht, wenn ihnen wie bei den letzten beiden Platten die Soulquarians-Clique zur Seite stand.

 

 

Demnach war auch »The Love Movement« kein schlechtes Album. Dennoch erreichte die Absurdität und die ganze verdammte traurige Wahrheit zwei Jahre später mit der Veröffentlichung ihren Höhepunkt. Das Trio brach endgültig auseinander. Natürlich im Streit, ohne das aber auch nur annähernd zugeben zu wollen. Dabei eröffnete Mos Def noch großspurig die Veranstaltung: »Ladies and gentlemen, I want to bring up a group of men who are all about love.«

 

»We don’t wannna keep trying to do it and then ruin it«, erklärte Tip im typischen Singsang beim exklusiven Breakup-Interview in der »Source«, um nur kurz darauf unter Tränen auf die Legacy zurückzublicken. Das Kapitel Tribe war zuende. Das Buch aber natürlich schon längst an eine neue Generation zwischen Rawkus Records und Conscious Rap übergeben. Zumindest zwei Dritteln der Crew fiel eine große Last von den Schultern.

 

Got ‘Til It’s Gone

 

Während der Aufnahmen zu »The Love Movement« fiel der Großteil von Tips Platten einem Feuer zum Opfer. Fortan hatte er sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr auf die Musik anderer Leute angewiesen zu sein, sondern selbst Musik zu machen. »Die Musik in mir brennt nicht, wenn mein Haus brennt«, erklärte er Jahre später den ­Gedanken im JUICE-Interview. Tatsächlich brannte die Musik in ihm lichterloh und entzündete sich fulminant auf seinem Solodebüt »Amplified«, das er unter der Federführung Dillas aufnahm. »Eines der schönsten Abenteuer der HipHop-Geschichte« nannte J Dilla einmal so treffend The Ummah, sein Produktionsteam mit Q-Tip und Ali Shaheed. Und auch wenn die Vergabe der Credits in diesem Zusammenschluss oft keine Priorität hatte, gehören die Produktionen bis heute zur besten Post-Tribe-Musik überhaupt. Tribes musikalische Enkel – Mos, Common und The Roots – standen Tip bei seiner neuen Suche genauso zur Seite wie die großen Damen Janet Jackson und Norah Jones. Q-Tip war endlich frei. So frei, dass es sogar für eklektische Psychedelic Funk-Ausflüge reichte, die dann jedoch (völlig zurecht, könnte man ätzen) jahrelang nicht das Licht der Welt erblickten. (Eh klar, Industrieregel viertausendachtzig!)

 

Phife Dawg startete das Leben nach dem Tribe mit einem Wortspiel. Mit einem schlechten, muss man leider sagen. Die Single »Bend Ova« sickerte 1999 fast ungehört durchs Netz, ebenso das dazugehörige Album »The Ventilation« – trotz Beats von Pete Rock, Dilla und Hi-Tek. Dabei sprach er – im Gegensatz zum seinem originalen Alias The Abstract alle Ehre machenden Tip – von all den Dingen, für die Genre-Fans zur Jahrtausendwende ihre Dollars rauswarfen – Vergleiche mit NFL-Größen, Songtitel wie »The Club Hoppa« und Rap-Skills an sich. Der Grund, wieso Phife an dem Fortbestand der Band so festhielt, wurde offensichtlich. Ali fand in Raphael Saadiq und En Vogue-Chanteuse Dawn Robinson neue Partner und zauberte als Lucy Pearl schönste Soul-Tanzmusik. Danach setzte er zurückhaltend wie eh und je mit seinem Soloalbum »Shaheedullah and Stereotypes« 2004 die Tribe-Tradition fort, Musik zu machen, die so schön ist, dass man sie gerne mal unterschätzt.

 

Im Präsens sprach man vom Tribe schon lange nicht mehr. Auch als man die Band 2007 bei den »VH1 Hip Hop Honors« auszeichnete und der vermeintlich direkte Tribe-Nachfahre Lupe Fiasco es wagte, an der Einflusshoheit des Stamms auf ­sämtliche Nachfahren mit halbpositiven Inhalten auf Boombap-Sound zu zweifeln. Lupe verkackte auf der Bühne seinen Einsatz beim Tribe-Tribute und rang sich die Erklärung ab, dass sein »Midnight Marauders« eben eher 8Ball & MJGs »Comin’ Out Hard« wäre. Ein ausgeklügelter Marketingplan hätte ein Tribe-Comeback nicht besser einleiten können. Auf seiner Solotour spielte Q-Tip bereits Songs seines in Kürze erscheinenden ersten Soloalbums in neun Jahren, die eine »Renaissance« versprachen – nicht nur die eines Sounds, der an alte Tage erinnerte, sondern eben auch des Gefühls. Ging es noch besser? Im Sommer 2008 spielten A Tribe Called Quest für neun Dates auf der »Rock The Bells«-Tour durch die USA.

 

Tatsächlich gingen Tribe nur aus einem Grund auf Tour: Phife, dem »funky diabetic«, waren seine Arztrechnungen über den Kopf gewachsen. Die alten Brüder, inklusive Jarobi, erhörten seine Bitte und wagten das Comeback, das schon von Beginn an unter keinem guten Stern stand. Die alten Unstimmigkeiten hatte man nicht aus dem Weg geräumt, zusätzlich musste sich Phife unter der Woche in ärztliche Behandlung begeben, um am Wochenende den Headliner-Slot nach Nas, De La Soul und Mos Def spielen zu können. Auf dem Weg zur Bühne bei der Show in L.A. platzte die Bombe – Phife und Tip gerieten aneinander und die Wunde platzte auf. Im Interview mit »Spin« hatte Tip kurz zuvor gesagt: »I never had a problem with Phife, he has a problem with me.« Und fertigte Phife ab, als wäre er ein Niemand in der Band. Die Reunion war gescheitert, Tribe wieder tot.

 

Diese Tage erscheint mit »Beats, Rhymes & Life«, eine Dokumentation über A Tribe Called Quest, die der Frage auf den Grund geht, ob Tribe jemals wieder gemeinsam Musik machen. Seit 13 Jahren schulden sie ihrer Plattenfirma noch ein Album. Der Film liefert neben der Historie einer Band auch die Geschichte einer Familie, die sich liebt und die sich hasst, der es dabei aber gelungen ist, eine Magie zu schaffen, die größer ist als sie selbst. Eine Magie, die sie zu echten Kings of HipHop macht. Die Dokumentation endet positiv, und damit steht auch die Geschichte von A Tribe Called Quest zumindest vorläufig vor einem guten Ende. Phifes Frau spendet ihm eine lebensrettende Niere, es kommt zur lange überfälligen Versöhnung von Phife und Tip, gemeinsam spielen sie im August 2010 Gigs in Japan. Eine Szene des Films zeigt die Proben für diese Shows und bringt die Magie von A Tribe Called Quest wunderbar auf den Punkt: Zu »The Chase Pt. II« stimmen Phife und Tip eine Choreografie ein und tanzen dabei mühelos synchron, in lässiger Harmonie, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Haben sie ja eigentlich auch nicht – zumindest nicht in unseren Erinnerungen.

 

Text: Alex Engelen

 

Fotos: Ernie Paniccioli

 

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