Wochenrückblick Teil 1: Kaas, »Amokzahltag« und die Medien

Nach dem Bekanntwerden der tragischen Erlebnisse in Winnenden am letzten Mittwoch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Medienmaschinerie bei ihrer Suche nach Erklärungen (und nicht zuletzt nach Schlagzeilen) auf Raps letztes Einhorn Kaas stoßen würde. Am Freitag sollte das Album „Amok Zahltag :D“ veröffentlicht werden. Ein tragischer Zufall, der zwar einerseits Kritik am Titel berechtigt erscheinen lässt, andererseits aber niemanden unglücklicher gemacht haben dürfte, als Kaas selbst.

Bereits am selben Abend wurde Kaas bei „Hart aber fair“ von Frank Plasberg an den medialen Pranger gestellt; ein Ausschnitt des Videos zu „Amok Zahltag“ kommentierte der stellvertretende Unions-Fraktionschef Wolfgang Bosbach mit den folgenden Worten: „Das ist meiner Meinung nach nicht Ausdruck eines Rechts auf freie Meinungsäußerung, sondern das ist gewaltverherrlichend und schwer jugendgefährdend (…). So etwas gehört nicht ins Netz. Das Internet ist eine fantastische technische Errungenschaft – leider lässt sich darin aber auch aller Dreck dieser Erde finden, vom Anleitungen für den Bombenbau, Aufruf zum Dschihad, Rekrutierung islamistischer Krieger, Kinderpornographie (…).“

Nun kann man von einem Politiker natürlich nicht erwarten, dass er das letzte JUICE Exclusive mit Kaas öffentlichem Aufruf zu mehr Zärtlichkeit in der Welt gehört hat („Streicheleinheiten“ , Ausgabe 3/2009), die ganze Chose verdeutlicht aber, dass eine der journalistischen Grundtugenden – nämlich gründliche Recherche – selbst bei den öffentlich rechtlichen Sendestationen hintenan gestellt wird, wenn es darum geht, die Informations- und Sensationslust der Bevölkerung schnellstmöglich zu bedienen. Hier der Link zur Sendung (Hart aber fair, 11.03.2009). Die BILD legt natürlich noch einen drauf und zieht auf gewohnt geschmacklose Art Parallelen zwischen Textpassagen und dem Tathergang.

Das Video, welches Chimperator übrigens selbst umgehend von den einschlägigen Plattformen entfernt hat, ist natürlich starker Tobak und sollte mit Rücksicht auf die Opfer jetzt nicht weiter verbreitet werden. Letzten Endes handelt es sich aber um eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesem sehr schwierigen Thema, die ausdrücklich nicht zu Gewalt aufrufen will. Das offizielle Statement von Chimperator gibt es hier. Einen guten, sachlichen Artikel hat Sophie Albers für Stern Online geschrieben.

Moderatoren, Politikern und allen anderen, die noch Zweifel an der substanziell positiven Grundeinstellung des selbsternannten Predigers der Liebe haben, sollte man vielleicht das Interview zukommen lassen, das die JUICE vor kurzem mit Kaas geführt hat: „Im Endeffekt weiß ich ja ganz genau, was ich will: Musik machen, die den Hörer ein gutes Gefühl empfinden lässt oder zum Weinen bringt, die eine friedliche, positive Message hat und Leute inspiriert, sich mit ihrer Spiritualität und Fantasie auseinander zu setzen.“

1 Kommentar zu “Wochenrückblick Teil 1: Kaas, »Amokzahltag« und die Medien”

  • Stean

    Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen: Frank Plasberg wird am 13. März 2010 in der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe der Radioregenbogen Award für den Medienmann des Jahres überreicht. Na herzlichen Glückwunsch^^

    02-04-10 » 11:27 »

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